«Horde farbespritzender Brüllaffen»

KONSTANZ. Mit Beständen eines ungenannt bleibenden Thurgauer Sammlerehepaars erinnert die Städtische Wessenberg-Galerie Konstanz an die Berliner Kulturzeitschrift «Der Sturm», die zum Durchbruch des Expressionismus beigetragen hat.

Brigitte Elsner-Heller
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Ernst Ludwig Kirchner: Tanzlokal. Holzschnitt, 1911; Titelblatt im «Sturm», Januar 1912. (Bild: pd)

Ernst Ludwig Kirchner: Tanzlokal. Holzschnitt, 1911; Titelblatt im «Sturm», Januar 1912. (Bild: pd)

Die Gesichtszüge, die die Fotografie von 1918 festhält, sind fein geschnitten, würden geradezu edel wirken, wäre da nicht dieser leichte Anflug von Zynismus, der sich um die Mundwinkel herum manifestiert. Der 1878 als Georg Lewin geborene Herwarth Walden war nicht nur Pianist, Dichter und Kunstvermittler, er gab auch die Zeitschrift «Der Sturm» heraus, die dem Expressionismus in bewegten Zeiten zum Durchbruch verholfen hat. Ein kritischer Geist, ein Neuerer.

1910 erschien die erste Ausgabe der Kulturzeitschrift in Berlin, und schon 1912 eröffnete Herwarth Walden seine gleichnamige Galerie, in der er ein Jahr später, 1913, mit dem «Ersten Deutschen Herbstsalon» eine Ausstellung ausrichtete, in der über 360 Werke von mehr als 80 Künstlern aus Europa, den USA, Japan und China gezeigt wurden.

Avantgarde als Provokation

Die Avantgarde der Zeit, unter anderem auch Künstler der «Brücke» und des «Blauen Reiters», wirkte indes als Provokation, und die Kunstkritik lief ihrerseits buchstäblich Sturm: «Horde farbespritzender Brüllaffen», «tollste Verrücktheiten» oder «gemalter Wahnsinn» sind nur einige der Etikettierungen, die ihren Sinn längst ins Gegenteil verkehrt haben. Herwarth Walden reagierte mit einer souveränen Replik, indem er eine Auflistung der Schmähungen als «Lexikon der deutschen Kunstkritik. Zusammengestellt aus Zeitungsberichten über den Herbstsalon» in seiner Zeitschrift abdruckte.

Die Städtische Wessenberg-Galerie Konstanz entwirft in ihrer Ausstellung «Der Sturm – Expressionistische Grafik 1910–1932» das Bild einer Zeit, die durch massive Umbrüche gekennzeichnet war. Nicht zuletzt in der Kunst spiegelt sich dies wider. In der Werkschau, die von Originalgrafiken sowie zahlreichen Frontseiten der Kulturzeitschrift getragen wird, orientiert sich an den Zirkeln, die vor allem bis 1920 in Verbindung zu Herwarth Walden standen. Seine erste Ausstellung ist der Künstlergruppe «Der Blaue Reiter» gewidmet, zu denen unter anderem Wassily Kandinsky, Franz Marc, Heinrich Campendonk, Paul Klee, August Macke und Gabriele Münter zählten. Dass der frühe Kandinsky noch von der russischen Volkskunst inspiriert war, davon zeugen einige Exponate der Ausstellung.

Aufschlussreiche Texte

Neben Grafiken sind es vor allem Texte, die in der Ausstellung das Interesse dafür wach halten, was die Künstler der Zeit beschäftigte. Unter dem Abdruck eines Holzschnitts von 1910 schreibt da etwa Kandinsky «Über Kunstverstand»: «Ich glaube nicht, dass es heute einen einzigen Kritiker gibt, der nicht weiss, dass der Impressionismus aus ist. Manche wissen auch, dass er der natürliche Abschluss des naturellen Wollens in der Kunst war.» Dann ein Einschnitt ganz anderer Art: Das Gedicht von Else Lasker-Schüler, das an einer der Ausstellungswände hervorgehoben ist. Es entstand anlässlich des Todes von Franz Marc, der im Krieg gefallen war. Mit der Dichterin Else Lasker-Schüler war Walden von 1901 bis 1912 verheiratet (sie erfand seinen «Künstlernamen»), anschliessend heiratete er die schwedische Journalistin Nell Roslund, die ebenfalls für den «Sturm» schrieb.

Der Maler und Schriftsteller Oskar Kokoschka hatte auf die frühen Ausgaben des «Sturm» ebenfalls grossen Einfluss. Der Erstabdruck seines Dramas «Mörder. Hoffnung der Frauen» löste dabei wegen seiner erotischen Obsessionen einen Skandal aus.

Kontakt zu Schweizer Künstlern

Walden wandte sich Künstlern der Dresdener «Brücke» zu (etwa Ernst Ludwig Kirchner, Max Pechstein, Karl Schmitt-Rottluff), interessierte sich für kubistische Strömungen verschiedener europäischer Länder und hatte Kontakt zu der Schweizer Gruppe «Der moderne Bund», zu der unter anderem Hans Arp zählte.

Der Erste Weltkrieg und die Oktoberrevolution von 1917 brachten den internationalen Austausch schliesslich zum Erliegen, die Wirtschaftskrise von 1929 tat ein übriges. 1918 war Herwarth Walden bereits Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei geworden, 1932 siedelte er nach Moskau um (in jenem Jahr erschien die letzte Ausgabe des «Sturms»). 1941 wurde er unter dem stalinistischen Terrorregime festgenommen und starb im selben Jahr im Gefängnis in Saratowa an der Wolga.

Der Sturm. Expressionistische Grafik 1910–1932. Wessenberg-Galerie, Konstanz; Di–Fr 10–18, Sa/So 10–17 Uhr; bis 25.11. Katalog. www.konstanz.de