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Interview

Hitzfeld: «Ich wollte nicht ein weiteres Jahr opfern, um in China Geld zu verdienen»

Ottmar Hitzfeld führte Borussia Dortmund und Bayern München zum Champions-League-Titel. Mit dem Schweizer Nationalteam nahm der frühere FCL-Spieler an zwei Weltmeisterschaften teil. Heute geniesst Hitzfeld, der am Samstag 70 Jahre alt wird, das Leben ohne Termindruck.
Sébastian Lavoyer und Jakob Weber
Ottmar Hitzfeld in Engelberg. (Bild: Manuela Jans-Koch (28. Dezember 2017)))

Ottmar Hitzfeld in Engelberg. (Bild: Manuela Jans-Koch (28. Dezember 2017)))

Ottmar Hitzfeld, Sie sind soeben von Lörrach nach Basel gekommen. Sie kamen schon als Kind immer wieder in die Schweiz. Was sind Ihre ersten Erinnerungen an diese Grenze?

Wir mussten immer den Pass zeigen. Jedes Mal haben die Grenzwächter kontrolliert, was wir dabei hatten. Oft gingen wir in die Schweiz, um einzukaufen. Bohnenkaffee zum Beispiel. Oder Schweizer Schokolade, Basler Brot, «Mässmogge». Man hat immer ein bisschen geschwitzt, wenn man zu viel dabei hatte (lacht).

Wie gingen Sie dann vor?

Wenn die Zöllner fragten, sagte man einfach: «Nein, nein, wir haben nichts dabei.» Und wir wussten schon, welchen Weg wir nahmen. Entweder der Hauptstrasse entlang oder dann über die Wiese. Dort hatte es einen kleineren Zoll, an dem nur ein Zöllner stand, das heisst: Meist blieb er im Häuschen sitzen (schmunzelt).

Erfolgreich als Trainer und Spieler

Ottmar Hitzfeld, geboren am 12. Januar 1949, war als Trainer von Borussia Dortmund und Bayern München national und international erfolgreich. Der Lörracher, der in Engelberg einen Zweitwohnsitz hat, ist hinter Pep Guardiola der zweiterfolgreichste Trainer in der Bundesliga nach durchschnittlichen Punkten pro Spiel. In Deutschland wurde er als Trainer siebenmal Meister, in der Schweiz mit GC zweimal (1989/90 und 1990/91). Zudem wurde er mit Aarau (1985) und GC (1989 und 1990) drei Mal Cupsieger. Der Deutsche war ausserdem von 2008 bis 2014 Schweizer Nationaltrainer.

Hitzfeld, der seine Trainerkarriere 1983 beim SC Zug begann, ist einer von fünf Trainern, denen es gelang, die UEFA Champions League bzw. den Europapokal der Landesmeister mit zwei verschiedenen Vereinen zu gewinnen – neben Ernst Happel, Jupp Heynckes, Carlo Ancelotti und José Mourinho; aber nur Hitzfeld schaffte es mit zwei Vereinen aus demselben Land.

Als Spieler holte er mit dem FC Basel in der Schweiz zweimal den Meistertitel (1971/72 und 1972/73). Nach drei Jahren beim VfB Stuttgart wechselte er zurück in die Schweiz. Von 1978-1980 spielte er für Lugano, danach von 1980 bis zum Ende seiner Spielerkarriere 1983 für den FC Luzern. Für die Luzerner erzielte er in 72 Spielen 30 Tore. (rg)

Sie hatten schon immer ein sehr nahes Verhältnis zur Schweiz.

Ja, mein Vater war Zahnarzt in Weil am Rhein. Fast alle seine Patienten waren Schweizer. Und in Riehen, direkt nach der Grenze, da gab es eine Firma, die einen eigenen Fussballplatz hatte. Mit richtigen Toren und Maschendraht-Netzen. Da gingen wir unter der Woche kicken.

Mussten Sie dann jedes Mal den Pass dabei haben?

Ja, ausser wir gingen über die grüne Grenze, dem Bahndamm entlang. Das war oft der kürzere Weg, gerade zu diesem Kickplatz (lacht).

Sie sind mit 22 Jahren als Spieler zum FC Basel gestossen. Wie kam es dazu?

Ich habe in der südbadischen Auswahl gespielt, als eine Anfrage von Delémont kam. Die wollten mich unbedingt, boten mir 15'000 Franken für meine Unterschrift. Ich dachte damals, das kann doch nicht sein, dass ich Geld kriege, um Fussball zu spielen. Der nächste Gedanke war, dass ich ja den FC Basel anfragen könnte, wenn die schon Interesse haben.

Also haben Sie einfach mal angerufen?

