Wendy Holdener vor ihrem Blitz-Comeback: «Mein Ehrgeiz hat mich in meiner Karriere sehr weit gebracht»

Der Innerschweizer Skistar steht heute beim Riesenslalom in Sölden überraschend am Start. Im grossen Interview redet sie über die wundersame Genesung, den ausgeprägten Antrieb und ihre guten Taten.

Rainer Sommerhalder
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Wendy Holdener beim Corona-gerechten Pressetermin am Tag vor dem Rennen in einem unterirdischen Parkhaus in Sölden.

Wendy Holdener beim Corona-gerechten Pressetermin am Tag vor dem Rennen in einem unterirdischen Parkhaus in Sölden.

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Was gab den Ausschlag, dass Sie nur sechs Wochen nach dem Bruch des Wadenbeins in Sölden starten?

Wendy Holdener: Ich habe am Montag in Zürich eine Röntgenaufnahme machen lassen und einen Sporttest absolviert. Danach erhielt ich grünes Licht, um erstmals wieder auf die Ski zu stehen. Ich habe mich am Dienstag herangetastet, konnte schmerzfrei fahren und das Bein reagierte auch nicht auf den Trainingsreiz. Danach absolvierte ich zwei Trainingstage auf der harten Piste und fühlte mich dabei sehr wohl. Deshalb wollte ich mir die Chance auf einen Start in Sölden nicht nehmen lassen. Alle Ampeln zeigten auf Grün.

Mit welchen Erwartungen gehen Sie heute ins Rennen?

Sehr schwierig, eine Antwort zu geben. Ich weiss selber nicht genau, wo ich stehe. Ich fuhr im Training für mich alleine, wollte keinen Stress und mich nicht auf Vergleichszeiten, sondern auf das gute Gefühl konzentrieren. Ich nehme es als Geschenk, dass ich heute am Start sein darf. Und ich weiss, dass im Training ein paar ganz gute Schwünge dabei waren. Ich gebe mein Bestes und versuche dabei, möglichst schnell zu sein.

Wie haben Sie den verhängnisvollen Sturz erlebt?

Alles ist extrem schnell gegangen. Nach dem Sturz wollte ich unbedingt noch einige Tore fahren, um für den nächsten Trainingstag nicht zu viel Respekt aufzubauen. Das ging sogar ziemlich gut. Erst als ich mich danach in den Schnee setzte, merkte ich, dass ich nicht mehr aufstehen konnte. In der Folge brauchte ich einige Tage, um das Ereignis zu verarbeiten und zu akzeptieren. Aber bald realisierte ich, dass ich eigentlich grosses Glück gehabt hatte. Es hätte schlimmer enden können.

Zur Person

Wendy Holdener (27) aus Unteriberg fährt seit zehn Jahren im Skiweltcup. Mit 19 Jahren stand sie erstmals auf dem Podest. Sie gewann bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang einen kompletten Medaillensatz. Im Slalom, ihrer stärksten Disziplin, war sie im Weltcup 13-mal Zweite und 11-mal Dritte.

Wann haben Sie nach dem Sturz erstmals wieder trainiert?

Bereits drei Tage nach dem Unfall habe ich einige Klimmzüge gemacht. Ich merkte bald, dass dies nicht die beste Idee war. Danach gönnte ich mir einige Tage Pause, um die vielen Gedanken in meinem Kopf ordnen zu können.

Was ist Ihr Erfolgsrezept?

Ich bin sehr ehrgeizig und gleichzeitig liebe ich den Skisport. Trainings und Rennen bereiten mir grosse Freude. Und ich bleibe hartnäckig bei meinen Zielen.

Ehrgeiz kann auch im Weg stehen!

Ja, definitiv. Das habe ich auch schon gespürt. Mein Ehrgeiz hat mich in meiner Karriere sehr weit gebracht. Aber er kann definitiv auch blockieren. Ich musste lernen, dass ich mir zwar einerseits Ziele setze, dass die eigenen Erwartungen aber eine ganz andere Ebene sind. Ich habe teilweise die Erwartungen an mich so hoch geschraubt, dass ich dadurch blockiert war.

