Interview

Heinz Günthardt: «Du machst aus einem Ackergaul kein Rennpferd»

Dem Frauen-Tennis mangelt es seit Jahren an Idolen und Rivalitäten, Überraschungen sind eher die Regel als die Ausnahme. Das wird sich in absehbarer Zeit kaum ändern, glaubt Tennis-Experte Heinz Günthardt.

Simon Häring, Melbourne
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Heinz Günthardt lobt die Leistungsdichte im Frauentennis.

Heinz Günthardt lobt die Leistungsdichte im Frauentennis.

Bild: Keystone

Wie beurteilen Sie die Niederlage von Belinda Bencic?

Es war ein Tag, an dem gar nichts funktioniert hat. Belinda kam kaum dazu, Tennis zu spielen. Sie ist stark in der Offensive. Wenn sie ein Defizit hat, dann ist es die Defensive. Man muss hier aber auch den Hut ziehen vor Kontaveit, die auch nicht jeden Match so spielt. Sie hat dafür gesorgt, dass Bencic ihre Stärken gar nie einsetzen.

Belinda Bencic stand bei den US Open in den Halbfinals, nun scheiterte sie deutlich. Wie weit ist sie von einem Grand-Slam-Titel entfernt?

Nicht so weit. Man darf diesen Tag nicht überbewerten. Solche Tage können passieren. Das gab es zuvor auch schon in Wimbledon-Finals. Man darf nicht vergessen, dass ein Match auch eine gewisse Dynamik entwickeln kann, die dann zu solchen Ergebnissen führen kann. Die Leistungsdichte bei den Frauen ist gross und die Unterschiede klein. Bencic ist normalerweise eine Spielerin mit grosser Konstanz. Das Problem: Sie kam gar nie dazu. Es war ein wenig wie im letzten Jahr gegen Kvitova: Es hat einfach Brätsch gemacht.

Welche Lehren kann Bencic aus dieser Niederlage ziehen?

Es stellt sich die Frage, wie man dagegenhalten kann, wenn jemand so spielt wie Kontaveit gegen Belinda. Logischerweise wäre das mit dem Aufschlag. Der erste Aufschlag war gut, aber der zweite hielt einfach nicht unter Druck. Es kamen dann ein paar Doppelfehler in wichtigen Momenten. Dort hat sie ganz bestimmt noch Potenzial.

Belinda Bencic scheiterte bereits in der dritten Runde. Trotzdem glaubt Heinz Günthardt, dass sie nicht weit von einem Grand-Slam-Titel entfernt ist.

Belinda Bencic scheiterte bereits in der dritten Runde. Trotzdem glaubt Heinz Günthardt, dass sie nicht weit von einem Grand-Slam-Titel entfernt ist.

Bild: Keystone

Wie kann Sie sich in der Defensive verbessern?

Zentimeter machen einen grossen Unterschied aus. Wenn du auf drei Meter zwanzig Zentimeter schneller bist, klingt das nach wenig, aber das ist: entweder kann ich den Ball schlagen, oder eben nicht. Das ist einerseits die Geschwindigkeit, andererseits das Sehen. Belinda hat für ihre Verhältnisse miserabel antizipiert und konnte das Spiel von der Grundlinie überhaupt nicht. Das passiert ihr sonst nie. Das ist auch eine Frage des Selbstvertrauens. Belinda wurde ständig auf dem falschen Fuss erwischt. Das wird ihr nicht so bald wieder passieren. Belinda hat gewisse Stärken und gewisse Schwächen, und die wurden von Kontaveit gnadenlos offengelegt. Das gibt es halt.

Weshalb gibt es nicht mehr starke Athletinnen im Frauen-Tennis?

Es ist eben nicht nur eine Frage der Fitness, sondern auch der Schnelligkeit, der Balance und Kraft. Gewisse Dinge sind genetisch bedingt. Man kann aus einem Ackergaul kein Rennpferd machen.

Bencic wird defensiv also nie so stark sein wie zum Beispiel Kerber?

Sie wird wird defensiv nie so stark sein wie Kerber. Aber Kerber wird umgekehrt auch nie so stark sein in der Offensive wie Bencic.

Neben Bencic scheiterten auch Karolina Pliskova, Naomi Osaka, Elina Switolina und Serena Williams bereits in der dritten Runde. Nur vier Spielerinnen aus den Top Ten erreichten die Achtelfinals.