Ja, ich habe im Telefonbuch nach Helmut Benthaus (damals FCB-Trainer; die Red.) gesucht und ihn tatsächlich gefunden. Das wäre heute undenkbar. Natürlich hatte ich mich vorbereitet auf dieses Gespräch. Ich stellte mich vor, sagte, was ich mache, dass ich in der Auswahl gespielt und viele Tore geschossen hätte. Er war sofort interessiert, sagte aber, dass ich mich in einer Woche wieder melden soll, weil sie noch mitten in der Meisterschaft steckten. Das machte ich dann.

Haben Sie auch beim FCB eine Antrittsgage gekriegt?

Ich habe 600 Franken gekriegt im Monat. Das war ein ordentlicher Lohn für einen Studenten. Ich studierte in Lörrach an der Pädagogischen Hochschule Mathematik und Sport.

Wie haben Ihre Eltern reagiert, als Sie sich für Sport und Mathematik einschrieben? Eigentlich war für Sie ja der Beruf als Pfarrer vorgesehen.

Das war mal der Traum meiner Eltern, ja. Im Bekanntenkreis gab es Missionare, zwei Familien. So bin ich mit zwölf Jahren nach St. Gallen gekommen, nach Mörschwil ins Missionsgymnasium. Aber ich hatte furchtbar Heimweh. Nach einem Vierteljahr kehrte ich nach Hause zurück.

Ich konnte nebenher das Studium absolvieren. Das ginge heute nicht mehr.

Wie war für Sie eigentlich der Übergang vom Leben als Fussballprofi ins Leben danach? Auch das ist ein Übergang, eine Grenzüberschreitung.

Das war ein einschneidendes Erlebnis. Eigentlich bin ich dann erwachsen geworden (lacht). Als Spieler hat man viele Freiheiten.

Das war schon damals so?

Man war privilegiert. Natürlich nicht so wie heute. Das kann man nicht vergleichen. Ich habe damals ja auch noch nebenher studiert. Das wäre heute auch nicht mehr möglich. Heute trainieren sie zweimal am Tag. Wir trainierten einmal in der Woche am Morgen, sonst immer abends um 18 Uhr. Ich konnte nebenher das Studium absolvieren. Das ginge nicht mehr. Vermutlich hätte ich meinen Weg in der Welt, wie sie heute ist, gar nie so gemacht.

Warum?

Weil ich wohl kaum nur auf Fussball gesetzt hätte. Dann wäre ich Fussballer gewesen und dann? Mit 33? Dann hätte ich keinen Beruf. Dieses Risiko wäre ich wohl nicht eingegangen, sondern hätte mich für den Lehrerberuf entschieden.

Wann fiel denn eigentlich die Entscheidung, Trainer zu werden?

Ich habe mich 1983 zum Lehramt angemeldet, wollte als Lehrer arbeiten. Aber das Schulamt in Freiburg meinte, weil ich zehn Jahre nicht als Lehrer tätig war, müsse ich eine Nachprüfung machen. Da hätte ich noch einmal viel büffeln müssen, und das wollte ich nicht. Ich war sauer. Und sagte mir, dass ich es als Trainer probiere.

Was beim SC Zug, mit dem Sie in die Nationalliga A aufstiegen, klein begann, hat Sie bis ganz oben gebracht. Sie haben mit Dortmund und Bayern die Champions League gewonnen. Bei Dortmund hat Ihnen der Körper Grenzen gesetzt. Sie erlitten einen Darmdurchbruch.

Ich hatte einen Hexenschuss. Man hat mir Cortison gespritzt, um mich fit zu kriegen. Ein Divertikel im Darm entzündete sich und platzte. Ich hatte einen empfindlichen Magen-Darm-Trakt. Vermutlich weil vieles auf den Magen schlägt, wenn man viele Sorgen hat, viele Probleme, Druck, Stress. Ansonsten wurden mir die Grenzen erst wirklich bewusst, als ich bei Bayern 2004 ein Burnout hatte.

Nachdem Sie 2014 Ihre Karriere beendet hatten, bot ein Klub aus China 25 Millionen Franken, um Sie aus dem Ruhestand zu locken.

Es war ein gigantisches Angebot, eigentlich unmoralisch. Man kann dazu fast nicht Nein sagen. Aber die Vernunft hat in diesem Augenblick die Grenze erkannt. Ich wollte nicht ein weiteres Jahr oder gar zwei Jahre meines Lebens opfern, um in China Geld zu verdienen. Um diese Zeit kam mein erstes Enkelkind auf die Welt, das wollte ich auch erleben, zur Familie schauen. Ich habe damals auch mit meinem Sohn gesprochen, er wird ja wahrscheinlich mal das Vermögen erben.

Sie wollten seine Meinung hören?

