Hortense und Eugénie hörten mit

Mit dem Eröffnungskonzert ist das vierte Festival Kammermusik Bodensee am richtigen Ort angekommen: Erstmals auf Schloss Arenenberg. Einen besseren Platz für edle musikalische Interpretationen hätte man sich nicht wünschen können.

Martin Preisser
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Glanzvoller Auftakt: Das Stamic Quartett und die Klarinettistin Karin Dornbusch eröffneten das Festival auf Schloss Arenenberg. (Bild: Nana do Carmo)

Glanzvoller Auftakt: Das Stamic Quartett und die Klarinettistin Karin Dornbusch eröffneten das Festival auf Schloss Arenenberg. (Bild: Nana do Carmo)

SALENSTEIN. Das Markenzeichen des Festivals Kammermusik Bodensee sind die Konzerte auf der MS Sonnenkönigin – Kammermusik auf einem grossen Schiff. Jetzt hat das Festival auch das Napoleonmuseum als einen von insgesamt drei Aufführungsorten für sich entdeckt. Eine wunderbare Wahl. Man wünscht sich auch in Zukunft diesen Ort für erlesene kammermusikalische Abende internationalen Niveaus.

Nur knapp einen Meter sitzt das Stamic Quartett aus Prag neben der ersten Publikumsreihe. Näher kann man der Musik nicht sein, intensiver kann sie wohl auch kaum sein. Hortense und Eugénie, Hausherrinnen im 19. Jahrhundert, schienen lächelnd mitzuhören und sich über die edle Wiederbelebung ihres Salons still zu freuen…

Ohne den Kanton geht es nicht

Zum vierten Mal geht das Festival Kammermusik Bodensee dieser Tage über die Bühne. Ermöglicht in erster Linie durch die tatkräftige finanzielle Unterstützung des Kantons. Regierungspräsidentin Monika Knill liess es sich denn auch nicht nehmen, das Festival mit einem Grusswort zu eröffnen. Von der Ausstrahlung und der Professionalität sei der Kanton überzeugt, sagte Knill.

Grosse musikalische Ausstrahlung hatte das Stamic Quartett (Jindrich Pazdera, Josef Kekula, Jan Perusa und Petr Hejný). Musiker zum Anfassen, ein Streichquartett, das nicht einfach den international standardisierten perfekten Quartettklang abruft, sondern mit Frische, Verve und musikalischer Direktheit aufwartet, die Interpretation wieder zu einem Erlebnis direkten und unmittelbaren Musizierens machen.

Spontan und lebendig, kraftvoll und natürlich spielen die vier, heben die Musik wie aus der Taufe – ein beglückendes Kammermusikerlebnis. Solche Spielhaltung kommt Haydns Spritzigkeit und seiner geistvollen, ja bisweilen humorvollen Partitur im Streichquartett D-Dur op. 76,5 sehr entgegen. Das Stamic Quartett spielt nicht mit dem angestrengten Willen zu austarierter Perfektion, sondern setzt sich in jedem Takt für musikalische Urwüchsigkeit ein. Das ist erfrischende Kammermusik mit überraschendem Schwung, mit grossem, ehrlichem Gestus.

Die Klarinette «blubbert»

Sehr gerne schienen die vier Herren aus Prag dann die schwedische und in Basel lebende Klarinettistin Karin Dornbusch in ihre Mitte aufzunehmen. Für Carl Maria von Webers Klarinettenquintett B-Dur. Weber ist mehr als der «Freischütz», das merkte man der Hingabe an, mit der sich die fünf diesem Werk widmeten. Herrlich, wie verspielt, ja fast mit kindlicher Neugier Karin Dornbusch die Übergänge zwischen Pfiffig-Keckem und Lyrisch-Nachdenklichem auslotet, wie sie stets kantabel jauchzen, weinen, gurren und im Finale traumhaft pianissimo «blubbern» kann. Keinerlei Spannungsabfall im Kopfsatz, der teilweise Ländlich-Unbeschwertes verströmte. Traumwandlerisch gehauchte leise Läufe im zweiten, ein Scherzando-Flirt mit den Streichern im dritten und viel Launig-Überraschendes in belebter Virtuosität im Finale. Kurz: Karin Dornbusch ist eine Klarinettistin, die man sich merken muss.

Mit Dvoráks «Amerikanischem Quartett» kehren die Stamic in ihre Heimat zurück: Glutvolles Musizieren, wie es nur die Tschechen bei Dvorák zu können scheinen. Da wird Interpretation zum reinen Zeichen einer zweiten Natur, da sprudelt alles kräftig aus klarster Quelle. Und auch hier agiert ein Streichquartett, das sich an vielen Stellen ungeniert burlesk und fast mit ländlicher Fröhlichkeit auslebt, statt nur perfekte Klanglichkeit zu zelebrieren. Solche Begeisterung in der Musizierhaltung kann einfach nur völlig aufs Publikum überspringen – und ist völlig übergesprungen.