«Ich erwarte eine Reaktion»

Der FC St. Gallen bestreitet heute ab 19.30 Uhr in Winterthur den Cup-Viertelfinal. Dölf Früh, seit Dezember 2010 Präsident, über die Wichtigkeit zusätzlicher Einnahmen, finanzielle Verluste und die Super-League-Tauglichkeit des Teams.

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Der 60jährige Dölf Früh wünscht sich von seiner Mannschaft den Aufstieg und heute im Cup die Halbfinal-Qualifikation. (Bild: Urs Jaudas)

Der 60jährige Dölf Früh wünscht sich von seiner Mannschaft den Aufstieg und heute im Cup die Halbfinal-Qualifikation. (Bild: Urs Jaudas)

Herr Früh, mit welchem Gefühl haben Sie das Stadion nach dem 0:0 gegen Wohlen verlassen?

Dölf Früh: Ich war enttäuscht. Der Mannschaft hat die letzte Überzeugung gefehlt. Ich hoffe, es war ein Weckruf zur richtigen Zeit. Spieler und Trainer sind nun gefordert, die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Das betrifft vor allem das Cupspiel in Winterthur. Was erwarten Sie von der Mannschaft?

Früh: Eine Reaktion. Wenn die Mannschaft geschlossen und kämpferisch auftritt, hat sie eine grosse Chance, weiterzukommen.

Sind Sie ein Präsident, der vor die Mannschaft tritt und sagt: «He, es steht auch finanziell einiges auf dem Spiel»?

Früh: Sicher nicht. Jeder muss jene Rolle einnehmen, die ihm zusteht. Es geht in erster Linie um den sportlichen Erfolg. Der Cup ist eine Chance für den Club und die Anhänger. Das wissen die Spieler. Ich bin stets in Kontakt mit der sportlichen Leitung, mit Trainer Jeff Saibene und Sportchef Heinz Peischl. Ich war im Trainingslager in der Südtürkei. Ich kenne die Spieler, sie kennen mich.

Hat der Club eine Prämie ausgesetzt?

Früh: Ja, die Spieler sind am Erfolg beteiligt.

Wie viel würden sie erhalten?

Früh: Das bleibt intern.

Die Saison in der Challenge League reisst ein Loch in die Kasse. Wie wichtig wäre da zumindest das Erreichen des Cup-Halbfinals?

Früh: Es wäre ein Zustupf, den wir sehr gerne nehmen würden.

Gibt es eine Tendenz, wie viel Geld dem FC St. Gallen am Ende dieser Saison fehlen wird?

Früh: Schon als wir die Gesellschaften vor eineinhalb Jahren sanierten, befanden wir uns sportlich in einer schwierigen Situation. Wir mussten den Abstieg in Betracht ziehen. Am Ende dieser Saison wird der Verlust siebenstellig sein. Aber wir werden diesen dank unserer langfristigen Planungen abfedern können.

Die Bandbreite eines siebenstelligen Verlusts ist gross. Wird er eher in der Nähe von einer Million oder neun Millionen Franken sein?

Früh: Die genauen Zahlen sind noch nicht bekannt. Es wird einige Faktoren geben, die das Ergebnis beeinflussen. Zuschauereinnahmen, der Erfolg unseres Verkaufsteams und eben auch der Cup. Es gibt viele Leute, die fragen: Stehen wir am Ende dieser Saison erneut vor einem Scherbenhaufen? Ich darf sagen: Nein. Wir werden dieses Jahr in der Challenge League verkraften, weil wir mit dem Abstieg rechnen mussten. Ich bin weiterhin überzeugt, das Risiko wäre grösser gewesen, hätten wir nach dem Abstieg auf allen Ebenen Sparmassnahmen eingeleitet. So wäre es schwieriger geworden, direkt wieder in die Super League zurückzukehren. Insgesamt haben wir das Budget um eine Million Franken gekürzt. Das war verkraftbar.

Trainer Jeff Saibene sagt, drei bis vier neue Spieler zu benötigen, um in der Super League bestehen zu können. Kann der FC St. Gallen dem Trainer diesen Wunsch erfüllen?

Früh: Zuerst müssen wir einmal aufsteigen. Ich erinnere stets an das Beispiel des FC Lugano in der vergangenen Saison, der am Schluss noch überholt wurde. Die Planung macht unsere sportliche Leitung. Aber natürlich müssen wir beispielsweise auf die Abgänge von Philipp Muntwiler und Daniel Imhof reagieren.

Liegt es finanziell drin, drei bis vier neue Spieler zu holen?

Früh: Wir werden auch in Zukunft eine konkurrenzfähige Mannschaft haben. Die sportliche Leitung hat diesen Auftrag.

St. Gallen führt zehn Runden vor dem Saisonende mit zwölf Punkten Vorsprung, im Cup hat die Mannschaft zwei Super-League-Teams besiegt. Da besteht die Gefahr, dass man sich im Hinblick auf die Super-League-Tauglichkeit einer Mannschaft blenden lässt.

Früh: Wer sich in Sicherheit wiegt, lebt gefährlich – besonders im Fussball. Wir haben nicht das Gefühl, alles sei bestens. Wir wissen, was zu tun ist. Das Ziel ist jetzt erst einmal der Aufstieg.

Was unternimmt der FC St. Gallen, damit er mit der Zeit wieder ein gestandener Super-League-Club ist?

Früh: Ich denke da vor allem an das Nachwuchsprojekt FutureChamps Ostschweiz. Talente aus unserer Region sollen von uns gefunden werden und nicht in andere Regionen abwandern. Zusammen mit den beteiligten Clubs und Verbänden investieren wir sehr viel und wir sind überzeugt, dass das in absehbarer Zeit Früchte tragen wird. Dann werden auch eigene Nachwuchsspieler mithelfen, St. Gallen in der Super League zu etablieren. Das steht an erster Stelle.

Was hat Ihnen in dieser Saison speziell Freude bereitet?

Früh: Die Identität mit unserem Club. Unsere Mitarbeiter. Die Partner und Sponsoren, die uns auch nach dem Abstieg die Treue hielten. Und die Zuschauerzahlen. Das alles verpflichtet.

Gab es auch Ärger?

Früh: Wenn wir am 23. Mai noch immer an der Tabellenspitze stehen, im Cup weiterkommen und sich unsere Fans korrekt verhalten, werde ich ohne jeglichen Ärger auf diese Saison zurückblicken können.

Interview: Patricia Loher