Die grosse Karriere von Eishockeygoalie Jonas Hiller – ein Rückblick auf einen ungewöhnlichen Beginn und ein ungewöhnliches Ende

Der Eishockeyweg Jonas Hillers beginnt im Appenzellerland. Er führt über Davos in die NHL und endet in Biel: Ein Rückblick.

Lukas Pfiffner
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Die letzte Station: Jonas Hiller beim EHC Biel.

Die letzte Station: Jonas Hiller beim EHC Biel.

Marcel Bieri/Keystone

Seine Premiere bei den Aktiven ist ungewöhnlich: 17:2 gewinnt der 17-jährige Jonas Hiller mit dem SC Herisau am 12. Oktober 1999 die 1.-Liga-Partie in Arosa. Auch das letzte Spiel der Karriere, als 38-Jähriger, ist ungewöhnlich: Null Zuschauer erleben am 28. Februar 2020 das 5:1 von Biel gegen die ZSC Lions. Dazwischen liegen für Eishockeygoalie Hiller 395 Spiele in der höchsten Schweizer Liga und 437 Partien in der National Hockey League.

Die Eltern ziehen aus dem Thurgau ins Appenzellerland. Vater Gerhard, Buchdrucker, arbeitet im grafischen Gewerbe. Mutter Esther ist Lehrerin. Der lange Korridor im Urnäscher Wohnhaus eignet sich für die Knirpse Jonas, Jahrgang 1982, und Simon, Jahrgang 1984, hervorragend, um mit Stöcken und Bällen zu spielen.

Die Eltern kommen aus dem Basketballsport, wenden sich mit ihren Söhnen aber dem Eishockey zu. Die Mutter engagiert sich als Trainerin bei den Piccolos in Herisau. Der Vater übernimmt Funktionen im Nachwuchs des SC Herisau, als Betreuer, Marketingchef, Obmann. «Wir waren froh um die Unterstützung. Junge Eishockeyaner haben es mit all dem Material ja nicht einfach», wird Jonas als bestandener Profi einmal sagen.

«Tolle Jungs und tolle Spieler»

Ende der 1990er-Jahre erregt Herisau, lange vor allem schlauer Verwalter der bescheidenen Mittel, nationales Aufsehen. 1997 steigt es völlig unerwartet in die NLA auf. Wenn der Kanadier Mark McGregor, Aufstiegscoach und zuvor Nachwuchs-Cheftrainer bei den Ausserrhodern, mit dem Abstand von einigen Jahren von «tollen Jungs und tollen Spielern» sprechen wird, meint er nicht nur die damaligen Akteure der ersten Mannschaft wie Markus Bachschmied, Devin Edgerton oder Claude Vilgrain, sondern auch die nachrückende Generation in der Nachwuchsabteilung.

Wie Hiller. Er wird 1998 mit den Novizen Schweizer Meister. Aus jenem Team werden zudem Emanuel Peter, Thomas Nüssli und Beat Forster bemerkenswerte Karrieren in der obersten Schweizer Liga machen. Hiller wird für Auswahlen nominiert, spielt aber nie für eine Junioren-Nationalmannschaft an einem grossen Turnier. Er besucht während zweier Jahre das Gymnasium Appenzell, kommt in der ersten Mannschaft Herisaus zu einzelnen Schnuppereinsätzen.

Bruder Simon – er ist nicht Torhüter, sondern Feldspieler – schafft es in die Nachwuchs-Regionalauswahl. Einmal steht ihm ein Kollege in der Garderobe auf den Fuss; er muss sich operieren lassen. Simon macht nicht die grosse Karriere. Er stürmt in Schaffhausen und im Thurgau für Clubs der 2. und 3. Liga und ist später für die Medien vor allem interessant, wenn er über den Bruder Auskunft gibt. Jonas sagte einmal:

«Vielleicht war ihm auch anderes wichtig. Ich hatte mehr Biss.»

Um die Jahrtausendwende ist es noch nicht alltäglich, dass ein Junger aus sportlichen Ambitionen Elternhaus und Schule verlässt. Hiller will sein Studium an der Sportmittelschule Davos fortsetzen und treibt bei den Bündnern seine Hockeyausbildung voran. Von 2000 bis 2003 ist er «Back-up» hinter NLA-Stammgoalie Lars Weibel. Spielpraxis hat er fast nur bei den Junioren. Seine Maturaarbeit trägt den Titel: «Geschichte und Finanzierung des Terrorismus».

In welche Richtung es beruflich einmal gehen werde, wisse er noch nicht, sagt er zu diesem Zeitpunkt. Mit dem Spieler zweifeln auch die Eltern ab und zu: Ist das Ganze sinnvoll? Wie soll es weitergehen? 2003/04 geht es in Lausanne weiter – in der Endphase der NLA-Saison ist Hiller dort Stammspieler. Davos muss finanziell zurückbuchstabieren und plant ohne Weibel: Hiller kehrt zu den Bündnern zurück. Ein Magazin schreibt in einer Vorschau auf die Saison 2004/05:

«Dass Hiller und Bäumle einen Weibel nicht vergessen machen können, weiss in Davos jeder.»

Bald weiss jeder, dass das Gegenteil der Fall ist. Wie zu Zeiten von Trainer Arno Del Curto üblich, werden die Jungen in Davos aus dem grössten Medienrummel herausgehalten, besonders die Torhüter. Hillers langjähriger Goalietrainer Marcel Kull erklärt damals: «Wir brauchen nicht einen Schnellläufer, der hochgejubelt wird, sondern wir wollen noch viel erreichen.»

