Heimatliche Idylle, Pariser Flair

FRAUENFELD. Ein hochkarätiges Gemälde von Albert Anker aus dem Historischen Museum Thurgau bereichert die Sonderausstellung im Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen. Die Schweizerkolonie in Paris hatte es dem Thurgauer Politiker Johann Konrad Kern geschenkt.

Alexandra M. Rückert und Karin Ott
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Albert Anker: Das schweizerische Asyl in Saint-Mandé bei Paris, 1872, Öl auf Leinwand, Historisches Museum Thurgau/Dr.-Heinrich-Mezger-Stiftung. (Bild: pd)

Albert Anker: Das schweizerische Asyl in Saint-Mandé bei Paris, 1872, Öl auf Leinwand, Historisches Museum Thurgau/Dr.-Heinrich-Mezger-Stiftung. (Bild: pd)

Vielleicht ist es das modernste Gemälde, das Albert Anker geschaffen hat; man glaubt, ein Werk des frühen Impressionismus zu sehen. Das Bild hat mit einem der bedeutendsten Thurgauer Politiker den Weg in dessen Heimatkanton und in die Obhut des Historischen Museums Thurgau gefunden. Derzeit hängt es neben einer Leihgabe von alt-Bundesrat Christoph Blocher in der Ausstellung «Albert Anker und der Realismus in der Schweiz» im Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen (TZ vom 23.3.).

Diplomat und Staatsmann

Über 150 Gegenstände zu und von Johann Konrad Kern (1808 bis 1888) sind Teil der überaus vielfältigen Sammlung des Historischen Museums Thurgau. Die beachtliche Anzahl dokumentiert verschiedene Aspekte aus seinem Leben. Kern prägte die Thurgauer Politik und ist als einer der bedeutendsten Staatsmänner des 19. Jahrhunderts in die Schweizer Geschichte eingegangen. Nach den Unruhen der Regenerationszeit konnte 1848 mit der Bundesverfassung die Grundlage für die heutige föderalistische Schweiz gelegt werden, Kern amtete dabei als Redaktor. Er wurde erster Präsident des Bundesgerichts, war Mitglied des Ständerats und des Nationalrats, den er später auch präsidierte.

Diverse Objekte aus seinem beeindruckenden Leben sind erhalten geblieben: neben seiner Gala-Diplomatenuniform und Gegenständen des grossbürgerlichen Haushalts auch Raritäten. Kern gilt als Begründer der schweizerischen Berufsdiplomatie. Für seine Vermittlungen in verschiedenen Konflikten erhielt er als Zeichen der Wertschätzung teils kostbare Geschenke, von der goldenen Taschenuhr aus La Chaux-de-Fonds bis zu zwei imposanten Bodenvasen aus der renommierten Porzellanmanufaktur Sèvres – ein Zeichen der Anerkennung des Schweizer Bundesrats.

Helfer in der Not

Ein ganz besonderes Geschenk erfolgte im Auftrag der Schweizer Kolonie in Paris. Speziell für Kern hat Anker ein eher untypisches Ölgemälde angefertigt. Es zeigt das schweizerische Altersasyl in Saint-Mandé am östlichen Stadtrand von Paris, an dessen Schaffung Kern beteiligt war.

Kern setzte sich in seiner Zeit in Paris (1857–1883) als bevollmächtigter Minister nicht nur für das gute Verhältnis zwischen Frankreich und der Schweiz ein – in seine Amtszeit fiel der Deutsch-Französische Krieg. Paris mit seinen zwei Millionen Menschen war während 132 Tagen vom Feind umzingelt. Kern und seine Gattin Aline Kern-Freyenmuth waren sehr um das Wohl der grossen Schweizerkolonie bemüht. Deren rechtliche Situation war ungewiss, das tägliche Überleben schwierig. Menschen ohne Geld und Lebensmittel belagerten die schweizerische Gesandtschaft. Minister Kern versuchte die Situation seiner Landsleute zu verbessern und liess in der grössten Not sogar Geld auszahlen.

Pariser Vorstadtatmosphäre

Albert Anker (1831–1910) ist bekannt für seine berührenden Kinderdarstellungen aus dem ländlichen Umfeld seiner Berner Heimat. Im Gegensatz zu der für seinen Malstil charakteristischen dunkeltonigen Ateliermalerei mutet im Bild aus Saint-Mandé die helle Palette der Pleinair-Malerei modern und frühimpressionistisch an. Auf dem Ölgemälde des Altersasyls veranschaulichen dies der heitere Himmel, die luftigen Wölkchen, die locker getupften Bäume und die scheinbar zufällig anwesenden Passanten auf dem Trottoir, die einen Hauch von Flanier-Atmosphäre aus der Pariser Vorstadt aufkommen lassen.

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