GRÜNDUNGEN AUSLÄNDERCLUBS: Ausländervereine auf dem Sterbebett

Auch in den unteren Ligen des Ostschweizer Fussballverbands wird wieder um Meisterschaftspunkte gekämpft. Ins Gesamtbild gehören dabei seit Jahrzehnten die Ausländerteams. Doch ihre Anzahl verringert sich immer mehr.

Christian Brägger
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Teams, die es nicht mehr gibt: Oben FC Azzurri Rheineck nach der Jahrtausendwende, unten FC Salentina 1994. (Bilder: PD)

Teams, die es nicht mehr gibt: Oben FC Azzurri Rheineck nach der Jahrtausendwende, unten FC Salentina 1994. (Bilder: PD)

Christian Brägger

1982 wurde Italien Weltmeister, es war der dritte Stern für das Land. Auch in der Schweiz, wo seit den 1960er-Jahren unzählige italienische Gastarbeiterfamilien ihre zweite Heimat gefunden hatten, feierten seine Anhänger die Squadra Azzurra. So war es selbstverständlich, dass an jenem 11. Juli ebenso in Rheineck die Strassen überfüllt waren mit Südländern und solchen, die es sein wollten. Mittendrin die Spieler des FC Azzurri, Primos und Secondos aus Italien. Sie waren in den ortsansässigen Fussballclub integriert, entrichteten diesem für die Platz- und Kabinenbenutzung ein Entgelt und bezahlten dem Ostschweizer Fussballverband OFV ihre Teilnahme am Spielbetrieb. Das Team stand unter dem Patronat der Italiener, die sich in Rheineck zu einer Gemeinschaft zusammengefunden hatten. Treffpunkt war das eigene Clublokal, man wollte unter sich sein, und aus den Erträgen finanzierte man den FC Azzurri, der eigentlich weit mehr war: ein Stück Heimat in der Fremde.

Heute hat Italien vier Sterne – und wie die Teams Pro Italia St. Margrethen, Stella Azzurra Rorschach und FC Internazionale Heiden ist die Azzurri-Mannschaft aus Rheineck Geschichte. Irgendwann ging die Mitgliederzahl zurück, der Nachwuchs fehlte. Die Mühen, das Team im Ligabetrieb zu halten, wurden grösser. Und auch die Sommerturniere, in denen italienische Squadras aus München oder Sizilien nach Rheineck an die Nähe des Bodensees fanden, zogen nicht mehr. Vorerst reichte es in Rheineck noch für ein Seniorenteam, bis es vor ein paar Jahren gar nicht mehr ging. Der finanzielle Aufwand war zu gross geworden, das Clublokal rentierte nicht mehr: Es fehlte die nächste Generation, die dort verweilte und konsumierte.

Gastarbeiter-Vereine werden weniger

Noch sind die reinen Ausländerteams nicht vollends von den Fussballplätzen der Ostschweiz verschwunden. Doch es werden weniger. Wobei zwei Arten von Teams zu unterscheiden sind. Jene, die wie einst der FC Azzurri eine Untersektion im Hauptverein bilden und keine eigene Vereinsnummer erhalten. Statistisch erfasst der OFV solche Teams nicht, weil sie in den Statuten ihres Stammclubs leben und die Spielerpässe auf diesen laufen. Und jene, die als Verein nach aussen hin eigenständig auftreten und damit dem OFV sehr wohl bekannt sind. Vor Jahren war hier Blau-Weiss St. Gallen das Aushängeschild und eine Topadresse der 2. Liga. Spieler aus der Nähe und Ferne der Stadt spielten damals unter italienischer Flagge auf der Kreuzbleiche, die Zuschauer kamen in Scharen, es flossen ziemlich grosszügige Saläre, das Vereinslokal war die zweite Stube. Doch der Ruf der Mannschaft war nicht nur gut, sie galt als emotional, hitzköpfig. Was für so manchen Ausländerverein galt – und vielleicht noch immer gilt. Es gab viele rote Karten, oftmals aufgebrachte Blau-Weiss-Anhänger, und einmal, nach einem verlorenen Relegationsspiel auf neutralem Terrain in St. Margrethen, da brauchte es Polizeischutz für das gegnerische Team aus dem Bündnerland. Aus Imagegründen wechselte Blau-Weiss daraufhin den Namen in den FC Azzurri St. Gallen, ehe das Geld und somit die Saläre knapper wurden. Also begannen die guten Spieler, sich anderen Clubs der Stadt anzuschliessen; es fand eine Umverteilung statt. Schliesslich spielte Azzurri St. Gallen noch in der 3. Liga, ehe die Mannschaft bald völlig auseinanderfiel und sich auflöste.

Ähnlich ging es dem FC Salentina, einer St. Galler Mannschaft mit Bezug zur Region Apulien. In den 1990er-Jahren gegründet, schaffte es Salentina bis in die 3. Liga. Dino Massari, er war Spieler, Trainer und vor dem Vereinsende auch Präsident, sagt: «Es wurde immer schwieriger, Akteure von anderen Clubs abzuwerben.» Ein Problem sei die fehlende Juniorenabteilung gewesen. Also öffnete sich das Team, Syrier und Libanesen liefen nun für Salentina auf, das Ende folgte nach der Jahrtausendwende trotzdem. «Man hat das Stück Heimat nicht mehr gesucht. Der Fussball kostete nur, Sponsoren fehlten. Auch wurde es schwierig, freiwillige Helfer für die Vereinsarbeit zu finden. Aber das ist heute ja überall so», sagt Massari.

Städte als Nährboden für Neugründungen

Insbesondere in den Städten St. Gallen und Chur fanden Ausländervereine Anklang. Den grössten Boom der Neugründungen gab es in den Jahren vor Millennium, als sich die Generation aus dem Balkan, die vom Krieg geflohen war, in der Schweiz eine eigene Heimat schaffen wollten. Die Welle ebbte schnell wieder ab. Der OFV-Verbandssekretär, Martin Koller, sagt: «Die Kosten für den Spielbetrieb sind nicht unerheblich. Und es ist auch nicht ganz einfach, einen eigenen Vorstand aufrechtzuerhalten.»

Heute zeigt der Blick auf die Matchblätter des OFV, dass ohne fremdländische Akteure ein Spielbetrieb gar nicht mehr möglich ist. Diese Migranten sind assimiliert und in die hiesigen Fussballclubs bestens integriert. Also zeichnet der Fussball nun dieses Bild – es ist das Spiegelbild unserer Gesellschaft: Die Schweiz ist ihre neue Heimat geworden.