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Hoffen auf die neue Generation des Schweizer Strassenrennsports

Gestern begann in Langnau die 83. Tour de Suisse. Ein Schweizer wird die nationale Landesrundfahrt auch dieses Jahr nicht gewinnen. Eine Bestandesaufnahme des Schweizer Strassenrennsports.
Daniel Good
Der 20-jährige Marc Hirschi, Weltmeister in der U23-Klasse. (Bild: Urs Lindt/freshfocus)

Der 20-jährige Marc Hirschi, Weltmeister in der U23-Klasse. (Bild: Urs Lindt/freshfocus)

Als Ferdy Kübler und Hugo Koblet vor 70 Jahren der Konkurrenz um die Ohren fuhren, war die Tour de Suisse der bedeutendste Sportanlass im Land. Beat Breus Erfolge in den 1980er-Jahren ­stecken immer noch in den Köpfen der Sportinteressierten. Letzter Schweizer Gesamtsieger der Tour de Suisse war vor zehn Jahren Fabian Cancellara. Von der heutigen Generation der einheimischen Rennfahrer ist höchstens Mathias Frank, 2015 Gesamtachter der Tour de France, in der Lage, die Schweizer Landesrundfahrt zu gewinnen. 2014 war der mittlerweile 32-jährige Luzerner Zweiter. Das ist der bis dato letzte Podestplatz eines Schweizers. Frank, der zum zehnten Mal teilnimmt, startet gestern in Langnau mit der Nummer eins zur ersten Etappe.

Thomas Peter, Sportdirektor Swiss Cycling. (Bild: KEYSTONE/Urs Flueeler)

Thomas Peter, Sportdirektor Swiss Cycling. (Bild: KEYSTONE/Urs Flueeler)

Thomas Peter, der Sportdirektor des Schweizer Radsportverbandes Swiss Cycling, hält die Schweizer Strassenrennfahrer immer noch für konkurrenzfähig. Aber er gibt zu bedenken: «In den vergangenen zehn Jahren gab es im Radsport weltweit einen grossen Leistungssprung. Die Konkurrenz ist markant gewachsen. Die Südamerikaner sind heute viel breiter aufgestellt. Gab es früher vier bis fünf gute Kolumbianer, sind diese heute im Nationenranking die Nummer eins. Ecuador stellt aktuell einen Giro-Sieger. Zudem fahren heute auch starke Afrikaner mit. Früher beschränkte sich der Eliteradsport auf der Strasse hauptsächlich auf Westeuropa.» Auch osteuropäische Athleten mischen immer stärker mit. Für ein Land mit sieben bis acht ­Millionen Einwohnern sei es deshalb schwierig, Siege am Laufmeter einzufahren. «Länder wie Russland haben einen viel grösseren Talentpool.»

Deshalb muss Swiss Cycling mit seinen Talenten behutsam umgehen. «Wir legen in der Ausbildung viel Wert auf die Technik, schauen, dass sie parallel einen Beruf erlernen und die Trainingspläne sorgfältig umgesetzt werden, damit es zu keinem Übertraining kommt. Wir lassen den Athleten genügend Zeit, sich zu entwickeln», sagt Peter. «Deshalb haben wir auch viel weniger Verluste als beispielsweise in Russland oder den USA. Die Amerikaner sind an Junioren-Weltmeisterschaften oft dominant, aber ­später hört man von fast keinem dieser Talente wieder etwas.»

Fabian Cancellara überstrahlte alles

Fabian Cancellara, Weltmeister und Olympiasieger. (Bild: Peter de Jong/AP)

Fabian Cancellara, Weltmeister und Olympiasieger. (Bild: Peter de Jong/AP)

Der Berner Oberländer Peter ist seit zehn Jahren für den Verband tätig. In der Breite sei Swiss Cycling heute sicher besser aufgestellt als 2009, als Cancellara alles überstrahlte. Es ist sogar eine Generation im Anmarsch, die international wieder nachhaltig Akzente setzen könnte. Der Leader der «jungen Wilden» heisst Marc Hirschi, wird im ­August 21-jährig und ist schon Welt- und Europameister in der U23-Klasse. Als Hirschi im vergangenen September in Innsbruck im grossen Stil den WM-Titel holte, klassierten sich mit Gino Mäder auf Platz vier und Patrick Müller als Neunter zwei weitere Schweizer unter den ersten zehn.

Die jungen Schweizer drückten dem WM-Strassenrennen im Frühherbst 2018 den Stempel auf. Für Ausbildner Peter war es ein sehr emotionaler Moment. «Im Ziel hatten wir bange Minuten. Wir hatten schon im Vorfeld der WM gute Resultate erreicht, aber den Sprung ganz an die Spitze immer wieder ganz knapp verpasst. Es war ­herausragend, dass ausgerechnet an der WM unsere Taktik zu hundert Prozent aufging.»

