Kolumne

Gschobe: China! Warum nicht nach China
mit der Fussball-EM?

Sie stammen aus dem gleichen Dorf im Appenzellerland, sind zwischen 47 und 50, treffen sich einmal pro Woche und jassen oder spielen Boule. Pius, Qualitätsmanager, Appenzell. David, Lehrer, Speicher AR. Tobias, Consultant, Zürich. Flavio, Sozialarbeiter, Winterthur. François, Journalist, Windisch.

François Schmid-Bechtel
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Gern gesehener Gast in China: Juve-Superstar Cristiano Ronaldo.

Gern gesehener Gast in China: Juve-Superstar Cristiano Ronaldo.

Getty

François: Tobias kommt heute nicht. In der Kita seiner Zwillinge gibt es einen Corona-Fall. Er hat mir geschrieben, dass er jegliches Risiko vermeiden wolle und deshalb zu Hause bleiben werde.
Flavio: Wie rücksichtsvoll.
David: Dein Zynismus ist nicht angebracht. Ich bin froh, dass er zu Hause bleibt. Vor allem, weil ich eine Frau zu Hause habe, die sich gerade von einer Lungenentzündung erholt, noch immer stark geschwächt ist und deshalb zur Hochrisikogruppe zählt.
Flavio: Sorry, ich habe es nicht zynisch gemeint. Auch ich bin Tobias dankbar für sein rücksichtsvolles Handeln. Ich habe die letzten Tage damit verbracht, zirka 40 Personen zu schützen, die zur Hochrisikogruppe zählen. Ich bin quasi am Puls des Geschehens. Ich finde, man soll nicht irrational reagieren, respektive irrationale Argumente überbewerten.
David: Ich weiss nicht, was an Tobias Verhalten oder seiner Argumentation irrational sein soll. Die aktuelle Situation erfordert von jedem einzelnen ein Höchstmass an Verantwortungsgefühl.
Pius: Absolut. Selbst der Sport, dem auch wir immer wieder unterstellen, einzig geldgetrieben zu sein, reagiert in vielen Fällen vorbildlicher als etliche Politiker und Regierungen. Siehe Donald Trump, siehe das chinesische Regime, siehe Putin und viele andere auch. Aus dem Sport hört man keine gegenseitigen Schuldzuweisungen. Da ist keiner, der den positiv getesteten Juve-Spieler Rugani dafür verantwortlich macht, dass Champions-League-Spiele vorerst nicht mehr stattfinden werden.
François: Wer das Corona-Virus auf die leichte Schulter nimmt oder sich darüber lustig macht, verkennt den Ernst der Lage. Wie jener Basketballspieler der Utah Jazz, Rudy Gobert, der an einer Pressekonferenz zur Belustigung alle Mikrofone berührte, bevor er den Raum verliess. Kurz darauf wurde er positiv auf das Corona-Virus getestet. Immerhin hat er sich mittlerweile entschuldigt.
Flavio: Die Strafe Go...
François: Stop! Keine Witze, ich bitte Dich.
Flavio: Also gut. In meiner Verzweiflung bleibt mir halt oft nur die Flucht in den Galgenhumor. Ausgerechnet jetzt, in diesem Jahr, das uns Italienern mit dem Champions-League-Sieg von Juventus Turin und dem Europameistertitel einen märchenhaften Sommer beschert hätte, kann nichts mehr stattfinden. Und glaubt mir, ich bin weit davon entfernt, hier und jetzt irgendeine Verschwörung zu wittern. Ich hadere einzig.
Pius: Abgesehen von deiner überzogenen Erwartungshaltung besteht doch Hoffnung. Noch ist die Fussball-EM nicht abgesagt.
David: Was in den nächsten Tagen oder Wochen wohl geschehen wird. Du glaubst doch selbst nicht, dass diese EM, die in zwölf Ländern stattfinden soll, durchgeführt werden kann.
Pius: Ich meine nicht die Umsetzung des ursprünglichen Plans.
David: Sondern?
Pius: Man könnte die Fussball-EM irgendwo anders stattfinden lassen.
David: Und wo, bitte schön? Weder auf dem Mond noch an den beiden Polen kann man Fussball spielen.
Pius: Aber in China, das die Sport-Welt eh zum grössten Wachstumsmarkt erklärt. Da gibt es genügend Stadien. Und laut offiziellen Mitteilungen haben sie das Virus im Griff.
David: Natürlich, ganz bestimmt ist das so.