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Interview

Hochsprung-Weltmeister: «Die Leute in Katar verstehen jetzt den Sinn von Sport»

Hochsprung-Weltmeister Mutaz Barshim, dessen Grossvater aus dem Sudan eingewandert ist, ist die sportliche Identifikationsfigur von Katar. Er sagt im Interview, wie der Sport das Land verändert.
Rainer Sommerhalder
Mutaz Essa Barshim ist die Sportikone von Katar schlechthin. (Bild: Ennio Leanza/Keystone, Letzigrund Zürich, 29.8.2019)

Mutaz Essa Barshim ist die Sportikone von Katar schlechthin. (Bild: Ennio Leanza/Keystone, Letzigrund Zürich, 29.8.2019)

Wie geht es Ihnen gesundheitlich?

Mutaz Barshim: Es wird besser und das macht mich glücklich. Natürlich muss ich weiterhin geduldig sein, aber ich bin zufrieden, wie es sich entwickelt.

Aber die Verletzung hat Sie stark zurückgeworfen?

Ja, sie war ein grosser Rückschlag. Alle Bänder im Fussgelenk waren komplett gerissen. Ich musste im letzten Sommer operieren und wusste lange nicht, ob ich überhaupt je wieder würde springen können.

War es mental schwierig, ausgerechnet für die Heim-WM in Doha eine alles andere als optimale Vorbereitung zu haben?

Es war mental und körperlich sehr hart. Weniger wegen der Heim-WM, sondern wegen der Ungewissheit, ob ich in den Spitzensport zurückkehren würde. Das machte die Situation für mich so schwierig.

Wie gingen Sie mit dieser Situation um?

Man kann nur hoffen. Die Entscheidung lag letztlich nicht in meinen Händen.

Ich nehme an, die Erwartungen an Sie in Ihrer Heimat sind trotzdem fast grenzenlos?

Natürlich. Ich bin Titelverteidiger und die WM ist zuhause. Es ist zuallererst ein tolles Gefühl. Die Erwartungen in mich sind sehr hoch. Das ist gut so. Als Sportler betrachte ich diese Erwartungen als Motivation.

Nicht als zusätzlichen Druck?

Ich bin ein Athlet, der diesen Druck braucht. Nur so kann ich eine aussergewöhnliche Leistung zeigen.

Welche Bedeutung hat diese Heim-WM für Sie?

Was soll diese Frage (lacht)? Es ist meine Heimat. Es ist von jedem Blickwinkel aus wichtig für mich. Ich repräsentiere Katar, meine Familie und meine Freunde sind im Stadion, alle Landsleute werden mich unterstützen. Ich habe überall in der Welt Wettkämpfe gemacht, aber dieses spezielle Gefühl, es zuhause zu tun, ist mit nichts vergleichbar.

Man sagt, Sie seien in Katar eine Identifikationsfigur. Wie muss man sich das vorstellen?

Ich weiss es nicht, ich bin einfach nur ich selber (lacht). Im Ernst. Ich habe als junger, unbekannter Athlet begonnen. Mein Land hat mir meine ganze Entwicklung ermöglicht. Und nun haben mein Coach und ich Geschichte geschrieben. Ich habe Rekorde gebrochen und Titel geholt. Damit bin ich in meiner Heimat zu einer Ikone geworden. Die Leute in Katar lieben Sport. Die Leute haben begonnen, mich und mein Leben zu verfolgen. Viele in Katar wissen, was ich gerade mache. Meine Leistungen haben mich zu einem Botschafter meines Landes gemacht. Heute repräsentiere ich mit jedem Sprung auch mein Land. Selbst der Präsident folgt meinen Leistungen. Das ist die Art von Verantwortung, die ich trage.

Katar hat in den letzten Jahren viele grosse Sportveranstaltungen ins Land geholt. Was für eine Beziehung hat Ihr Land zum Sport?

