HAUCHDÜNN: Im Fotofinish zum EM-Titel

Selina Büchel hat der Schweiz in Belgrad die zehnte Goldmedaille an Hallen-Europameisterschaften beschert. Die 25-jährige Toggenburgerin verteidigt über 800 m ihren Titel und stellt eine nationale Bestmarke auf.

Sascha Fey (sda), Belgrad
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Selina Büchel wirft sich ins Ziel – und hat am Ende eine Hundertstelsekunde Vorsprung. (Bild: Marko Drobnjakovic/AP Photo)

Selina Büchel wirft sich ins Ziel – und hat am Ende eine Hundertstelsekunde Vorsprung. (Bild: Marko Drobnjakovic/AP Photo)

Sascha Fey (SDA), Belgrad

Büchel übernahm von Anfang an das Zepter. Die Einzige, die ihr Tempo bis am Schluss mitgehen konnte, war die Britin Shelayna Oskan-Clarke, die ihr im Halbfinal eine Niederlage zugefügt hatte. Die beiden lieferten sich auf der Zielgeraden ein packendes Rennen, von Auge war nicht zu sehen, an wen die Goldmedaille ging. Tatsächlich entschied nur eine Hundertstelsekunde für die Athletin des KTV Bütschwil.

Bereits an den Hallen-Europameisterschaften vor zwei Jahren in Prag hatte Büchel nach dem Zieleinlauf nicht gewusst, ob es zum Sieg gereicht hatte. Damals triumphierte sie mit einem Vorsprung von vier Hundertstelsekunden. Sie hat in der Halle jenes «Glück», das ihr draussen an der Weltmeisterschaft 2015 in Peking und den Olympischen Spielen 2016 in Rio gefehlt hatte, als sie zweimal hauchdünn den Einzug in den Final verpasste.

Offensive Taktik

Vor Büchel war es einzig Markus Ryffel im Jahr 1979 über 3000 m gelungen, den Titel an Hallen-Europameisterschaften zu verteidigen. «Es wäre ein Rückschritt gewesen, wenn die Medaille eine andere Farbe gehabt hätte», so die Ostschweizerin, die seit vergangenem Mai Profi ist. Büchel siegte nicht nur, sie verbesserte zudem den 20-jährigen Schweizer Indoor-Rekord von Regula Zürcher um 52 Hundertstelsekunden. Zwar war Büchel Mitte Februar in St. Gallen mit 2:00,18 Minuten noch zwei Zehntel schneller gelaufen, weil in diesem Rennen aber auch Männer teilnahmen, wurde diese Zeit nicht in die Rekordlisten aufgenommen. Allerdings zeigte ihr diese Leistung, dass die Form stimmt, war sie doch mit Zweifel in die Saison gestartet, da sie im Winter krank war und nicht alles am Schnürchen lief. Bereits ab Januar ging es aber aufwärts, stieg das Selbstvertrauen.

Büchel hatte für den Final eine offensive Taktik gewählt, nachdem sie im Halbfinal von Oskan-Clarke aus dem Konzept gebracht worden war. Das erlaubte es ihr, ein Tempo zu laufen, das für sie und nicht für die Britin stimmte. Der Plan ging auf. «Es ist cool, Rennen zu bestreiten, die so eng sind», sagte Büchel.

Erfahrungen aus Prag helfen

Welcher Titel war schwieriger zu gewinnen? «Beide waren sehr, sehr schwierig.» Einerseits war sie in Prag unbeschwerter, wäre sie dort auch mit einem dritten Platz zufrieden gewesen. Anderseits halfen ihr die dort gemachten Erfahrungen. «Bei einem Wettkampf über drei Runden braucht es nicht nur schnelle Beine, da muss auch alles zwischendurch bestens ablaufen. Man muss mit der Spannung haushalten können. Das sind alles Sachen, die mit der Erfahrung einfacher fallen», erklärte Büchel.

Allerdings nahm sie es im Vorlauf und im Halbfinal gemäss eigener Aussage gar easy. «Ich bin erst heute in jene Zone gekommen, in der ich vor einem wichtigen Wettkampf jeweils bin», so Büchel. Nach dem fünften Platz der am Samstag über 400 m als Favoritin gestarteten Lea Sprunger war sie schockiert. «Ich war enttäuscht, wusste aber, dass ich noch eine Chance habe.» Vielleicht war sie deshalb um einen Hauch schneller als Oskan-Clarke. Die drittplatzierte Isländerin Anita Hinriksdottir verlor bereits 87 Hundertstelsekunden.

Den Schwung aus der Halle will sie nun ins Freie mitnehmen. Dort fehlt ihr noch eine Medaille an internationalen Meisterschaften. Es würde nicht erstaunen, wenn sie dank ihrer Akribie auch diese Lücke im Palmarès bald schliessen würde.