Grosser Schritt auf kleinen Rollen

Mit dem neuen Leistungszentrum in Davos wollen die Schweizer Langläufer die Lücke zu Nationen wie Norwegen verkleinern. Herzstück ist ein Rollband, auf dem unter anderem die Olympiastrecke simuliert wird.

Ralf Streule/Davos
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Roman Furger auf dem Rollband, mit Blick auf seine sportlichen Werte, die Loipe in Pyeongchang – und auf sich selbst. (Bild: Gian Ehrenzeller/KEY)

Roman Furger auf dem Rollband, mit Blick auf seine sportlichen Werte, die Loipe in Pyeongchang – und auf sich selbst. (Bild: Gian Ehrenzeller/KEY)

Ralf Streule/Davos

Draussen spielen einige in der Nachmittagshitze Golf, dort, wo im Winter die Langläufer vorbeiziehen. Drinnen schwitzt Roman Furger auf dem Rollband. Mitten im Sommer erhält er ein kleines Stück Winterlandschaft vorgesetzt. Auf einem Bildschirm zieht die Olympiastrecke von Pyeongchang vorbei. Mit Helmkamera wurden die Bilder eingefangen, die Höhenstruktur wird vom Computer umgesetzt: Wo die Strecke ansteigt, hebt sich das Rollband an und simuliert das coupierte Gelände. «Die Schwierigkeiten der Übergänge sind sehr gut spürbar», sagt der zweifache «Engadiner»-Gewinner nach seiner Trainingseinheit. Und: Dass er sich im Spiegel beobachten kann, helfe dabei, an technischen Details zu feilen.

«Alles Wichtige in einem Raum vereint»

Das Rollband – ein kleineres für klassische Technik steht nebenan – ist das Herzstück des neuen nationalen Leistungszentrums in Davos. Es sei aber eben doch nur ein Teil des «Meilensteins», wie Langlauf-Disziplinenchef Hippolyt Kempf das neue Zentrum als Ganzes bezeichnet. Während Athleten früher für Leistungstests nach Magglingen reisen und Krafttrainings isoliert absolvieren mussten, sei nun alles Wichtige vereint: Kraftraum, Rollbänder, Regenerierungsraum mit Physiotherapie und Eis- und Wärmebädern. Die Devise soll heissen: Härter trainieren, besser regenerieren.

Christian Flury, der das nationale Leistungszentrum leitet, warnt aber vor zu hohen Erwartungen: «Die Verbesserungen werden sich nicht von selber einstellen. Von den Athleten ist viel Arbeit gefordert.» Im technischen Bereich aber verspreche er sich einiges. «Die technische Arbeit mit täglichen Übungen am Rollband sind einer der Gründe für die Dominanz der Norweger», ist auch Kempf überzeugt.

Gegen eine halbe Million Franken kostete die neue Infrastruktur, rund einen Drittel hat der Kanton Graubünden beigetragen, einen Grossteil Swiss Ski, dazu kommen Sponsoren. Die Gemeinde Davos erstellte den Neubau, vermietet den zweiten Stock an Swiss Ski. Im Erdgeschoss entstand ein Langlaufzentrum, das auch von Touristen genutzt wird. «Es wird eine eigentliche Begegnungsstätte für Langläufer», sagt Swiss-Ski-Geschäftsführer Markus Wolf.

Was die Bündelung der Infrastruktur konkret bedeuten kann, erklärt Kempf am Beispiel von Dario Cologna. Die leichten technischen Ungenauigkeiten, die nach dessen Fussverletzung von 2013 auftraten und noch immer nicht vollständig verschwunden sind, könnten die Trainer am Rollband spezifischer analysieren. Aus den Resultaten würden dann die richtigen Übungen abgeleitet. «Ausreden gibt es jetzt noch weniger», sagt Cologna, der an diesem Nachmittag auf einen Rollbandeinsatz verzichtet, mit einem Augenzwinkern.

Schon seit 2003 gilt Davos als eigentliche Basis für das Langlaufteam von Swiss Ski. Dazu beigetragen hat unter anderem das Weltcuprennen, das jeweils im Dezember im Flüelatal stattfindet – dort, wo dank dem Übersommern von Schnee schon im Oktober auf Loipen trainiert werden kann. Unterdessen haben viele Schweizer Langläufer ihren Wohnsitz nach Davos verlegt.

Mit dem eigenen Eisbad nach Südkorea

Vielleicht ist es am Ende auch die mentale Seite, die mit der neuen Gerätschaft positiv beeinflusst wird. Wer wie Norweger trainiert, kann wie Norweger laufen, könnte eine innere Stimme sagen. Zentrumsleiter Flury will diesen Aspekt jedoch nicht zu hoch gewichten. Dass in Norwegen ohnehin noch immer mit viel grösserer Kelle angerührt wird, zeigt das Beispiel, das Kempf am Ende des Nachmittags anbringt: Die Schweizer werden womöglich das Eisbad nach Südkorea zu den Olympischen Spielen 2018 mitbringen. Die Norweger gleich ein ganzes, riesiges Hightech-Rollband.