«Heimat will erstritten sein»

Das mit der Heimat ist gar nicht so einfach, auch für Thurgauer Kulturschaffende. Erstaunlich ist nicht, dass ihre Einschätzungen variieren – erstaunlich hingegen, wie wenig sie mit Alter oder Geschlecht zu tun haben.

Dieter Langhart
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Heimat: Einladungskarte zur Atelierausstellung 1992. «Man sprach viel über die EWR-Abstimmung. Allgemein war die Enttäuschung über das Nein sehr gross. Damals, und bis heute, war und ist die Schweiz in meiner Arbeit immer wieder Thema.» (Bild: Urs Graf)

Heimat: Einladungskarte zur Atelierausstellung 1992. «Man sprach viel über die EWR-Abstimmung. Allgemein war die Enttäuschung über das Nein sehr gross. Damals, und bis heute, war und ist die Schweiz in meiner Arbeit immer wieder Thema.» (Bild: Urs Graf)

Das Geheimnis der Kunst ist, dass sie die Heimat korrigiert, hat Voltaire gesagt. Nein, nicht ganz – er sprach von der Natur, nicht von der Heimat. Die Kunst baut überall eine Heimat, sagte Goethe. Aber was sagen die Künstler und Kulturschaffenden im Thurgau? Und jene, die weggezogen sind? Und jene, die hier sind, aber nicht von hier? Wir haben ihnen drei einfache Fragen gestellt und wunderbare Antworten erhalten. Nachstehend eine Auswahl.

Wenn ich «O Thurgau, du Heimat…» höre, denke ich spontan…

Alex Bänninger: Ein Kantonslied ohne «La, la, la» wäre schöner.

Fredi Bissegger: Ein wunderbares Wanderliedchen, auf dass alle stramm stehen und ihren Müttern, Vätern, Kindern ein Loblied anstimmen, über alle Parteigrenzen hinweg. Vor allem der Refrain «Lalala, lala, lalalalalalala» hat es in sich.

Zora Debrunner: Ich kenne das Thurgauerlied seit meiner Schulzeit auswendig. Auch heute noch rührt es mich, wenn ich es höre, und ich bekomme Gänsehaut.

Sascha Erni: Ich bin aus dem Aargau in den Thurgau gezogen. Ganz ohne Zwang oder «Sterbe im Thurgau» als Perspektive oder gar Anreiz. Hochnebel.

Co Gründler: …an meine Schulzeit zurück, an die Primarschule in Hegi; das Lied habe ich nur während der Primarschule gesungen. Es erinnert mich auch an den Ort, wo ich aufgewachsen bin, an Siebeneichen. Ich verbinde es mit Erinnerungen an meine Schulzeit und Kindheit, es entspricht für mich aber nicht mehr der heutigen Zeit.

Hans Gysi: Nichts wie weg! Dann bleib ich aber doch, und es schaudert mich leicht.

Angelus Hux: …zuerst an den Bechtelistag. Da wird nach der Obmannsrede das Lied aus voller Kehle von 300 Anwesenden gesungen. Dann tauchen auch Militärdienst-Erinnerungen auf.

Stefan Keller: …an den «Liederkranz am Ottenberg», an meinen Grossvater, auch an den Vater. An die Wirtschaft zum kühlen Grunde in Guntershausen bei Birwinken, die es schon lange nicht mehr gibt.

Jochen Kelter: …an getragene Weisen und Heimat als Trachtenveranstaltung.

Markus Landert: …«diese Heimat existiert schon lange nicht mehr». Zwar gibt es sie noch, die unberührten Landschaften, die «Fluren in Gold», die «blühenden Wiesen», die besungen werden. Doch Heimat ist etwas anderes.

Armin Menzi: …an eindrückliche Momente, in denen sich gestandene Menschen beim Singen des Liedes erheben und für Momente ein Gefühl von Gemeinsamkeit und Vertrautheit empfinden. Passt irgendwie nicht in unsere Zeit – und ist darum so bemerkenswert.

Rahel Müller: …an Kugelfische, an leere Hallen, die man lüften muss, an gebrauchte Wolkenformationsputzlappen. Verstehen muss man das nicht, ich verstehe es auch nicht.

Brigitt Näpflin: …an bezaubernde, idyllische, unvergleichliche Landschaft – die zunehmend durch gesichtslose Bauten und zu viele Strassen an Reiz verliert.

Stefan Rutishauser: …an meinen Primarlehrer, der mir den ersten Zugang zur Kultur ermöglichte.

Michael Stauffer: Ah, jemand singt ein Lied.

Richard Tisserand: Primarschule, Gesangsunterricht und 1.-August-Feiern mit Männerchor in den 50er-Jahren.

Cornelia Zecchinel: …da bin ich daheim, da gehöre ich hin. Dann kommen mir Bilder von Menschen und der Landschaft, in der ich aufgewachsen bin.

Heimat bedeutet für mich…

Bänninger: …den Auftrag, sie lebenswert, menschenwürdig und weltoffen zu gestalten.

Bissegger: …den Ort, wo ich mich gerade aufhalte – ob Berlin, New Delhi, New York oder das Mühletöbeli – da, wo Beziehungen stattfinden.

