«Ich führe ein gutes Leben»

Der Schweizer Marco Chiudinelli steht als Tennisprofi im Schatten seiner Landsleute Roger Federer und Stan Wawrinka. Doch der 34jährige Basler ist Realist. Er versichert glaubhaft, mit seiner Rolle zufrieden zu sein und mit dem, was er hat.

Christian Brägger/Basel
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Marco Chiudinelli: «In jeder Sportart gibt es Topspieler und Leute, die es nie ganz nach oben schaffen.» (Bild: freshfocus/Steffen Schmidt)

Marco Chiudinelli: «In jeder Sportart gibt es Topspieler und Leute, die es nie ganz nach oben schaffen.» (Bild: freshfocus/Steffen Schmidt)

TENNIS. Marco Chiudinellis ATP-Auftritte sind meist beendet, bevor das Turnier in die entscheidende Phase geht. Oder er spielt auf der tieferen Stufe der Challenger Tour, irgendwo in Taipeh oder Frankreich. Dort geht es nicht so sehr ums Preisgeld, vielmehr stehen Weltranglistenpunkte im Fokus; sie sind der Türöffner für die grossen Tennisbühnen der Welt.

Der 34jährige Chiudinelli tritt selten auf diesen bedeutenden Courts an. Ist er also ein Idealist? «Nein. Ich war immer ein Realist», sagt der Basler in der Players Lounge der Swiss Indoors, für die er eine Wildcard erhalten hat. Früh habe er gespürt, dass es nie für einen Grand-Slam-Titel oder für die Teilnahme am Masters reichen würde. «Aber es ist ein Privileg, dass ich mir mit Tennis meinen Lebensunterhalt verdienen kann. In jeder Sportart gibt es Topspieler und Leute, die es nicht ganz nach oben schaffen.»

Die Rechnung geht auf

Laut Finanzbuchhaltung der ATP hat Chiudinelli in diesem Jahr seit Ende Mai 58 000 Dollar brutto an Preisgeld verdient, in seinem Tennisleben kommt er auf 1,7 Millionen Dollar. Geht die Rechnung auf, zumal sicher der Trainer, allenfalls ein Physiotherapeut oder Konditionstrainer bezahlt werden müssen? Chiudinelli bejaht, schliesslich gibt es noch weitere Einkommensmöglichkeiten wie Sponsoren, Interclub oder Davis Cup. «Zu Beginn musste ich schon drauflegen. Damals unterstützten mich die Eltern aber noch.»

Chiudinelli lancierte die Profikarriere als 18jähriger spät. Noch bis ins 13. Lebensjahr hatte er auch beim FC Basel eine gute Figur abgegeben. Roger Federer, der Jugendfreund aus gemeinsamen Zeiten beim TC Old Boys, sei anders, fokussierter gewesen. Federer hätte immer gewusst, dass er die Tenniswelt erobern will und tat dies dann auch, sagt Chiudinelli. Stan Wawrinka zog später nach und man fragt sich, ob da keine Eifersucht aufkommt. «Neid hat keinen Platz» sagt Chiudinelli. «Ich lebe in ihrem Schatten gut, weil die beiden und vor allem Roger dafür verantwortlich sind, dass das Tennis in der Schweiz etwas bedeutet. Davon habe ich profitiert, unser Davis-Cup-Sieg liefert den besten Beweis dafür.»

Mit 23 Jahren ging es bei Chiudinelli aufwärts, die Top 100 lagen in Reichweite. Ständig hinderten ihn Probleme mit Schulter, Rücken oder Knie, sich dort festzusetzen. «Ich habe drei Jahre wegen Verletzungen verloren», sagt er. Wieder und wieder rappelte er sich auf. Immerhin war er nach dem Erreichen der dritten Runde an den US Open 2009 und der Halbfinalqualifikation am Basler ATP-Turnier die Nummer 52 der Welt. «Aber ich konnte das Niveau nicht halten, obwohl ich spürte, dass mein Spiel dafür vorhanden war.»

Heuer stieg Chiudinelli nach einer Operation am Ellbogen später in die Saison ein, inzwischen liegt er auf Position 313, besitzt aber von der ATP einen geschützten Status. Vorerst wird er wieder Challenger-Turniere spielen. Er sagt: «Wenn ich mein Leben auch jetzt nicht gut fände, hätte ich längst aufgehört.» Bald möchte er mit der Freundin in der Schweiz sesshaft werden, vor allem will er den Absprung nicht verpassen und mit 50 Jahren jemand sein, der nirgendwo zu Hause ist. Ein Jahr werde er sich wohl noch geben, «mein Körper ist ja wegen Verletzungen nicht so verbraucht.»

Niederlage gegen Cilic

Gestern verlor der Schweizer seine Erstrundenpartie an den Swiss Indoors gegen Marin Cilic nach 89 Minuten 3:6, 6:7. Chiudinelli musste dieses Gefühl der Niederlage gegen den US-Open-Sieger 2014 vertraut sein, es war wie so oft. Er war nah dran, aber nicht nah genug, als dass es gegen einen Hochbegabten der Tenniswelt gereicht hätte.