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HSG-Professor über die Doppeladler-Debatte und den Fifa-Entscheid: "Schuldzuweisungen sind nicht produktiv"

Ulrich Schmid ist Professor für osteuropäische Kulturgeschichte an der Universität St.Gallen und beschäftigt sich mit dem Phänomen des Nationalismus. Er erklärt seine Sicht zum Doppeladler-Jubel und zum Fifa-Entscheid, Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri nicht zu sperren.
Ralf Streule
Granit Xhaka und die Doppeladler-Geste: Sein Jubel kostet ihn 10000 Franken. (Laurent Gillieron/KEY)

Granit Xhaka und die Doppeladler-Geste: Sein Jubel kostet ihn 10000 Franken. (Laurent Gillieron/KEY)

Ulrich Schmid, HSG-Professor/Slawistik-Experte

Ulrich Schmid, HSG-Professor/Slawistik-Experte

Ulrich Schmid, die Fifa hat sich entschieden, den Doppeladler-Jubel von Xherdan Shaqiri, Granit Xhaka und Stephan Lichtsteiner mit einer Busse zu sanktionieren. Diese dürfte den Betreffenden kaum weh tun.

Es war eine Gratwanderung für den Weltverband. Er musste eine Lösung finden, die die Situation nicht weiter anheizt – eine sehr schwierige Aufgabe. Egal wie der Entscheid ausgesehen hätte: Es war klar, dass die eine oder andere Seite sich benachteiligt fühlt. Dass sich Politik und Sport vermischen, ist bei einer WM ein strukturelles Problem. Nationalmannschaften spielen gegeneinander, da gehen die patriotischen Emotionen hoch.

Wie nahmen Sie persönlich die Doppeladlergeste der Schweizer auf?

Ich war erstaunt, dass sie beim Jubel den Doppeladler zeigten. Es ist eine kulturell codierte Geste, mit der sie aber meiner Meinung nach schlicht ihrer Freude Ausdruck gaben. Natürlich kann man die Geste auch als Provokation deuten. In Serbien ist der Doppeladler aber gar nicht so bekannt – er ist eher ein Phänomen der kosovo-albanischen Exilgemeinschaft, die vor allem in der Schweiz präsent ist. Der Doppeladler ist ursprünglich das Wappentier des legendären albanischen Stammvaters Skanderbeg und ziert heute die albanische Nationalflagge. Die Geste kann ganz unterschiedliche Bedeutungen haben. Sie verweist auf den Albanismus in einem überstaatlichen Sinne und wurde etwa bei der Anerkennung des Kosovo 2008 bei Schweizer Exil-Albanern oft gebraucht. Die Schweiz hatte sich damals für die Schaffung des neuen Staats engagiert.

Xhakas Jubel wirkte dennoch sehr provokativ.

Es ist nicht produktiv, Schuldzuweisungen zu machen. Man muss sehen, dass die Spieler auch Provokationen des Publikums ausgesetzt waren. Die Geste kann zwar als politisches Statement verstanden werden, sie ist aber nicht grundsätzlich gegen Serbien gerichtet.

Schweizer Kosovo-Albaner in zweiter oder dritter Generation versuchen, die belastete Geschichte hinter sich zu lassen. Ist es da nicht kontraproduktiv, wenn zwei Spieler im Fokus der Fussballwelt diese politischen Botschaften platzieren?

Die Spieler hätten ihre Freude natürlich auch neutraler zeigen können wie etwa der Trainer Vladimir Petkovic. Wie wenig aber der politische Aspekt im Vordergrund steht, zeigt ja gerade die Solidaritätsgeste von Captain Lichtsteiner.

Es gibt in der Schweiz eine weitere Diskussion: Darf man das Dress der Schweizer Nationalmannschaft tragen und im Spiel den Albanismus feiern?

Man kann das Ganze ja auch entspannter anschauen, etwa wie der Schriftsteller Pedro Lenz, der in einem Radio-Kommentar sagte, der Schweiz seien Flügel gewachsen. Die Tatsache, dass Spieler mit einem kosovarischen Hintergrund sich für die Schweizer Nationalmannschaft entschieden haben, ist ja schon eine wichtige Loyalitätsbekundung. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist auch die Schweizer Nationalität bunt geworden – und das ist gut so.

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