HAMBURG: Zurück an der Elbe

Seit einem halben Jahr ist Roger Stilz Nachwuchskoordinator beim FC St.Pauli. Der Tübacher spricht vom «richtigen Job am richtigen Ort». Auch wenn es der ersten Mannschaft sportlich alles andere als rosig läuft.

Ralf Streule
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Roger Stilz, hier im Millerntor-Stadion im Hamburger Stadtteil St.Pauli, beunruhigt die sportliche Lage der ersten Mannschaft wsenig. "Ich konzentriere mich auf das, wofür ich angestellt bin - und das ist der Nachwuchs." (Bild: PD)

Roger Stilz, hier im Millerntor-Stadion im Hamburger Stadtteil St.Pauli, beunruhigt die sportliche Lage der ersten Mannschaft wsenig. "Ich konzentriere mich auf das, wofür ich angestellt bin - und das ist der Nachwuchs." (Bild: PD)

Roger Stilz ist in der Ostschweiz gross geworden. Er tschuttete in Goldach, dann in Rorschach. Und später in verschiedenen Clubs der damaligen NLB. Dennoch: Als im vergangenen Sommer bekannt wurde, dass der aufstrebende Fussballtrainer Leiter des Nachwuchs-Leistungszentrums des FC St.Pauli wird, schien es vielen, als kehre er zurück in seine Heimat. Zurück nach Hamburg, wo der 39-Jährige den Fussball besser kennt als die meisten Einheimischen. Zurück in die Stadt, die er 2004 als 27-Jähriger entdeckte und der er danach zehn Jahre lang treu blieb. In Hamburg hatte er Germanistik studiert und gleichzeitig als Spielertrainer mit dem Regionalliga-Club Victoria Erfolge gefeiert. Und vor drei Jahren war er als Co-Trainer beim grössten Verein Hamburgs tätig, dem HSV, in der 1. Bundesliga.

Trotz allem sagt Stilz, auf seine Anstellung angesprochen: «Der Ort gab nicht wirklich den Ausschlag. Auch wenn es natürlich ein Glücksfall ist, dass es wieder Hamburg ist.» Stilz weiss: Im Fussballgeschäft sind es nicht Sentimentalitäten, denen man als Trainer nachhängen darf. Er hätte interessante Jobs auch anderswo angenommen. Aber sein Wissen über Hamburgs Fussball brachte ihn schnell ins Gespräch, als bei St.Pauli das Nachwuchskonzept neu aufgegleist wurde.

Stilz leitet Leistungszentrum mit 92 Mitarbeitern

2014 hatte Stilz mit seiner Partnerin und dem unterdessen vierjährigen Sohn der Stadt kurzzeitig den Rücken gekehrt. An der Seite des ehemaligen Bayern-Spielers Valérien Ismael war er ein paar Monate beim 1. FC Nürnberg tätig gewesen. Als beide Trainer freigestellt wurden, entschied er sich für den Fussball­lehrer-Lehrgang in Köln, der renommiertesten Trainerschule Deutschlands. Danach wollte er schnell wieder Fuss fassen. Bei St.Pauli, dem Traditionsclub aus der 2. Bundesliga, gelang ihm das. Er ist für den Nachwuchs verantwortlich, für die Ausbildung der Jugendtrainer, für 92 Mitarbeiter. Viel Wert legt Stilz auf die Kommunikation. Er wird hellhörig, wenn Ausbildner sich zu einseitig nur für die sportliche Seite der Spieler interessieren. Um dem Rechnung zu tragen, hat er in den vergangenen Monaten ein Modell erarbeitet, dass die Talente in den fünf Bereichen Technik/Taktik, Athletik, Persönlichkeit, Schule/Beruf sowie Umfeld bewertet. «Ich bin überzeugt: Ist ein Spieler in einem der Bereiche absolut ungenügend, schafft er es nicht nach ganz oben.» So führt er etliche Gespräche mit Spielern, Trainern, Eltern, Beratern und will dabei nicht nur die fussballerische, sondern auch die menschliche Entwicklung begleiten.