Debrunner: …alles zwischen Wildhaus und Frauenfeld. Und die Menschen, denen ich da begegne.

Erni: …Hügel, die anderswo als Berge durchgehen würden. Helle «e» im Dialekt. Und Hochnebel.

Bianca Frei-Baldegger: Heimat meint Erinnerungen. Heimat ist da, wo das Herz wehtut. Heimat, das sind Gefühle und Emotionen – diese Eigenschaften erscheinen beinah zeitlos. In Ideen und Geisteshaltungen lässt sich Heimat suchen und finden.

Thomas Götz: …den Ort, auf den ich mich freue, wenn ich von einer Reise zurückkomme.

Gründler: Der Ort, wo ich meine Kindheit verbrachte, hat mich wohl am meisten geprägt.

Gysi: Schreiben und Theatermachen. Einen Ort haben, wo die Dinge und Menschen eine Geschichte haben, die viel mit mir und meinen Menschen und Dingen zu tun haben. Abstimmungen. Eine gute Umgebung.

Hux: …die Zuversicht, in einer Familie, in einem Ort, in einer Landschaft verwurzelt und aufgehoben zu sein.

Keller: …verträumte Erinnerung. Manchmal taucht sie in weit entfernten Landschaften wieder auf: in Siebenbürgen, in Oberschwaben, im Laufental.

Kelter: …an Städte, Landschaften und Menschen, zu denen und mit denen ich eine Beziehung habe.

Oliver Kühn: …Orte, die ich immer wieder aufsuche, um festzustellen, dass sie so sind, wie ich sie mir vorgestellt habe.

Landert: Heimat entsteht aus den Möglichkeiten, die hier im Thurgau kreativen und offenen Menschen geboten werden.

Menzi: Der Ort, wo meine Freunde sind. Es lohnt sich, den Begriff von Vorurteilen zu befreien. Denn Heimat erträgt vieles: Hingabe, Kritik, Gelassenheit.

Caroline Minjolle: …meine ersten Wurzeln in Südfrankreich, meine zweiten Wurzeln in Zürich.

Müller: …einen Ort in meinem Inneren, der sich mir im Äusseren vielfältig als Vertrauen und Offenheit widerspiegelt.

Näpflin: Vertrautheit der Umgangsformen, sich zurechtzufinden ohne Anstrengung.

Rutishauser: …den Ort wo ich arbeite und Neues schaffe, mich geborgen fühle im vertrauten Umfeld meiner Freunde und Familie.

Stauffer: …dass ich weiss, wer ich bin. Wer weiss, wer er ist, braucht keine Feindbilder, um sich zu spüren. Wer weiss, was er liebt und schätzt, braucht keine verordnete Identität.

Tisserand: Als Künstler mit Nomaden-Verhalten fühle ich mich zu Hause, wo und wann ich am Arbeiten bin. Ich habe eine «Heimat» ebenso in Paris wie in Stein oder Neuhausen am Rheinfall.

Zecchinel: Der Bodensee vor allem, aber auch die Fülle, die der Kanton bietet.

Heimat bedeutet für mich keinesfalls…

Bänninger: …hohles Pathos.

Bissegger: …Grenzen, Ausgrenzung, Abschottung.

Debrunner: …wenn Heimat zur Floskel ohne Inhalt wird, mit der politisiert wird.

Erni: …einen abgeschotteten Schrebergarten meiner selbst und meiner Umgebung. Ich weiss, wer und was ich bin. Und wo ich mich wohl fühle. Auch mit Hochnebel.

Götz: …dass mir Grenzen gesetzt sind.

Gysi: …eine gesellschaftliche Institution, Bratwurst, Schwingfest, Wahlen.

Hux: …nur austauschbares Wohlergehen.

Keller: …Kritiklosigkeit.

Kelter: …den Ort, an dem ich geboren und aufgewachsen bin. Heimat will erstritten und mit Menschen geteilt sein.

Kühn: …die Orte, die ich bei der zweiten Frage auslasse.

Menzi: …den genau festgezurrten Raum nach fixierten Normen und Verhaltensregeln. Heimat passt in keine Excel-Datei.

Minjolle: …etwas Starres.

Müller: …dass man nicht Käsehörnli und/oder Apfelmus essen sollte.

Rutishauser: …dass die Welt am diesseitigen Ufer des Bodensees aufhört.

Stauffer: Wer den Teufel an die Wand malt, hat keine Ahnung von Heimat, höchstens vom Teufel. Wer alles immer nur rosarot sieht, hat aber auch keine Ahnung von Heimat, höchstens von der Farbe Rosa.

Tisserand: …Erde oder Schollenverbundenheit.

Zecchinel: Wo keine Kreativität und Phantasie ist, wo keine Entwicklung möglich ist, wo es karg und eintönig ist.

«Heimat ist dort, wo nur mein Jackett kleinkariert ist»: Thomas Götz diesen Januar im Interview mit der TZ. (Bild: Nana do Carmo)

«Heimat ist dort, wo nur mein Jackett kleinkariert ist»: Thomas Götz diesen Januar im Interview mit der TZ. (Bild: Nana do Carmo)

Bild: DIETER LANGHART

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