EM-Qualifikation: Erster Matchball für die Schweizer Handballer

Die Schweiz empfängt heute (18.15) in der Zuger Bossard Arena die Kroaten. Ein Punkt – und die erstmalige EM-Teilnahme seit 2006 ist gesichert. Doch ausgerechnet jetzt schlägt die Verletzungshexe zu.

Stephan Santschi
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Blickt zuversichtlich auf die beiden EM-Qualifikationsspiele gegen Kroatien und gegen Serbien: Der Urner Nationalspieler Lukas von Deschwanden. (Bild: Roger Grütter (Zug, 11. Juni 2018))

Blickt zuversichtlich auf die beiden EM-Qualifikationsspiele gegen Kroatien und gegen Serbien: Der Urner Nationalspieler Lukas von Deschwanden. (Bild: Roger Grütter (Zug, 11. Juni 2018))

Alen Milosevic, der Kreisläufer, erlitt einen Bandscheibenvorfall. Samuel Röthlisberger, der Abwehrspezialist, fällt mit einer Ellbogenverletzung aus. Und der Urner Rückraumspieler Lukas von Deschwanden verpasst das möglicherweise wegweisende Heimspiel heute gegen Kroatien in Zug (18.15, Bossard Arena) wegen einem Aussenbandriss im Fuss.

Ausgerechnet jetzt, in der finalen Phase der Qualifikation zur Europameisterschaft 2020, schlägt im Schweizer Lager die Verletzungshexe zu. Gegen Kroatien und am Sonntag in der abschliessenden Begegnung in Serbien braucht die Auswahl von Nationaltrainer Michael Suter maximal noch einen Punkt, um sich erstmals seit der Heim-EM 2006 wieder für ein internationales Turnier zu qualifizieren (siehe Kasten). Blasen die Schweizer aufgrund der gewichtigen Ausfälle nun Trübsal? «Nein, keineswegs», entgegnet von Deschwanden. «Wir haben 20 Spieler in unserem Pool, so viele wie schon lange nicht mehr. Jeder ist ersetzbar, nun wollen wir einfach an die EM.»

Die fiesen Folgen eines Zeckenbisses

Im Gegensatz zu Milosevic und Röthlisberger figuriert von Deschwanden weiterhin im Aufgebot. «Am Montag absolvierte ich im Training Sprünge, am Dienstag arbeitete ich wieder mit der Mannschaft. Gegen Kroatien wird es nicht reichen, doch ich hoffe am Sonntag in Serbien auf einen Einsatz», berichtet der 30-Jährige, und er ergänzt: «Meine Verletzung werte ich nicht schlimmer als einen verstauchten Finger.»

Für ihn haben sich die Relationen seit dem letzten Jahr ohnehin etwas verändert. «Wenn ich heute in schlechter Stimmung bin, erinnere ich mich zurück, wie ich mich an Weihnachten fühlte. Da war ich ein Häufchen Elend», erzählt von Deschwanden. Ein Zeckenbiss im Trainingslager mit seinem damals neuen Klub TVB 1898 Stuttgart führte im vergangenen Sommer zu einer Borreliose-Erkrankung, die allerdings lange nicht diagnostiziert worden war. «Zunächst hatte ich eine Grippe, später Gelenk- und immer wieder Kopfschmerzen. Hinzu kamen Schlafstörungen und Gewichtsverlust. All das wünsche ich wirklich keinem, auch die psychische Belastung für meine Freundin und mich war gross.»

Das verlockende Angebot aus Frankreich

Als im Januar dann die Ursache endlich geklärt war, nahm von Deschwanden Antibiotika zu sich und fühlte sich nach zwei Wochen wie ein neuer Mensch. Mehr noch: Trotz der schwierigen Saison flatterte ein hochinteressantes Angebot in sein Haus. Der französische Topklub Chambéry erinnerte sich an von Deschwandens starke Leistungen, als er mit seinem damaligen Klub Wacker Thun im Frühjahr 2018 im EHF-Cup auf die Franzosen getroffen war und offerierte ihm einen Zweijahresvertrag. «Ich wollte mich in der Bundesliga durchsetzen, sagte aber auch schon früher, dass ich eines Tages in Frankreich spielen will. Ein neues Land, die neue Sprache – das reizt mich sehr», erzählt der Altdorfer, und er hält fest: «Mit Stuttgart kämpfte ich gegen den Abstieg. Mit Chambéry, das Cupsieger und Dritter in der Meisterschaft geworden ist, werde ich international spielen.» Deshalb wird er die Schwaben nach nur einem Jahr wieder verlassen, «diese Chance muss ich einfach packen».

Auf seine Zeit mit Stuttgart, das die Bundesliga-Saison auf Platz 15 abgeschlossen hat, blickt er trotz der Borreliose mit guten Gefühlen zurück. Erstmals hatte sich Lukas von Deschwanden nach seinem Wegzug von Wacker Thun im Ausland zu bewähren, «auch die Lebensqualität in dieser Grossstadt hat gestimmt. Handballerisch und persönlich habe ich mich weiterentwickeln können.» Wenn er fit gewesen sei, habe er gespielt, meistens in der Startformation auf Rückraum Mitte. «Ich habe das Vertrauen des Trainers erhalten und es ihm auch zurückzahlen können.»

Schweiz setzt auf siebten Feldspieler im Angriff

In der EM-Qualifikation hat er aufgrund der körperlichen Probleme bisher kaum Einfluss nehmen können, als Spielmacher Nummer zwei hinter Andy Schmid ist sein Stellenwert aber nach wie vor gross. «Wenn wir unser 7:6-Angriffsspiel weiter so strukturiert aufziehen, werden wir auch für Kroatien extrem schwierig zu bespielen sein.»