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Snowboarder Iouri Podladtchikov: «Ich bin ein unerträglicher Egoist»

Olympiasieger, Künstler und Stilikone – nur ein paar Facetten von Profi-Snowboarder Iouri Podladtchikov. Ein Gespräch über Schicksalsschläge, Tränen und Liebesgeschichten.
Interview: Sébastian Lavoyer
«Ich hätte gerne geweint, als ich Gold gewann», sagt Iouri Podladtchikov. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone (Laax, 17. Januar 2019))

«Ich hätte gerne geweint, als ich Gold gewann», sagt Iouri Podladtchikov. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone (Laax, 17. Januar 2019))

Es hat eben angefangen zu schneien, das Licht schwindet langsam. Es ist halb fünf am Donnerstagabend. Die meisten Wintersportler sind jetzt auf dem Weg ins Tal. Gleichzeitig schwebt eine Gondel zum Crap Sogn Gion hoch. 2252 Meter über Meer thront hier die Bergstation. Wie ein Raumschiff sieht sie aus. Daher der Name, Galaaxy. Das Camouflage-Muster, das das Gebäude ziert, ist auch mehr als 1000 Meter weiter unten im Tal auszumachen. Am Fuss des futuristisch anmutenden Gebäudes steht sie, die grösste Halfpipe der Welt, 6,90 Meter hoch, 200 Meter lang, 22 Meter breit.

In knapp einer Stunde beginnt hier das Training der Snowboarder. Die Brett-Gladiatoren sollen sich an die Verhältnisse gewöhnen. Am Samstag werden sie um die gleiche Zeit durch die Halfpipe fliegen. Im Flutlicht, umgeben von Dunkelheit. Noch aber liegt ein sanftes Dämmerlicht über dem Schnee. Iouri Podladtchikov kommt die Treppe hoch. Ein freundliches Lachen, eine herzliche Begrüssung. Wir gehen zu den olivgrünen Sofas, die rund um das offene Cheminée in der Raummitte angeordnet sind. Der Olympiasieger zieht Helm und Jacke aus, fläzt sich hin und schlägt die Beine übereinander.

Iouri Podladtchikov, immer mehr Kinder fahren Ski, Snowboarden ist out. Ist das ein Problem für Sie?

Es spielt keine Rolle, ob jemand Snowboard, Ski, Big Foots oder Schlitten fährt. Das Problem ist, dass die Leute heute oft einfach faul vor ihrem Netflix sitzen und sich nicht mehr in die Kälte rausjagen lassen wollen. Es geht echt nicht darum, wer was an den Füssen hat. Es geht darum, dass die Leute gerne auf den Berg kommen, diese Luft einatmen anstatt im Wohnzimmer rumzugammeln.

Was halten Sie vom Skifahren?

Skifahren ist eigentlich etwas Wunderschönes, es ist etwas Ästhetisches. Eigentlich sollten wir Snowboarder den Skifahrern danken. Ohne sie gäbe es uns nicht. Es gäbe keine Lifte, keine Infrastruktur, nichts. Was ästhetischer ist, mehr Spass macht, mehr erfüllt, das muss jeder für sich entscheiden.

Sie entschieden sich fürs Boarden.

Weil mich das Skifahren nie so berührt hat wie das Snowboarden. Ich staune bloss, dass es vielen Leuten egal zu sein scheint, dass sie viel zu schwere Schuhe an den Füssen haben und die Schmerzen darin ertragen müssen. Und im Tiefschnee ist es auf Skiern unbestritten niemals so toll wie auf dem Snowboard.

Wird der Sport immer extremer, um überhaupt noch Aufmerksamkeit zu kriegen?

Die Wettkämpfe werden immer brutaler, das steht ausser Frage. Wir gehen immer weiter, pushen uns gegenseitig, so läuft sportlicher Wettbewerb. Es hat sich vieles verändert im Snowboard. In der Vorbereitung ist viel mehr gefragt von jedem Athleten. Es wird der Moment kommen, wo ich nicht mehr mithalten kann.

