Handwerk

Ein Text, von Hand gesetzt und gedruckt, verweigert sich der Hektik in der Literatur.

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Beat Brechbühl liebt es über alles, Bücher und Gedichte von Hand zu setzen, von Hand zu drucken, und alle zwei Jahre lockt er Hersteller und Anhänger der Schwarzen Kunst nach Frauenfeld an die Handpressenmesse. Nicht er aber hat dieses Buch gedruckt, sondern Martin Kolosz vom Verlag Kyrene in Wien: «Weiss» von Zsuzsanna Gahse.

Schlicht und haptisch

Diese Prosaskizze war eines der «Hundertundein Stilleben» der Müllheimer Autorin, die 1991 in Klagenfurt erschienen sind. Damals haben Autorin und Verlag mit Absatz- und Satzgestaltung experimentiert; «Weiss» allein wird zur schlichten, fadengehefteten Broschur.

Ausführlich hingegen das Impressum: Gestaltung und Handsatz aus der Van Dijck Antiqua von Michael Karner, Gloggnitz. Buchdruck auf der Tiegelpresse von Anton Lebhard, Wieselburg. In limitierter Auflage von 100 Stück auf Büttenpapieren der Papiermühle Velké Losiny. Die Buchbindung lag in den Händen von Charlotte Karner, Obergrafendorf.

«Weiss» liegt angenehm in der Hand, lässt sich greifen, begreifen, streicheln. «Eine gedruckte Oase aus Buchstaben der Zeitlosigkeit», hat ein Rezensent geschrieben.

Vasen wie Körper

Auf zweieinhalb Seiten besingt Zsuzsanna Gahse eine Vase wie den Körper einer Frau: weiss der Hals, weiss der Bauch: bauchig, dass man zupacken möchte, oh, Giorgio, Giorgio, ewig die Hände am Vasenbauch. Ein Tisch, ein Fenster, der Schatten der Vase auf der Wand weiten den Raum. Und neben der weiss angemalten Vase steht eine zweite Vase: quadratisch, graublau. Zsuzsanna Gahse lässt beide Gefässe wie zwei ungleiche und doch verwandte, einander zugewandte Körper wirken.

Wie schön das graublaue Vorsatzblatt zwischen Buchdecke und Buchblock dazu passt, wie neckisch der blau gesetzte Titel mit dem Weiss spielt. Das Buch als dritter, als eigenständiger Körper: Verkörperung eines Textes.

Dieter Langhart

Zsuzsanna Gahse: Weiss. Prosa. Kyrene 2012, 7 Seiten, Fr. 35.40

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