Wie sah dieser Lernprozess aus?

Man kann nicht einfach einen Schalter kippen. Es ist eine Frage der Erfahrung, ein Reifeprozess. Bei manchen Fahrerinnen ist es auch ein bestimmter Moment, der so etwas wie Klarheit schafft.

Sie sind Olympiasiegerin, Weltmeisterin, standen 38-mal auf einem Weltcuppodest. Was treibt Sie nach wie vor an?

Ich habe sehr viele schöne Erfolge gefeiert. Ich habe aber gleichzeitig noch viele Ziele. Und ich spüre, dass ich es noch besser kann. Man darf die Ziele ruhig formulieren: Mir fehlt der Weltcupsieg im Slalom, gewisse Medaillen an Grossevents und ich kann mich im Riesenslalom und im Speedbereich weiter steigern. Mir wird sicher nicht langweilig.

Sie werden wohl auf nichts so oft angesprochen wie den fehlenden Slalomsieg. Nervt Sie das?

Ja, eine Zeit lang hat es mich gestört. Aber das hing vielleicht auch damit zusammen, dass es für mich nach zwei Ausfällen zu Beginn der vergangenen Saison ohnehin eine schwierige Phase war. In dieser Situation ist nicht der fehlende Sieg das Problem, sondern das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Da passt die Frage halt nicht. Aber ich habe Verständnis dafür, dass sie gestellt wird. Ich war einige Male nahe am Sieg und habe die Chance selber vergeben.

Belastet dieses fehlende Puzzleteil mental?

Wenn ich meine beste Leistung abrufen konnte, dann bin ich im Ziel enorm zufrieden. Selbst mit einem vierten Rang. Wenn ich aber im Ziel sehe, dass ich zwar Zweite bin, aber so viel Potenzial hatte, um den Sieg zu holen, dann kann die Enttäuschung unglaublich gross sein. Also bietet der Rang nur ein sehr subjektives Gefühl der Zufriedenheit.

Sie haben mit Klaus Mayrhofer einen neuen Trainer. Wie gross war Ihr Mitspracherecht bei der Wahl?

Ich habe mich stark eingebracht. Es war mir wichtig. Auch die Meinung meines langjährigen Trainers Werner Zurbuchen. Ich habe Klaus schon flüchtig gekannt und fand ihn einen coolen Typ. Deshalb habe ich ihn vorgeschlagen.

Mayrhofer ersetzt eine langjährige Bezugsperson. Wie einfach fällt es Ihnen, sich auf Neues einzulassen?

Ich war sehr traurig über das Ende der Zusammenarbeit mit Werner. Aber ich hatte ja keine Wahl. Es blieb mir nichts anderes übrig, als diesen Entscheid zu akzeptieren. Nach der Saison stand bei mir dann aber schnell die neue Herausforderung im Vordergrund.

Wie war der gemeinsame Start?

Wir mussten uns zuerst verbal finden. Klaus gebraucht oft andere Wörter, um etwas zu erklären. Da galt es bisweilen zuerst zu begreifen, was genau er sagt. Es ergeben sich viele neue Inputs für mich. Es tut gut, dass mich jetzt eine andere Person genau unter die Lupe nimmt, um mich weiterzubringen.

Dafür braucht es aber auch eine Athletin, die offen ist für Inputs?

Ich bin sicher nicht bereit, alles auf den Kopf zu stellen. Klaus muss mich als Rennfahrerin ja auch nicht komplett ändern. Er macht sich ein Bild und stellt Fragen. Wenn ich in der anschliessenden Diskussion zum Schluss komme, dass seine Vorschläge hilfreich sind, dann bin ich bereit für Änderungen.

Wenn eine vertraute Person Sie beschreibt, was möchten Sie hören?

Dass ich ein dankbarer Mensch bin, dass ich hilfsbereit bin und dass ich für jeden Spass zu haben bin.

Sie haben sich mehrfach zu Umweltschutzthemen geäussert. Das Thema ist Ihnen wichtig?