Vater Geophysiker, Mutter Mathematikerin

Die Eltern von Iouri Podladtchikov, Vater Yuri und Mutter Valentina, haben sich an der Uni in Moskau kennen gelernt. Er ist Geophysiker, sie Mathematikerin. Ihr 30-jähriger Sohn Iouri Podladtchikov studiert zwar auch (Kunstgeschichte), doch das ist bloss eine Nebenbeschäftigung. Snowboarden ist seine Passion und sein Job. In Russland geboren, fährt er seit knapp zwölf Jahren für die Schweiz. 2014 gewann er in Sotschi als zweiter Schweizer nach Gian Simmen Olympia-Gold. Auch dank dem von ihm erfundenen und benannten Yolo-Flip. Am Contest in Laax landete Podladtchikov auf Rang 6. (sl)

Sie haben ein Seuchenjahr hinter sich: Hirnblutung, Magengeschwür, heftige Stürze. Wie lange tun Sie sich das noch an?

(Überlegt lange.)

Die Frage stellt man sich natürlich immer wieder. Aber Snowboarden gibt mir noch immer pure Lebensfreude. Sie entsteht schon, wenn ich mir das Brett anschnalle. Sobald ich das tue, kommen all die Erinnerungen und Gefühle hoch, die mit dieser Handlung verbunden sind. Und dann gibt es keine Fragen mehr. Für mich ist klar, dass ich weitermache, solange ich diese Freude habe, mich verbessern kann und meinen Platz in diesem Zirkus habe.

Diese Stürze können Ihnen scheinbar nichts anhaben?

Snowboarder sind sicher nicht zu vergleichen mit Leuten, die weniger auf den Kopf fallen. Ich erinnere gerne daran, dass wir eigentlich ständig solche Stürze haben, nur sehr selten auf einer grossen Bühne. Denn normalerweise darf bei einem Finallauf nichts schiefgehen. Du willst gewinnen, also willst du alles perfekt runterbringen.

Das klappte in Aspen vor Olympia und zuletzt in China nicht.

In China hat es mich verwindet, in Aspen habe ich mich zu weit von der Pipe abgedrückt. Ein Fehler mit fatalen Auswirkungen. Das war sicher mein heftigster Sturz. Es ändert aber nichts daran, dass das Stürzen quasi zur Tagesnorm gehört. Ich würde deswegen nicht meine Karriere in Frage stellen.

Irgendwann setzt der Körper Grenzen.

Wenn man sich eine Hirnerschütterung zuzieht, muss man den Kopf relativ heftig anschlagen (lacht). Logisch, die Stürze in China und Aspen waren heftig. Aber ich bin seit zwanzig Jahren intensiv am Snowboarden, so harte Stürze sind Einzelfälle.

Bekommt man als Snowboarder ein anderes Verhältnis zu Schmerz?

Ja, mit Sicherheit. Man spricht beim Snowboarden nicht umsonst von einer Extremsportart, denn man muss extrem viel Schmerz ertragen können (lacht). Das wird von vielen Menschen unterschätzt. Stürze sind die Norm. Und das von klein auf. Man muss der Typ dafür sein, und das ist nicht jeder.

Lernt man den Schmerz ignorieren?

Nein, man lernt seinen Körper extrem gut kennen.

Auf eine extrem harte Art.

Ich weiss es nicht. Schon als kleiner Bub haben mich die tapferen Männer fasziniert, Typen, die keinen Schmerz empfinden. Die Ninjas und Ritter. All diese hochidealisierten Figuren. Diese extrem tapferen Kerle, Helden halt. Boys don’t cry – auf eine Art.

Wann haben Sie zuletzt geweint?

Puh, gute Frage. Ich wünschte, es wäre gestern gewesen. Aber ich weiss es nicht, ich kann es nicht genau sagen. Doch, halt. Ich weine jeweils, wenn ich im Flugzeug Filme schaue. Es ist komisch, aber über den Wolken bin ich viel emotionaler als sonst. Da erwischt es mich öfters. Es muss gar nichts Schlimmes passieren. Aber ich glaube, das haben andere auch.

Wegen Schmerzen weinen Sie nie?

