«Ich bin froh um starke Charaktere»

Der FC St. Gallen geht am Sonntag mit fünf neuen Spielern in eine Rückrunde, die vom Abstiegskampf geprägt sein wird. Verwaltungsratspräsident Dölf Früh über Investitionen und Desinvestitionen, Zahlen und schlaflose Nächte.

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Ist zu hundert Prozent überzeugt, «dass wir in dieser Zusammensetzung in der höchsten Liga verbleiben können»: Dölf Früh. (Bild: ky/Ennio Leanza)

Ist zu hundert Prozent überzeugt, «dass wir in dieser Zusammensetzung in der höchsten Liga verbleiben können»: Dölf Früh. (Bild: ky/Ennio Leanza)

Herr Früh, der FC St. Gallen hat drei Monate nach der Rettungsaktion fünf neue Spieler verpflichtet. Haben Sie nochmals Leute gefunden, die dem Club finanziell unter die Arme greifen?

Dölf Früh: Wir haben nicht nur investiert sondern auch desinvestiert. Die Verträge mit Mario Frick und Thomas Knöpfel wurden aufgelöst, Murat Ural gaben wir leihweise an Winterthur ab. Damit haben wir unser Budget auch entlastet.

Nach der Sanierung verfügten wir über sechs Millionen Franken flüssige Mittel – weil es das Ziel der Investoren war, dass der Club auch langfristig wieder «Schnauf» hat.

Nach der Vorrunde war von zwei Verstärkungen für die Offensive die Rede. Weshalb hat sich der Club entschieden, auf dem Transfermarkt noch aktiver zu werden?

Früh: Der Handlungsbedarf war offensichtlich.

Und natürlich hatten wir auch Glück, dass sich die Möglichkeiten eröffneten, sowohl in der Defensive als auch in der Offensive Transfers zu tätigen, die finanziell unseren Rahmen nicht sprengen. Wir sind noch immer nicht bereit, alles zu bezahlen. So wollten wir auch nicht jeder Forderung nachkommen. Nun bin ich sehr glücklich mit unseren Transfers. Wir haben an Qualität dazugewonnen. Dabei profitierten wir bereits vom Beziehungsnetz unseres neuen Sportchefs Heinz Peischl.

Hatten Heinz Peischl und Trainer Uli Forte bei der Umgestaltung der Mannschaft freie Hand?

Früh: Da reden wir nicht drein. Wir definieren einzig die Rahmenbedingungen. Alles andere liegt in der Kompetenz der sportlichen Leitung. Unser einziges grosses Ziel ist der Ligaerhalt. Und wir lassen keine Zweifel offen. Wir sind zu hundert Prozent überzeugt, in dieser Zusammensetzung in der höchsten Liga verbleiben zu können.

Trotzdem dürften Sie einen allfälligen Abstieg nicht aus den Augen verlieren. Sie sagten nach der Sanierung, der FC St. Gallen könnte nun auch einen Abstieg verkraften. Würde Ihr Plan bei einer Relegation noch immer aufgehen?

Früh: Bei allem Optimismus: In einer Zehnerliga muss jeder zweite Club damit rechnen, dass es ihn erwischen kann. Diese Ausgangslage hat jeder, der in der Verantwortung ist, im Hinterkopf. Wir sind uns der Folgen, die ein Abstieg mit sich bringen würde, durchaus bewusst.

Unter Umständen kann alles noch teurer werden, wenn Sie den Joker ziehen und den Trainer wechseln müssen. Wie gefestigt ist die Position von Uli Forte bei der neuen Vereinsleitung?

Früh: Uli Forte ist überhaupt kein Thema. Wir verfügen über ein Team, das sehr gut zusammenarbeitet. Der Trainer ist unumstritten. Er hat nun auch einen vollamtlichen Sportchef an seiner Seite. Ich habe festgestellt, dass Heinz Peischl und Uli Forte gut harmonieren. Gute starke Typen funktionieren in der Regel gut zusammen, wenn sie dasselbe Ziel verfolgen.

Ich bin froh um starke Charaktere.

Der Auftakt ist happig. Nach dem Heimspiel gegen die Grasshoppers trifft St. Gallen auswärts auf Basel und den FC Zürich.

Früh: Wir haben viel Respekt. Doch das Positive ist: Dann haben wir es hinter uns. Die Partie gegen die Grasshoppers wird zu einem Schlüsselspiel hochstilisiert. Natürlich: sie ist wichtig, aber es ist eine von achtzehn Partien.

Was werden Sie Ihrer Mannschaft vor dem Rückrundenstart mit auf den Weg geben?

Früh: Es ist nicht geplant, dass ich zur Mannschaft spreche. In einer Krisensituation würde ich das vielleicht einmal tun. Aber grundsätzlich will ich der sportlichen Leitung nicht dreinfunken. Wir haben andere Aufgaben.

Zum Beispiel?

Früh: Wir wollen mit dem auskommen, was wir einnehmen. Das ist eine Herausforderung. Niemand glaubt, dass uns das gelingen wird. Es ist ein mittelfristiges Ziel.

Sicher werden wir kurzfristig noch keine brillante Zahlen präsentieren. Der FC St. Gallen ist aber ein Profitcenter. Es muss sein Ziel sein, Spieler wertvoller zu machen. Wir positionieren uns als Ausbildungsverein. Und dann müssen wir hin und wieder bereit sein, Leute abzugeben. Die sportliche Leitung legt ihren Fokus auf die gesamte Nachwuchsarbeit. Mit dem technischen Leiter Roger Zürcher verfügen wir dort ebenfalls über einen Fachmann. Wir sind in der Nachwuchsabteilung sehr gut aufgestellt.

Sie sind seit zwei Monaten im Amt. Wie viel Zeit investieren Sie in den Club?

Früh: Ich zähle das nicht zusammen.

Sie sind ein zurückhaltender Mensch, der die Öffentlichkeit meidet. Wie verträgt sich diese Eigenschaft mit Ihrer neuen Aufgabe?

Früh: Die Öffentlichkeitsarbeit gehört zu meinen Aufgaben. Aber ich bin keiner, der sich in den Vordergrund drängt. Da hoffe ich auf Verständnis.

Wie viele schlaflose Nächte haben Sie schon hinter sich?

Früh: Noch keine. Ich wurde ja nicht überrascht, weil ich mich schon seit einiger Zeit für diesen Club engagiere. Ich wusste, wie emotional die Leute in bezug auf den FC St. Gallen reagieren, wie gross die Verbundenheit ist. In der Wahrnehmung der Bevölkerung ist der FC St. Gallen die wichtigste Institution in der Ostschweiz. Ich bin glücklich, dass nun Ruhe eingekehrt ist.

Natürlich gibt es einige Projekte, die wir in Angriff nehmen müssen: Die Nachwuchsarbeit, die Partnerschaften, das Scoutingnetz.

Stellt sich auch die Frage, wie die Arena besser ausgelastet werden könnte?

Früh: Es geht uns hauptsächlich um den Sport. Die Zuschauereinnahmen müssen wieder höher werden. Wir verloren Publikum, was ein Loch in unsere Kasse riss. Aber wenn die Mannschaft wieder besser spielt, werden auch die Zuschauer wieder kommen. Interview: Patricia Loher

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