Serena Williams hat vieles überdeckt. Seit sie nicht mehr ganz so dominant auftritt, wird offensichtlicher, wie ausgeglichen es bei den Frauen zu und hergeht. Es gab schon davor immer wieder Siege durch Aussenseiterinnen – Flavia Pennetta bei den US Open, Marion Bartoli in Wimbledon, Francesa Schiavone und Sam Stosur in Roland Garros, um nur einige zu nennen. Es ist also nicht so, dass diese Situation so völlig neu ist. Die Ausnahmen sind also ziemlich zahlreich. Wir hatten einfach eine Ausnahmeathletin, die alles, oder sehr vieles gewann, und damit vieles überdeckt hat: Serena Williams. Die Realität ist aber die, dass ganz viele eine Chance haben, etwas zu gewinnen.

Serena Williams wartet seit den Australian Open 2017 auf ihren 24. Grand-Slam-Titel, mit dem sie Margaret Courts Rekord einstellen würde.

Serena Williams wartet seit den Australian Open 2017 auf ihren 24. Grand-Slam-Titel, mit dem sie Margaret Courts Rekord einstellen würde.

Bild: Keystone

Seit 2017 gewannen zehn Spielerinnen ein Grand-Slam-Turnier, und jedes Jahr brachte vier verschiedene Siegerinnen hervor. Nur Halep und Osaka gewannen zwei Major-Turniere. Wie ist das zu erklären?

Früher gab es im Frauentennis eine Zweiklassengesellschaft, oder sogar eine Dreiklassengesellschaft. Die ersten acht bis zehn mit den beiden Belgierinnen, Justine Henin und Kim Clijsters, dazu Amélie Mauresmo, Lindsay Davenport und die Williams-Schwestern, Serena und Venus. Du wusstest, wer die Viertelfinals erreicht. Bei den Frauen gab es seither im Vergleich zu den Männern einfach einen Aderlass. Aber man kann es auch umkehren: Was wäre, wenn es Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic nicht geben würde?

Roger Federer, Novak Djokovic und Rafael Nadal dominieren das Männertennis seit knapp zwei Jahrzehnten. Ausnahme, statt Normalfalls, sagt Günthardt.

Roger Federer, Novak Djokovic und Rafael Nadal dominieren das Männertennis seit knapp zwei Jahrzehnten. Ausnahme, statt Normalfalls, sagt Günthardt.

Bild: Keystone

Die Frage ist hypothetisch.

Richtig, aber es zeigt einfach, dass das, was bei den Männern in den letzten beiden Jahrzehnten Normalität zu sein scheint, eben nicht normal ist. Sondern das, was bei den Frauen passiert.

Inzwischen steht es an der Tagesordnung, dass es ein gutes Dutzend Frauen gibt, die ein Grand-Slam-Turnier gewinnen können. Was hat sich also seit der Generation um Martina Hingis geändert?

Ich glaube, es ist eine Kombination aus zwei Dingen. Einerseits hat die Leistungsdichte zugenommen. Es gibt inzwischen einfach viel mehr Frauen, die sehr gutes Tennis spielen. Früher hattest du die ersten 10, dann vielleicht 20 in der zweiten Klasse und danach ist das Niveau stark abgeflacht. Heute hat es Hunderte Frauen, oder noch mehr, die an einem guten Tag eine Überraschung schaffen können.

Nutzt diese Unvorhersehbarkeit dem Frauen-Tennis mehr, oder ist es eher schädlich, weil dadurch die Identifikationsfiguren fehlen?

Das ist ein zweischneidiges Schwert. Der Sport ist attraktiver, wenn du jemanden kennst. Denn dann kannst du für oder gegen jemanden sein. Wenn es immer wieder neue Sieger gibt, fehlt der Zugang. Nur, wenn jemand konstant gewinnt, entsteht Identifikation. Anderseits braucht es Spannung: Gewinnt dein Held, oder verliert er? Natürlich braucht es genügend Überraschungen, aber zu viele Überraschungen sorgen für Chaos. Osaka hat zum Beispiel zwei Grand-Slam-Turniere gewonnen, und nun ist sie völlig abgetaucht, was schade ist. Etwas Ruhe wäre deshalb wünschenswert.

Serena Williams stand seit der Geburt ihrer Tochter im Herbst 2017 in vier Grand-Slam-Finals, wartet aber weiter auf den 24. Titel. Diesmal scheiterte sie bereits in der dritten Runde. Was fehlt bei ihr noch?

Sie ist nicht halt schon mehr so athletisch wie in ihren besten Zeiten. Deshalb fühlt sie sich in den längeren Ballwechseln auch nicht mehr so wohl. Deshalb versucht sie, diese zu verkürzen, was ihr in der Regel gelingt. Williams Spiel ist auf zwei Pfeilern aufgebaut: dem Aufschlag und dem Return. Wenn sie nicht so gut retourniert, weil die Gegnerin auch noch gut serviert, muss sie viel mehr Tennis spielen. Es ist nicht nur eine Frage der Fitness, sondern der Rhythmus und die Dynamik des Spiels ist eine andere. Wenn Williams gut serviert, werden die Gegnerinnen einfach erdrückt.