Ja, natürlich. Ich habe nie in meinem Leben annähernd so viel verdient. Aber da habe ich eine Grenze gezogen. Vielleicht auch durch die Grenzerfahrungen die ich gemacht habe mit dem Burnout. China wäre eine ganz andere Herausforderung gewesen, eine ganz andere Kultur. Und das mit der Familie. Natürlich hätte ich auch die Familie meines Sohnes mitnehmen können. Wir hätten ein grosses Haus gekriegt. Oder zwei.

Ich habe gelernt, zu Entscheidungen zu stehen, die ich einmal getroffen habe. Das ist ähnlich, wie wenn man Aufstellungen macht. Kurz vor einem Spiel kommen fast immer Zweifel. Aber da bringt es nichts, alles über den Haufen zu werfen.

Sie sagten trotzdem Nein.

Ja. Ich habe gelernt, zu Entscheidungen zu stehen, die ich einmal getroffen habe. Das ist ähnlich, wie wenn man Aufstellungen macht. Kurz vor einem Spiel kommen fast immer Zweifel. Aber da bringt es nichts, alles über den Haufen zu werfen.

Welche Grenzen mussten Sie als Trainer ziehen?

Man muss die Mannschaft immer im Griff haben, die Zügel straff halten. Die Spieler müssen wissen, wie weit sie gehen können. Ich habe da ja fast schon eine Doktorarbeit in Psychologie gemacht bei Bayern München mit Oliver Kahn, Lothar Matthäus, Mario Basler, Stefan Effenberg. Das sind alles Persönlichkeiten, aber auch verrückte Typen. Die in den Griff zu kriegen, war schon eine Herausforderung.

Wie haben Sie das geschafft?

Ich habe es mir einfach gemacht, indem ich Geldstrafen verhängte. Wenn es eine Schlägerei gab in einer Disco vor einem Spiel, war halt eine hohe Summe fällig. Oder bei Alkohol am Steuer.

War das Mario Basler?

Ja, ja. Er stellt das gerne anders dar, dass er gar nicht beteiligt gewesen sei. Aber das weiss ich besser. Oliver Kahn hat die Weihnachtsfeier verlassen, sagte, das Kind sei krank, und dann war er in der Disco. Effenberg wurde mit Alkohol am Steuer erwischt. Das kann man als Trainer auch nicht dulden.

Und warum Geldstrafen?

Weil es für mich gerechter war. Viele sagen, dann setz ihn doch auf die Bank. Aber wenn ich einen Leistungsträger auf die Bank setze, dann schade ich mir selbst. Wenn ich statt Oli Kahn den zweiten Torwart spielen lassen und wir verlieren, dann bin ich am Schluss der Depp. Darum mussten sie hohe Geldsummen für einen karitativen Zweck bezahlen.

Schmerzt Spieler eine solche Strafe?

Ja, egal wie viel sie verdienen. Sie müssen eine Strafe zahlen, das ärgert immer. Und wenn es nur ein Strafzettel ist. Die Spieler kriegen zwischen 20'000 und mittlerweile 50'000 Euro Busse. Ich habe mal 100'000 Euro Busse gesprochen.

Wofür?

Das war für Pizarro und Elber. Die rückten nach dem Winterurlaub zu spät ein. Sie sagten, sie hätten das Flugzeug verpasst und kämen einen Tag zu spät. Dann waren sie auch nicht da. Sie kamen erst am dritten Tag. Sie machten zwei Tage länger Urlaub. Das war respektlos auch gegenüber dem Team, dem Verein. Da musste ich hart durchgreifen.

Ich bin gesund, kann das Leben frei gestalten, fast wie ein Künstler.

Sie werden am 12. Januar 70. Entschuldigen Sie die Direktheit, aber fühlen Sie sich alt?

Ich bin eigentlich ein Typ Mensch, der immer im Jetzt lebt. Das Alter spielt im Augenblick keine Rolle. Wichtig sind Gesundheit und körperliche Verfassung. Ich fühle nicht wie ein 70-Jähriger, wie ich früher dachte, dass sich ein 70-Jähriger fühlen muss. Alles ist relativ. Die Familie ist intakt, ich bin gesund, kann das Leben frei gestalten, fast wie ein Künstler. Mein Leben war vorher immer von Terminen bestimmt, alles war vorgegeben. Ich konnte nicht selbst bestimmen, wann in der Bundesliga gespielt wird und wann das Training ist.

Wie feiern Sie Ihren Geburtstag?

Im kleinsten Kreis. Mit meinen zwei Geschwistern, meiner Schwiegermutter, der Familie. Ich mag nicht mit 60, 70 Leuten feiern.

Gibt es noch eine Grenze, die Sie gerne überschreiten würden?

Nein, etwas Verrücktes muss ich nicht mehr tun. Den Fallschirmsprung habe ich auch schon hinter mir - also zwei, drei sogar.

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