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Hier muss sich keiner schämen

FRAUENFELD. Da wird gebrüllt und gedroht, Tiere und Mofas werden imitiert. Alles Theater. Das Vorstadttheater in Frauenfeld bietet einen Theaterkurs für Jugendliche an, der seit drei Wochen läuft. Wer Interesse hat, darf gerne auch jetzt noch einsteigen.
Rahel Haag
Sie spielen Stimmungen: Jugendliche kommen an der Theaterwerkstatt im Vorstadttheater aus sich heraus. (Bild: Donato Caspari)

Sie spielen Stimmungen: Jugendliche kommen an der Theaterwerkstatt im Vorstadttheater aus sich heraus. (Bild: Donato Caspari)

Vor drei Wochen startete im Vorstadttheater im Eisenwerk die U18-Theaterwerkstatt. Zehn Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren wollen hier bis Dezember miteinander auf der Bühne arbeiten. Abschluss des Theaterkurses wird eine Aufführung sein. Das Thema: Rot.

Übertreiben und verdichten

Bei der Probe am Montag wird nicht lange gefackelt. Die erste Übung, die sich Leiterin Katja Natterer für heute ausgedacht hat, mag ein wenig seltsam wirken. Die Jugendlichen sollen in drei Minuten ihren Weg von zu Hause ins Eisenwerk darstellen. «Vom Anziehen der Schuhe über die Velo- oder Töfflifahrt bis zur Treppe, die ihr hier hoch gekommen seid.» Mit einer Stoppuhr wird die Zeit gemessen. Wer früher fertig ist, darf sich setzen. Dann geht es los. Die Jugendlichen wuseln durcheinander, imitieren brummende Mofas und das Piepsen des Ticketautomaten am Bahnhof. Zwei führen imaginäre Telefongespräche. Kurz bevor die Zeit abgelaufen ist, sitzen alle. «Sehr gut», lobt Katja. «Jetzt habt ihr für die gleiche Aufgabe nur noch eine Minute Zeit.» Wieder schwingen sich die Jugendlichen auf nicht existente Fahrräder und steigen die Treppe hoch. Dann noch ein letztes Mal. Diesmal bleiben nur noch 30 Sekunden. «Es geht darum, alltägliche Dinge zu verdichten und zu übertreiben.»

Die Stimmen aufwärmen

Anschliessend sollen sich die Jugendlichen auf den Boden legen, den Stress des Tages vergessen und sich auf die eigene Atmung konzentrieren. Mit verschiedenen Übungen werden nun die Stimmen aufgewärmt. Ausatmen auf «f», «s» oder «sch». Mit einem langen «m» beginnen und dann den Mund öffnen und damit ein «a» herausfallen lassen.

Das Thema der heutigen Probe wird die Stimme sein. «Es geht um Worte, Sprache und Sätze», erklärt Leiterin Katja. Für die nächste Übung sollen die sieben Mädchen und drei Jungen wieder aufstehen, durcheinander gehen und nur durch Geräusche den Zuschauer an einen bestimmten Ort bringen. «Zuerst stellen wir einen Dschungel dar. Und los.» Es werden Vögel und Affen imitiert, auch Katja brüllt wie ein wildes Tier. Danach wird es nicht ruhiger. Als Nächstes verwandelt sich das Vorstadttheater in eine Grossstadt. Es wird gehupt und geflucht. Am beeindruckendsten ist aber das Unwetter, das anschliessend aufzieht. Es beginnt mit einem leisen Rauschen und einzelnen Tropfen. Am Ende tobt ein Sturm.

Die meisten Jugendlichen kennen sich untereinander nicht. Ist es da nicht schwierig, aus sich herauszukommen? «Überhaupt nicht», sagt die 16jährige Melanie Hungerbühler aus Thundorf. «Beim Spielen lernt man sich kennen. Das ist cool.» Auch Nathalie von Rüti, 14, aus Steckborn geniesst das ungezwungene Zusammenspiel. «Ich habe früher schon Theater gespielt und nun nach langer Zeit wieder ein Projekt für Jugendliche gefunden. Genial.»

Nun stellen sich die Jugendlichen in einem Kreis auf, sollen ein Geräusch zusammen mit einer Geste weitergeben. Die Vielfalt ist gross. Es wird seltsam gelacht, das Muhen einer Kuh imitiert oder einfach leise gepiepst. Auch kleine Hausaufgaben gibt es. Zu dieser Probe sollten alle einen Satz mitbringen, der etwas mit der Farbe Rot – dem Projektthema – zu tun hat. Wer keinen Satz gefunden hat, erhält einen von Katja.

Seltsame Kombinationen

Die Sätze werden auf Zettel geschrieben und im Raum verteilt. Daneben steht noch ein Adjektiv geschrieben: drohend, hochmütig, verächtlich oder wütend. Die Jugendlichen gehen umher und sagen die Sätze in der jeweiligen Stimmung. Dadurch entstehen interessante Kombinationen. Wer würde «Schneewittchen biss in den roten, giftigen Apfel» wütend heraus brüllen? Oder wer droht mit «Rot löst eine Farbempfindung in unserem Gehirn aus»?

Der 16jährige Ennio Iseli aus Frauenfeld hat bereits beim «Traumspiel», der letzten Produktion des Vorstadttheaters, mitgespielt. «Theaterspielen macht einfach Spass.» Hier könne man herumalbern und in andere Rollen schlüpfen. «Ich muss nicht ich selbst sein.» Auch Flora Hausammann (15, Frauenfeld) hat bereits Theatererfahrung. «Seit fünf Jahren spiele ich.» Am besten gefalle ihr das Improvisieren. Und sie ist überzeugt: «Beim Theater muss sich niemand schämen.»

Proben jeweils montags, 19–21 Uhr. Infos und Anmeldung: www.vorstadttheater.ch

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