Wir haben eine Führung, die Sport wirklich unterstützt und daran glaubt. Sport ist in unserem Land die einzige Sprache, die wirklich jeder versteht. Man kann verschiedene Sprachen sprechen, aber wenn wir miteinander Sport betreiben, verstehen wir uns. Er bringt Menschen zusammen. Katar hat sogar einen nationalen Sporttag.

Aber viele Katarer selber gelten nicht gerade als sportlich?

Genau das ändert sich derzeit stark. Wenn immer ich unterwegs bin, sehe ich Leute, die Sport machen. Denn sie verstehen jetzt den Sinn von Sport. Es braucht zum Verstehen immer zuerst eine Kultur. Diese musste sich für den Sport entwickeln. Nun gibt es auch in den Schulen Sportprogramme. Sport gehört heute zum Lifestyle in unserem Land.

Die Hitze fördert die Motivation zum Sporttreiben nicht gerade?

Das ist keine Entschuldigung. Wenn du in Katar Sport betreiben willst, hast du am Tag 24 Stunden lang die Möglichkeit. Das Land hat viel Geld in Indoor-Sportanlagen investiert.

Was sind die Gründe für diesen Sinneswandel in der Bevölkerung?

Zuallererst geht es um die Gesundheit. Wenn man hier darüber spricht, Sport zu betreiben, denkt man nicht an Wettkämpfe oder an Weltmeisterschaften. Man ist aktiv, um sich fitter und gesünder zu fühlen. Gesundheit hat einen viel grösseren Stellenwert erhalten. Natürlich brauchte es auch Vorbilder wie mich oder den Emir, der am nationalen Sporttag selber mit dem Velo unterwegs war. Eine grosse Rolle spielte auch, dass Katar viele grosse Sportevents beherbergte. Es ist nicht dasselbe, ob du einen Wettkampf im Fernsehen oder live im Stadion verfolgst. Viele Kinder wollten danach das Gesehene selber ausprobieren.

Viele Athleten, die für Katar starten, wurden eingekauft. Ein für Europäer ungewohntes Vorgehen.

Es ist eine einfache Erklärung: Ich denke, sie machen das, weil sie ein besseres Leben suchen. Es gibt darunter Menschen, die kein Geld haben, deren einziges Kapital das Talent im Sport ist. Also suchen sie Wege, um ihre Familie ernähren zu können.

Aber es stört Sie nicht, wenn das Leichtathletik-Team aus Katar eigentlich aus vielen Ausländern besteht?

Ich bin ein Sportler und betrachte die Dinge aus dieser Optik. Ich stelle nicht Fragen, wieso jemand hier ist und wieso nicht. Wir sind alle im selben Team und der Sport verbindet uns. Es gibt diesbezüglich keinen Unterschied zwischen uns Athleten.

Das Sportvorbild einer Nation

Katar hat einen Grossteil seines sportlichen Erfolgs eingekauft – etwa mit Leichtathleten aus Afrika oder Handballern vom Balkan. Doch Hochsprung-Weltmeister Mutaz Barshim ist „made in Katar“ und damit die grösste sportliche Identifikationsfigur des Emirats. Sein Grossvater wanderte aus Sudan in den Golfstaat ein, sein Vater Essa Mohammad Barshim war bereits ein begnadeter Mittelstreckenläufer und später auch Leichtathletik-Trainer. Der 28-jährige Mutaz tritt in Doha als Titelverteidiger an. Er kam mit einer Höhe von 2.43 dem kubanischen Weltrekordhalter Javier Sotomayor (2.45 m im Jahr 1993) bislang am nächsten. Seine Landsleute erwarten nichts anderes als den Titel von ihm. Doch eine schwere Bänderverletzung am linken Knöchel, die er im Juli 2018 bei einem Meeting in Ungarn erlitt, warf Barshim empfindlich zurück. In diesem Jahr übersprang er erst 2.27 m. Er müsse mit einem Minimum an Training ein Maximum an Leistung erbringen, sagt er dazu. (rs)

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