Glücksfall Marc Hirschi

Marc Hirschi. (Bild: EPA/CHRISTIAN BRUNA)

Marc Hirschi. (Bild: EPA/CHRISTIAN BRUNA)

Die Entscheidung auf der bergigen WM-Strecke schufen die Schweizer in einer Abfahrt. Hirschi war im WM-Zeitfahren zuvor noch gestürzt. Er hatte trotzdem die Courage, bei hohem Tempo auf ­abfallender Strasse in die Offensive zu gehen. «Wir legen in der Ausbildung grossen Wert auf die Technik. Von den erlernten technischen Fähigkeiten profitieren die Fahrer dann unter anderem in den Abfahrten», sagt Peter, «und ­Hirschi zeigte, dass er auch im Kopf alles für eine grosse Karriere hat.» Die Genugtuung war für alle gross. An der WM 2015 in Richmond in den USA waren sechs von Peters Junioren unter die ersten 36 gefahren, aber keiner aufs Podest.

Hirschi beteiligt sich in dieser Saison zum ersten Mal an der Tour de Suisse. Er hat nach dem WM-Titel einen Dreijahresvertrag erhalten im Team des Tour-de-France-Zweiten Tom Dumoulin. Eine dreiwöchige Rundfahrt bestreitet Hirschi wahrscheinlich im kommenden Jahr. Er hat kaum Schwächen, ­ausser dass er noch nicht so viele Rennkilometer absolviert hat wie die Konkurrenz. Mäder verschaffte sich ebenfalls ein Engagement in einem Rennstall der World Tour. Er ist von diesem Trio der stärkste Bergfahrer. Der 1,92 Meter grosse Müller ist ein erstklassiger Allrounder. «Weil der Radsport in der Schweiz immer noch populär ist und unser Ausbildungssystem funktioniert, bringen wir immer wieder gute Rennfahrer heraus. Hin und wieder ist auch ein Ausnahmetalent wie Cancellara und Hirschi dabei», so Peter.

Lehrlinge mit langen Reisen

Der 20-jährige Stefan Bissegger, Übername «Muni» (Bild: Raphael Rohner)

Der 20-jährige Stefan Bissegger, Übername «Muni» (Bild: Raphael Rohner)

Weil für die Elitefahrer in der Schweiz immer weniger Rennen ausgeschrieben sind, muss der Nachwuchs lange Wege auf sich nehmen, um sich mit adäquater Konkurrenz zu messen. Stefan Bissegger etwa, ein 20-jähriger Thurgauer mit ebenfalls grossen Perspektiven – «ein knüppelharter Cheib», wie Peter sagt – bestritt neben der Lehre als Fahrrad­mechaniker am Wochenende Strassenprüfungen in den Niederlanden oder im Unterwallis. «Hirschi fuhr die gleichen Rennen. Wir sind mittlerweile froh, dass diese überhaupt in Europa stattfinden», so Peter.

Die verlorenen Eliterennen

Viel weniger Rennen als früher gibt es nicht im Land. Aber jene auf nationaler Stufe fehlen wie früher der GP Tell, die Ostschweizer Rundfahrt oder die Meisterschaft von Zürich. Die bedeutendste Eintagesprüfung in der Schweiz ist mittlerweile der Grosse Preis des Kantons Aargau in Gippingen. Viele Veranstalter richten nur noch regionale Wettkämpfe aus, weil dafür weniger Bewilligungen notwendig sind. 2012 waren 150 Rennen im Land ausgeschrieben, im vergangenen Jahr 146. 2010 stellte Swiss Cycling 819 Strassenlizenzen aus. 2017 waren es nur noch 515. Im vergangenen Jahr ging es mit 562 wieder bergauf. (dg)

Ein Metier ohne Boden

Die Organisation des Profiradsports auf höchster Ebene, die sogenannte World Tour, ist Thomas Peter ein Dorn im Auge. Er sagt, höchstens eine Handvoll der 18 Mannschaften sei glaubwürdig finanziert. «Immer öfter mischen dubiose Figuren mit», so der Sportdirektor von Swiss Cycling. «Das ist nicht nachhaltig und schadet dem Volkssport Rad. Wir sind nicht die Formel 1.» Peter plädiert für Nationalteams. Er ist mit diesem Anliegen in den internationalen Verbandsgremien vorstellig geworden: «Meine Ideen wurden durchaus wohlwollend aufgenommen, man beschied mir jedoch gleichzeitig, es sei nicht machbar.» (dg)

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