Allerdings. Hiller gilt als sehr ehrgeizig und lernfähig, Kull als liebenswürdig, minutiös, kompetent, auch als zielgerichtet, fordernd, schonungslos. Hiller habe schon als ganz Junger eine spezielle Art gehabt. «Er hat immer vieles hinterfragt, mit dem Ziel, besser zu werden», erzählt Kull, als sich Hiller in der NLA etabliert.

«Wenn er ein schlechtes Drittel zeigt, kann er dies schnell wegstecken», erkennt Journalist Hansruedi Camenisch, ein langjähriger Begleiter des HC Davos, früh eine der herausragenden Fähigkeiten des Appenzellers. 2005 absolviert Hiller sein erstes Länderspiel. Er ist wichtiger Faktor bei je zwei Schweizer-Meister-Titeln und Spenglercup-Siegen und wird von NHL-Organisationen kontaktiert.

2007 wagt er den Sprung über den grossen Teich. Er behauptet sich bei den Anaheim Ducks in einer unbekannten Welt und wird zur ruhigen, anerkannten Grösse. Hiller setzt die Tradition starker Schweizer NHL-Torhüter fort – nach Martin Gerber und David Aebischer.

Jonas Hiller erarbeitet sich in der NHL bei den Anaheim Ducks gross Ansehen.

Jonas Hiller erarbeitet sich in der NHL bei den Anaheim Ducks gross Ansehen.

Jae C. Hong / AP

Ein englischer Ausdruck kommt ihm früher in den Sinn

2010 melden die Ducks, dass Hiller einen neuen Vierjahresvertrag unterzeichnet hat und damit 18 Millionen Dollar verdienen wird. «Das ist fast irreal. Ich sehe das Geld aber als eine Art Entschädigung dafür, dass ich mich schon vor vielen Jahren oft im Training aufgehalten habe, statt im Ausgang», kommentiert er. Wenn er für den Sommer aus den USA in die Schweiz zurückkehrt, kommt ihm manchmal ein englischer Ausdruck früher in den Sinn als das Wort im Schweizer Dialekt.

Er entdeckt die Freude an Autos, schraubt in Kalifornien an ihnen herum. 2011 wird Hiller für das All-Star-Game der NHL nominiert. Bald plagen ihn rätselhafte Schwindelgefühle, frustrierend für den Perfektionisten. Erst nach Monaten klingen sie ab.

Status Quo singen «Caroline»

Hiller stellt sich nicht gerne in den Mittelpunkt. Aber er weiss, dass öffentliche Auftritte ein Stück weit zu seinem Beruf gehören. «Die Leute interessieren sich für die Person und das, was man macht. Mein Sport lebt auch von den Zuschauern; sie zahlen die Entlöhnung mit.» Im August 2013 ist er in der Fernsehsendung «SRF bi de Lüt – live» zu Gast; mit alt Bundesrat Hans-Rudolf Merz, der Band Status Quo und einer Sennensattlerin.

Moderator Nik Hartmann kündigt ihn auf dem Platz vor der Herisauer Chälblihalle als «Jonas, the Killer Hiller» an, bevor sie nebeneinander an Seilen in die Höhe klettern. Nachher eilen Status Quo aus dem benachbarten Altersheim auf die Bühne und singen«Looking Out For Caroline».

Just in jenen Tagen heiratet Hiller seine Freundin Karolina. Dem Lokaljournalisten verrät er, dass er nicht davon ausgehe, seine Karriere in der Schweiz zu verlängern. Er sagt:

«Die Erwartungen an mich wären riesig, und das Niveau hier ist auch hoch.»

Es wird jedoch anders kommen. Nach einem weiteren Jahr in Anaheim unterschreibt er bei den Calgary Flames, spielt eine gute Saison. Im Folgejahr muss der Torhüter merken, dass der Trainer nicht mehr auf ihn setzt, um es einmal nett zu formulieren.

Die «Bogenlampe» des Jünglings

2016 schliesst er sich dem EHC Biel an. Auf der Club-Website schmückt ein Ausrufezeichen die Meldung seines Zuzugs. Hiller freut sich ebenfalls, «weil das Gesamtpaket stimmt.» Wichtig ist der private Bereich. Er hat schon während einiger Jahre den Sommer in Bern verbracht, nicht mehr in Davos. Seine Frau stammt aus der Region Bern, wo die Familie ein Haus bezieht. 2017 wird Hiller zum zweiten Mal Vater.

Nach schlechten Spielen und Resultaten ist ihm die schlechte Laune anzumerken. In Herisau schon und dann in Davos, an seinen beiden NHL-Stationen, auch in Biel. Aber er ist Profi genug, um diese Momente durchzustehen. Als ihn der Zuger Jüngling Yannick Zehnder mit einer unglaublichen «Bogenlampe» von der Mittellinie aus bezwingt, stellt sich der Routinier vor die Fernsehkameras und beschreibt in Französisch und Deutsch sein Missgeschick. 2019 kündigt er seinen Rücktritt auf 2020 an. Hiller erreicht im vierten Jahr mit Biel zum vierten Mal die Playoffs, darf sie wegen des Coronavirus aber nicht spielen.

So wird sein Abschied ein leiser. Bei der ersten Schweizer Kite-Surf-Marke Gin ist er unterdessen nicht nur Kunde, sondern Besitzer und Hauptaktionär. Er will mehr Zeit ins Geschäft investieren. Langweilig werde es ihm nicht, kündigt Hiller in seinen Abschiedsinterviews an. Die Familienangehörigen sollen nun im Mittelpunkt stehen. Und Reisen. So bald als möglich.