HOFFNUNGSTRÄGERIN: Weltbürgerin und Wissenschafterin

Der britische Traum von der ersten einheimischen Wimbledon-Siegerin seit 1977 und Virginia Wade lebt weiter. Die 26-jährige Johanna Konta trifft heute im Halbfinal auf Venus Williams.

Jörg Allmeroth, London
Drucken
Teilen

Stell Dir vor, es ist Wimbledon, ein Tennisstar grüsst von allen Titelseiten – und es ist nicht Andy Murray. Genau das schafft in diesen Tagen eine Frau, die in Sydney als Kind ungarischstämmiger Eltern geboren wurde, die für ihre Tenniskarriere erst nach Grossbritannien und dann nach Spanien zog – und die erst seit 2012 einen Pass auch für das Vereinigte Königreich besitzt. «Johanna, die Erobererin», titelte der «Daily Express» nach dem jüngsten Siegeszug der 26-jährigen Johanna Konta im Südwesten Londons. Nach dem Viertelfinalsieg gegen Rumäniens Dauerflitzerin Simona Halep trennen die selbstbeherrschte Britin nur noch zwei Siege von ihrem persönlichen Traum, dem Triumph am berühmtesten Schauplatz der Tenniswelt – und von einem kollektiven Freudenschrei im Inselreich: «Es ist alles ein bisschen surreal im Moment», sagte Konta.

«Frosty Jo» verweigert die grossen Emotionen

Konta, die neben dem britischen auch einen australischen und ungarischen Pass besitzt, wirkt wie eine Frau mit zwei Gesichtern. Auf dem Tennisplatz kämpft die Senkrechtstarterin der vergangenen Jahre wie eine Löwin, verbissen und entschlossen ringt sie um jeden einzelnen Punkt mit höchster Intensität. Sie ist ständig auf vollen Touren, im sechsten oder siebten Gang. Doch so gefühlsbeladen ihre Auftritte auf den grossen Tennisbühnen sind, so untertemperiert und fast schon eisig erscheint sie abseits der eigentlichen Arbeit. «Frosty Jo» nennen sie manche englische Boulevardreporter, vor allem dann, wenn Konta wieder einmal die grossen Emotionen nach einem Triumph verweigert und stattdessen über den «Prozess zum Erfolg» doziert. Als Konta einmal in einer bekannten TV-Show gefragt wurde, gegen wen sie am liebsten spiele – und gegen wen überhaupt nicht, schmetterte sie den Interviewer harsch ab: «Das ist eine der langweiligsten Fragen überhaupt.»

Konta ist eine typische Erscheinung dieser veränderten Tenniszeiten, in denen es keine Wunderkinder mehr gibt. Bis vor drei Jahren war sie eher in der zweiten Liga unterwegs. Das erste Achtungszeichen setzte sie erst mit 23 Jahren, an den US Open 2014. Damals erreichte sie als Qualifikantin die Achtelfinals. Es war der Beginn eines atemraubenden Aufstiegs der Tennis-Wissenschafterin, von Platz 127 bis unter die Top Zehn in nur 24 Monaten. Ihr Coach Wim Fissette sagte: «Johanna ist ein Profi durch und durch. Mit ihr zusammenzuarbeiten, ist einfach eine Freude. Sie versteht so unglaublich viel von diesem Spiel.»

Jörg Allmeroth, London