Das ist absolut unmöglich. Da zertrümmere ich vorher etwas. Wegen physischen Schmerzen zu flennen, das geht gar nicht. Das ist falsch. Hoffentlich lernen das die Leute ganz früh in ihrem Leben. Das ist falsch.

Und weinen, wenn man siegt wie Roger Federer?

Das ist etwas anderes. Ganz ehrlich, ich hätte auch gerne geweint, als ich Olympia-Gold gewann. Aber niemand hat es geschafft, meine Mam nicht, mein Dad nicht und ich auch nicht. Wir haben uns die ganze Zeit gefragt: Hast du schon geweint? Hast du schon geweint? Wir haben die ganze Woche auf den Moment gewartet, in dem es uns komplett auseinanderreisst.

Und?

Es ist leider nie passiert. Ich bin fast ein bisschen neidisch auf Leute, die das können. Aber weinen, weil dir etwas wehtut, das geht nicht. Und wegen einer Niederlage auch nicht.

Da sind Sie extrem hart.

Das ist wohl das russische Blut in mir. In der russischen Kultur ist ein solches Verhalten total inakzeptabel.

Nach solchen Stürzen, haben Sie da Angst, wieder in die Pipe zu gehen?

Es macht nur Angst bis zu dem Augenblick, in dem du den Trick wieder gemacht hast, bei dem du gestürzt bist. Danach ist alles wieder gut. Das ist ein psychisches Problem, das alle Leute haben. Das ist wie in dasselbe Auto reinzusitzen oder sich ins gleiche Bett zu legen (lacht) …

. . . in dem du einen Unfall hattest.

Im Ernst, es ist ein psychisches Problem. Im Skateboarden gibt es den Spruch: Solange du noch aufstehen kannst, stehst du auf und machst den Trick noch einmal. Ich konnte nicht mehr aufstehen in China (lacht). Es ist merkwürdig, die Leute, die es verstehen, fragen oft: Und, hast du den Sprung noch einmal gemacht?

Haben Sie?

Den von Aspen, den Alley Oop Backside Rodeo, den nur ich springe, bis jetzt nur aufs Kissen. Aber er fühlt sich gut an. Aber in China war es der Wind. Das kannst und willst du nicht noch einmal machen (lacht). Den Trick habe ich seither etwa 50 Mal gemacht.

Wie geht eigentlich Ihre Mutter mit all dem um?

Nach dem Sturz in China ist etwas sehr Schönes passiert. Meine Mutter hat mich am Flughafen abgeholt und schon vorher angekündigt, dass ich Hausarrest kriegen würde. Sie haben mir mein . . . Wie nennen sie das schon wieder? Genau, mein kosmopolitisches Leben verboten. Meine Mam hat gekocht und zu mir geschaut, mein Dad war mit seinen Formeln beschäftigt, und ich machte nichts anderes als essen, schlafen und russische Serien-Klassiker schauen.

Wie lange kriegten Sie denn Hausarrest?

Während der gesamten Festtage. Ich war fünf, sechs Tage allein mit meinen Eltern. Das habe ich sehr genossen. Denn diesbezüglich bin ich eine Drama-Queen: Ich habe gerne die ganze Aufmerksamkeit für mich allein.

Sie hatten im vergangenen Jahr viele Zwangspausen. Wie helfen die?

Das Schlimmste ist, wenn du in solchen Augenblicken nichts anderes hast. Deshalb ist es meines Erachtens mega wichtig, dass man ein Leben neben dem Sport hat. Ich habe letztes Jahr mein Kunstgeschichte-Studium vorangetrieben, 27 ECTS-Punkte gemacht.

Und für die Liebe, haben Sie Zeit für die Liebe?

Natürlich, für die Liebe muss man sich Zeit nehmen. Immer. Wobei momentan gerade extreme Ich-Zeit ist. In diesen intensiven Wochen gibt es nur mich. Ich hätte keine Kapazität für sonst jemanden, einen grossen Teil des Jahres bin ich extrem abwesend. Das will ich niemandem antun. Ich kann gar niemandem gehören. Weil ich ein unerträglicher Egoist bin.

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