Zwei seiner Kollegen aus dem Fussballlehrer-Lehrgang, Julian Nagelsmann und Alexander Nouri, sind unterdessen Trainer in der 1. Bundesliga geworden, in Hoffenheim und Bremen. Und auch Ismael ist bei Wolfsburg Cheftrainer. Dass ehemalige Wegbegleiter im Rampenlicht stehen, während er mehr oder weniger abseits der Öffentlichkeit seine Arbeit erledigt, stört Stilz nicht. «Ich habe die Stelle bewusst gewählt, weil sie konzeptionelle Arbeit mit Trainerarbeit verbindet, das gefällt mir.» Dennoch sagt er: «Ich traue es mir zu, einen Bundesliga-Club zu trainieren. Es muss aber nicht zwingend dazu kommen. Alles zu seiner Zeit.»

Wermutstropfen in Stilz’ Arbeit ist die aktuelle sportliche Lage der ersten Mannschaft St.Paulis. Das Team von Ewald Lienen steht in der Winterpause am Tabellenende der 2. Bundesliga. Es fehlen nur drei Punkte auf einen Nichtabstiegsplatz. «Natürlich wird man in der Stadt oft darauf angesprochen. Ich habe aber gelernt, mich darauf zu konzentrieren, wofür ich angestellt bin. Und das ist das Nachwuchsprojekt.» Einfluss hat die Baisse nicht auf die Arbeit des Tübachers. «Unsere Jungen kommen dann in die erste Mannschaft, wenn sie bereit sind – egal wie es dort sportlich läuft», sagt Stilz. Dennoch würde sich bei einem Abstieg die Frage stellen, ob das Nachwuchsprojekt im gleichen Umfang weitergeführt werden könnte. In einem Übergangsjahr vielleicht, ja. Aber was dann?

«Ein Verein braucht Menschen mit Haltung»

Diese Überlegungen macht sich Stilz derzeit nicht, noch sind solche Szenarien weit weg. Vielmehr geniesst er den Verein, in den er als Führungsperson bestens reinpasse. «Hier wird ein unkomplizierter Umgang gepflegt – so wie ich es mir von St.Pauli erhofft hatte.» Für den Club, der mit seinem alternativen Image – und dem Stadtstadion Millerntor zwischen Reeperbahn und Hafenviertel – etwas typisch Hamburgisches verkörpert, hegt Stilz schon länger Sympathien; auch wenn er ideologisch aufgeladene Fehden zwischen St.-Pauli- und HSV-Anhängern mit professioneller Distanz betrachtet. Er freut sich über St.-Pauli-Aktionen wie die «Weihnachtstafel», an der Trainer, Spieler und die gesamte Geschäftsstelle für Bedürftige aus dem St.-Pauli-Quartier kochten: «Ein Verein braucht Menschen mit einer Haltung. Menschen, die sich der Verantwortung gegenüber der Region und Stadt bewusst sind.»

Stilz wohnt mit seiner Familie direkt an der Elbe, etwas ausserhalb Hamburgs. «Das Wasser tut mir gut, ich mag den Hafen und den Elbstrand. Ich mag es, den Schiffen beim Ein- und Auslaufen zuzusehen – vielleicht ist dieses Gefühl ein Überbleibsel aus meiner Jugendzeit am Bodensee.» Die Verbindung zur Ostschweiz ist ohnehin intakt: Einerseits hält sich Stilz über Fussballclubs aus der Ostschweiz auf dem Laufenden – der Zufall will es, dass sich seine Wege beim HSV mit St.-Gallen-Trainer Joe Zinnbauer und Wil-Trainer Ronny Teuber gekreuzt haben. Anderseits werden bald 20 Goldacher, die einst beim Dorfclub mit Stilz Freundschaft schlossen, nach Hamburg reisen. Leute aus Stilz’ erster Heimat, auf Besuch in seiner zweiten.