«Ich fühle mich keineswegs alt»

In der vergangenen Woche trat der ehemalige St. Galler Spitzenschwimmer Dominik Meichtry zurück. Der 30-Jährige nennt im Interview die Gründe für seinen Rücktritt. Beruflich hat der in Los Angeles wohnhafte Ostschweizer vom Pool in den Operationssaal gewechselt.

Christof Krapf
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An den Olympischen Spielen 2008 in Peking holte Dominik Meichtry mit Rang sechs ein Diplom. (Bild: ap/Michael Sohn)

An den Olympischen Spielen 2008 in Peking holte Dominik Meichtry mit Rang sechs ein Diplom. (Bild: ap/Michael Sohn)

Herr Meichtry, in der vergangenen Woche gaben Sie Ihren Rücktritt bekannt. Warum?

Dominik Meichtry: Nach meinem letzten internationalen Rennen an der WM in Barcelona vor einem Jahr legte ich eine Pause ein. Ich trainierte nur dosiert und wollte herausfinden, was ich in Zukunft machen will. Vor zwei Wochen habe ich mich zum Rücktritt entschieden, länger geplant war er also nicht. Ich bin aber überzeugt, dass der Entscheid richtig war. Denn ich bin 30 Jahre alt und gehöre zu den älteren Schwimmern. Körperlich bin ich nicht mehr so frisch wie früher, obwohl ich mich keineswegs alt fühle. Auch mental wurde es immer schwieriger, neue Herausforderungen zu finden.

Sie sprechen mentale Herausforderungen an. Für einen Laien wirkt Schwimmtraining langweilig. Wie sind Sie damit umgegangen, stundenlang Ihre Bahnen zu schwimmen?

Meichtry: Ich hatte immer sehr gute Trainer, welche das Training so spannend wie möglich gestaltet haben. Zudem trainierte ich mit den weltbesten Athleten, was jeden Tag eine Herausforderung war. Ausserdem hat mir das Schwimmen viel gegeben. Ich durfte an der University of California in Berkeley mit einem Sportstipendium studieren, und der Sport führte mich zu meiner heutigen Ehefrau Jessica Hardy.

Vor der WM in Barcelona sagten Sie, dass Sie jedes Jahr darauf achten müssen, finanziell durchzukommen. Waren die knappen Finanzen auch ein Grund für den Rücktritt?

Meichtry: Das Geld hat bei meinem Entscheid nur am Rande eine Rolle gespielt. Auch wenn ich mit Schwimmen nicht reich geworden bin. Es geht vielen Athleten gleich wie mir. Als Einzelsportler hat man entweder eine gute oder eine schlechte Saison. Je nach Leistungen fällt es einem schwerer, Sponsoren zu finden.

Sie waren zwölf Jahre Mitglied des Schweizer Nationalteams. Kam beim Rücktritt Wehmut auf?

Meichtry: Mir geht es gut und ich war überrascht, wie gross in den Schweizer Medien über meinen Rücktritt berichtet wurde. Natürlich werde ich das Schwimmen vermissen. Ich bin aber an einem guten Punkt in meinem Leben, um vom Spitzensport zurückzutreten. Ich habe vor einem Jahr geheiratet und fühle mich wohl in Kalifornien.

Worauf freuen Sie sich am meisten nach dem Rücktritt?

Meichtry: In den vergangenen zwölf Jahren hatte ich neben dem Training nicht viel Zeit für anderes, und meine Tage waren durchstrukturiert. Ich freue mich auf ein normales Leben. Nun habe ich kein schlechtes Gewissen mehr, wenn ich ein Stück Schokolade esse. Und wenn ich unter der Woche ein Bier trinken will, darf ich das jetzt (lacht).

Gibt es einen Moment in Ihrer Karriere, für den sich der ganze Trainingsaufwand gelohnt hat?

Meichtry: Es gab in jeder Saison Höhepunkte. Angefangen hat es an der WM 2003 in Barcelona, als ich als zweitjüngster Teilnehmer in den Halbfinal vorstiess. Das war für mich der Hammer und gab mir einen enormen Motivationsschub. Ein Jahr später folgten dann meine ersten Olympischen Spiele in Athen. Von 2003 bis 2012 war ich immer unter den besten 16 der Welt. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so lange auf derart hohem Niveau mithalten kann. Ich konnte aber immer auf ein gutes Umfeld mit kompetenten Trainern zählen. Ohne diese Leute hätte ich nicht eine so erfolgreiche Karriere gehabt.

Seit Abschluss Ihres Studiums in Psychologie und Sozialwissenschaften 2009 waren Sie Profi. Wie sieht Ihre berufliche Zukunft nach dem Spitzensport aus?

Meichtry: Ich absolvierte bereits im vergangenen März ein Praktikum bei einer Orthopädie-Firma, die künstliche Hüftgelenke herstellt. Ich habe mir mit zwölf Jahren die Hüfte gebrochen und kenne mich mit diesem Gelenk also aus (lacht). Vor drei Wochen hat mich das Unternehmen fest angestellt, was den Entscheid zum Rücktritt leichter gemacht hat. Seither stehe ich täglich im Operationssaal und unterstütze die Chirurgen, welche unsere Gelenke implantieren, bei Fragen oder Komplikationen.

Ein Wechsel ins Trainer-Geschäft war also keine Option?

Meichtry: Ich wäre als Coach wohl zu strikt. Deshalb glaube ich, dass Trainer für mich nicht die richtige Rolle wäre. Zudem habe ich ein Studium in Psychologie und Sozialwissenschaften abgeschlossen. Ich will damit mehr erreichen, als als Coach am Beckenrand zu stehen.

Sie bleiben dem Schwimmsport also nicht erhalten?

Meichtry: Doch, ich will dem Sport etwas zurückgeben. Das würde mir viel bedeuten. Allerdings will ich eher in einer beratenden Funktion tätig sein. Im kommenden Januar werde ich beispielsweise an einem Trainersymposium in Uster zu Gast sein. Zudem bereitet sich meine Ehefrau Jessica (Olympiasiegerin und fünffache Weltmeisterin, die Red.) auf Olympia 2016 in Rio de Janeiro vor. Diese Vorbereitungen sehe ich nun von einer andere Seite. Man wird mich also auch in Zukunft an Schwimmwettkämpfen antreffen.

Dominik Meichtry Zurückgetretener Schwimmer (Bild: ky/Patrick B. Kraemer)

Dominik Meichtry Zurückgetretener Schwimmer (Bild: ky/Patrick B. Kraemer)