Ja. Ich sehe beim Training auf dem Gletscher die Entwicklung, die einem zu denken geben muss. Und es ist mir auch bewusst, dass ich nicht das beste Beispiel bin. Mein Traumjob ist mit vielen Reisen, mit Flügen und mit Skitrainings mitten im Sommer verbunden. Gleichzeitig möchte ich meine Vorbildfunktion, die ich etwa gegenüber der Jugend einnehme, nutzen, um rund um das Thema Umweltschutz zu sensibilisieren. Mir persönlich sind viele kleine Sachen wichtig: Stromsparen, konsequent recyclen, wenig Abfall produzieren. Hier lege ich viel Wert darauf, weil ich in meinem Leben als Sportlerin auf anderes nicht verzichten kann.

Sportlern wird eingeimpft, sich in der Öffentlichkeit auf Sportthemen zu beschränken. Derzeit beziehen rund um die «Black Lives Matter»-Bewegung viele Athletinnen und Athleten klar Stellung. Sollen Sportler zu gesellschaftlichen Fragen reden oder schweigen?

Das ist jedem selber überlassen. Ich sehe hier kein richtig oder falsch.

Wie halten Sie es damit?

Ich will mich nicht zu politischen Dingen äussern. Aber wenn mich eine gesellschaftliche Frage beschäftigt oder sogar belastet und ich das Bedürfnis habe, das zu thematisieren, dann würde ich mich auch nicht davon abhalten lassen. Ich setze mich gegen Krebs ein, weil ich durch meinen Bruder direkt betroffen bin und damit eine Verbindung zum Thema habe. Oder wie gesagt zum Thema Umwelt.

Ein grosses Thema sind die Rechte der Athleten. Weltweit setzen sich derzeit Sportler für ihre Anliegen ein und legen sich bisweilen auch mit den Sportverbänden an. Wünschen Sie sich mehr Mitsprache?

Im Ski sind wir daran, die verstärkte Mitsprache zu entwickeln. Es gibt einen Athletenrat im Weltcup. Daniel Yule ist dort dabei, das schätze ich sehr. Gleichzeitig haben wir einen Athletenrat bei Swiss Ski aufgebaut, so dass unsere Meinung gehört wird und es einen Austausch gibt. Dort trifft man sich zweimal im Jahr mit der Verbandsführung.

Die Zeit des Lockdowns wegen Corona hat viele Leute zum Nachdenken gebracht. Auch Sie?

Jein. Es war eine sehr intensive Phase mit Trainersuche und Trainingsstart. Ich war während dieser Zeit sehr stark mit mir selber beschäftigt. Ich habe gleichzeitig das Familienleben sehr genossen. Ich war vorher während meiner Rennkarriere wohl noch nie zwei Monate am Stück am gleichen Ort. Aber ich bin auch ein Mensch, der ständig überlegt und herumstudiert.

Haben Sie durch Corona irgendwelche Erkenntnisse gewonnen?

Spannend für mich waren die Rahmenbedingungen: Wir haben so früh wie noch nie aufgehört Rennen zu fahren. Und wir haben so früh wie noch nie mit dem Konditionstraining begonnen. Aber die Erkenntnisse daraus habe ich noch nicht. Man weiss ja nicht, wie sich dies im Winter dann auswirkt. Für mich auf jeden Fall war dieser Rhythmusbrecher eine willkommene Abwechslung zum üblichen Programm der vergangenen Jahre.

Sie haben während dieser Zeit mit Jolanda Neff und Mujinga Kambundji zwei andere Aushängeschilder des Schweizer Frauensports getroffen. Wie war das?

Ganz cool. Es war enorm spannend, diese zwei Frauen näher kennen zu lernen. Wir haben untereinander einige Fragen diskutiert, da wir ja als Spitzensportlerinnen ein vergleichbares Leben haben. Ich wollte von ihnen wissen, wie sie mit gewissen Situationen umgehen, die ich als schwierig betrachte.

Wann werden Sie Ende Winter mit Ihrer Saison zufrieden sein?

Ich möchte das eine oder andere Ziel erreichen, während des Winters gesund bleiben und Spass haben. Dann war die Saison sehr gut.

An welche Ziele denken Sie?

Die WM ist ein grosses Ziel. Und ich möchte mich in jeder Disziplin im Vergleich zum Vorjahr steigern.