Nur Margaret Court und Evonne Goolagong und Kim Clijsters gewannen als Mutter Grand-Slam-Turniere gewannen. Man müsste meinen, dass es einfacher geworden ist, doch das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Polemisch gefragt: Ist die Mutterschaft ein Karrierekiller?

Das kann ich überhaupt nicht beurteilen. Persönlich sehe ich nicht, weshalb das ein Nachteil sein sollte. Kim Clijsters hat ja bewiesen, dass es möglich ist, als Mutter ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen. Man darf halt nicht vergessen, dass Williams 38 Jahre alt ist.

Kim Clijsters trat schon zwei Mal zurück. Sie ist dreifache Mutter und wird im Sommer 37 Jahre alt und war zuletzt Hausfrau. Trotzdem will sie noch einmal auf die Tour zurückkehren. Was halten Sie davon?

Sie tut das, weil sie daran glaubt, noch einmal ein Grand-Slam-Turnier gewinnen zu können. Sie war eine super Athletin, schnell, stark, und hatte dazu noch super Schläge. Ich finde es spannend, was sie probiert. Gab es jemals Spielerinnen, die zwei Mal zurückgetreten sind, und noch einmal Erfolg hatten? Ich glaube nicht. Deshalb ist es so spannend. Tennis spielen ist wie Velo fahren: Man verlernt es nicht.

Kim Clijsters ist vierfache Grand-Slam-Siegerin und war die Nummer 1 der Welt. Als dreifache Mutter und 36-jährig wagt sie ein weiteres Comeback.

Kim Clijsters ist vierfache Grand-Slam-Siegerin und war die Nummer 1 der Welt. Als dreifache Mutter und 36-jährig wagt sie ein weiteres Comeback.

Bild: Keystone

Geht sie nicht das Risiko ein, sich zu blamieren?

Nein. Wenn man für die Tennis-Geschichte spielt, ist es völlig irrelevant, ob man am Schluss noch ein paar Mal verloren hat und wie. Wissen Sie, wie John McEnroe aufgehört hat? Oder Ivan Lendl? Oder Steffi Graf? Sie hörte in San Diego auf, nach einer Verletzung. Da hat sie gesagt: Nein, jetzt mag ich nicht mehr. Kaum jemand kennt diese Geschichte. Fans wollen nicht sehen, wie ihr Favorit verliert und wünschen sich: Hör doch auf dem Höhepunkt auf. Aber wenn man es nicht probiert, weiss man gar nicht, was möglich ist. Wenn du nicht verlieren willst, gibt es ein ganz einfaches Mittel: gar nicht spielen.

Cory Gauff war 1-jährig, als Clijsters ihr erstes von fünf Grand-Slam-Turnieren gewann. Was halten Sie von ihrer Entwicklung?

Ein Riesentalent. Sie ist auch athletisch herausragend, und das wird noch besser. Die Hoffnung ist, dass mehr Athletinnen das sehen und sich sagen: Wow, das mache ich auch.

Maria Scharapowa, Venus Williams, Swetlana Kusnezowa, und Sam Stosur haben Grand-Slam-Turniere gewonnen. Sie klammern sich an ihre Karrieren, obwohl sie keine Aussicht mehr auf Erfolge haben. Weshalb?

Weil sie glauben, dass sie es noch einmal packen können. Weil sie das aktuelle Niveau sehen, und sich sagen: Das sollte ich doch eigentlich immer noch drauf haben. Es ist nicht so, dass fünf, sechs Spielerinnen rumlaufen würden, die wahnsinnig gute Athletinnen wären und dazu auch noch richtig gut Tennis spielen können. Die Kombination gibt es derzeit nicht. Petra Kvitova zum Beispiel spielt unglaublich gutes Tennis, ist aber defensiv schwach. Oder Angelique Kerber, die in der Defensive sensationell ist, aber in der Offensive? Naja. Das sagt sich auch Maria Scharapowa.

Sehr gute Tennisspielerin, und sehr gute Athletin: Ashleigh Barty.

Sehr gute Tennisspielerin, und sehr gute Athletin: Ashleigh Barty.

Bild: Keystone

Auf wen würden Sie Ihr Geld setzen?

Am ehesten auf Ashleigh Barty. Weil sie eine Athletin ist, die auch gutes Tennis spielen kann. Sie kann auf verschiedene Arten Tennis spielen. Sie kann volleyieren, einhändig Slice und doppelhändig spielen, serviert hervorragend, für ihre Grösse sogar sensationell. Wenn sie gesund bleibt, wird sie auf Jahre vorne mitspielen.