Kolumne

Gschobe: Sportler des Jahres?
Was für eine Frage!
Simon Ammann, wer sonst?

Sie stammen aus dem gleichen Dorf im Appenzellerland, sind zwischen 47 und 50, treffen sich einmal pro Woche und jassen oder spielen Boule: Pius, Qualitätsmanager, Appenzell. David, Lehrer, Speicher AR. Tobias, Consultant, Zürich. Flavio, Sozialarbeiter, Kirchberg SG. François, Journalist, Windisch.

François Schmid-Bechtel
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Lange ist es her und doch unvergessen: Simon Ammann gewinnt 2002 mit 20 zwei olympische Goldmedaillen. (Bild: Keystone)

Lange ist es her und doch unvergessen: Simon Ammann gewinnt 2002 mit 20 zwei olympische Goldmedaillen. (Bild: Keystone)

David: Was ist eigentlich mit Simi Ammann? Fliegt er noch oder hüpft er schon? Ich habe jedenfalls schon ewig nichts mehr über ihn gehört, gesehen oder gelesen.
Pius: Wieso hüpfen? Nein, er springt noch. Und er freut sich über einen 21. Platz im Weltcup.
David: Es könnte ja sein, dass er klammheimlich zurückgetreten ist und nur noch in irgendwelchen Spielhallen mit seinen Kindern auf aufblasbaren Ungetümen rum hüpft.
Tobias: Ist es nicht irgendwie tragisch, wenn ein doppelter Doppelolympiasieger nur noch unter ferner liefen klassiert ist? Und wie schmerzfrei muss ein doppelter Doppelolympiasieger sein, wenn er Rangierungen um Position 20 herum voll geil findet?
François: Ist doch einzig und allein sein Ding. Simi tut keinem weh, wenn er weiter springt.
Flavio: Weiter als wer? Weiter als der Engländer mit den dicken Brillengläsern? Der springt doch schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Als Eddie the Eagle versuchte, die Naturgesetze auszutricksen – oder hat jemand von euch schon mal ein Ziege mit Flügeln gesehen? – existierte sogar noch die DDR.
François: Du weisst schon, wie ich es gemeint habe. Ausserdem finde ich es anmassend, wenn man Sportlern, egal ob es sich um einen doppelten Doppelolympiasieger oder um den besten Skifahrer von Burkina Faso handelt, zum Rücktritt auffordert. So lange Gigi Buffon versucht, bella figura zwischen den Pfosten zu machen, darf sich Simi ruhig noch an der Telemark-Landung abmühen.
Flavio: Bewahre. Ich habe das R-Wort nicht ausgesprochen. Denn Fussball ohne Gigi wäre wie Skispringen ohne... äh ohne, äh...
Pius: Simi Ammann?
Flavio: Nein, das denn doch nicht. Fussball ohne Gigi, das wäre wie der Vatikanstaat ohne Vatikan, wie die Welt ohne Italien.

Heute, mit 38, ist es für Simon Ammann auch okay, wenn er im Weltcup auf Platz 21 springt. (Bild: Keystone)

Heute, mit 38, ist es für Simon Ammann auch okay, wenn er im Weltcup auf Platz 21 springt. (Bild: Keystone)

Tobias: Dann tu ich es: Lieber Simon Ammann, bitte treten Sie zurück. Sie können den Schritt mit der Sorge um das Klima begründen. Wegen der Vielfliegerei und so. Quasi die doppelte Flugscham, was vorzüglich passt, weil ja doppelter Doppelolympiasieger. Und dann folgt das gemischte Doppel mit Greta. Platonisch, natürlich. Aber doppelter Einsatz fürs Klima.
Pius: Was ist denn das für ein dummes Züri-Geschwätz? Der Ammann ist doch auch Pilot.
Flavio: Mayday! Bergisel, Innsbruck! Wir haben ein Problem. Wir landen etwas früher als geplant.
David: Ist gut jetzt. Ich kann mich erinnern, dass ihr auch schon die Unbarmherzigkeit unserer Leistungsgesellschaft angeprangert habt. Und dann ist da einer wie Simi Ammann, quasi die Antithese zu «gewinnen ist alles», und das ist dann auch wieder nicht in Ordnung. Nein! Der Simi ist ein Held. Weil er tut, was er tun will. Unabhängig und ziemlich kompromisslos.
Tobias: Dabei sein ist alles? Sozialromantisches Gesäusel! Schneller, höher, stärker – so lautet die olympische Devise, und zwar seit der Gründung des Internationalen Olympischen Komitees.
Pius: Aber von weiter war bei Pierre de Coubertin keine Rede. Und die Weite ist schliesslich massgebend beim Skispringen. Also, für mich ist klar: Simi Ammann ist mein Sportler des Jahres. Warum? Weil er springt, obwohl er nicht weiss, ob Ende Saison eine schwarze Null resultiert.