GROSSE WENDE: Der Jubel blieb ihnen im Hals stecken

Der 51. Super Bowl ist ein Drama in zwei Akten. Die Geschichte von New Englands 34:28-Triumph schreiben vor allem die Atlanta Falcons, indem sie den fast schon sicher geglaubten Sieg beispiellos verspielen. Sie zementieren damit eine alte Sportweisheit.

Matthias Hafen
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Geknickt verlässt Matt Ryan, der Quarterback der Atlanta Falcons, nach der Niederlage das Feld. (Bild: Tony Gutierrez/AP)

Geknickt verlässt Matt Ryan, der Quarterback der Atlanta Falcons, nach der Niederlage das Feld. (Bild: Tony Gutierrez/AP)

Matthias Hafen

Es kommt nicht darauf an, wie du solche Spiele beginnst, sondern einzig, wie du sie beendest. Diese Lektion haben die Atlanta Falcons in der Nacht auf Montag gelernt. Schmerzvoll gelernt. 28:34 verloren sie der 51. Super Bowl gegen die New England Patriots. Erstmals in der Geschichte wurde das Finalspiel der National Football League (NFL) in der Verlängerung entschieden. Und bis zum entscheidenden Touchdown hatten die siegreichen Patriots keine Minute lang geführt.

«Dieses Gefühl werde ich nie vergessen», sagte Atlantas Deion Jones nach der Niederlage, «es stinkt mir gewaltig.» Der Frust sass nicht nur bei der Nummer 45 tief. Denn als Aussenseiter ins Spiel gestartet, hatten die Falcons die eine Hand bald einmal am Siegerpokal. Wer die Begegnung hierzulande verfolgte, rieb sich nicht nur der Müdigkeit wegen die Augen. 21:3 führte das Team aus Atlanta zur Pause und baute den Vorsprung im dritten Viertel auf 28:3 aus. 25 Punkte Rückstand schienen selbst für New Englands routinierten Quarterback Tom Brady nicht mehr ­aufzuholen. Zumal die Atlanta Falcons das Spiel von A bis Z im Griff hatten. Am amerikanischen Fernsehen feierten die Kommentatoren Quarterback Matt Ryan schon als MVP, als wertvollsten Spieler des Finals. Der Gewinn des Super Bowl sei das Einzige, was Ryan noch fehle, um zu seinen populäreren Kontrahenten wie Ben Roethlisberger, Peyton Manning oder eben Brady auf­zuschliessen, waren sich die Experten einig. Nun schien er genau das wettzumachen.

Ein Kollaps epischen Ausmasses

Doch einen Tom Brady sollte man nie zu früh abschreiben. New Englands Lichtgestalt – mit seinem fünften persönlichen Super-Bowl-Triumph nun der ­erfolgreichste Quarterback der NFL-Geschichte – legte auf seine Art Veto ein. Der 39-Jährige fand nun Lücken in Atlantas Defen­sive und spielte seine Receiver wieder so scharf und zielgenau an, wie er es auf dem Weg in den Final schon mehrfach getan hatte. Plötzlich rollte ein Patriots-Angriff nach dem anderen in Richtung Endzone der Atlanta Falcons. Es schien, als schaute man am gleichen Abend einen zweiten Super Bowl. Brady und seine Teamkollegen schafften so eine nie dagewesene Aufholjagd. Mit sagenhaften 19 Punkten im letzten Viertel holten die Patriots bis knapp eine Minute vor Spielende den Rückstand auf. Und weil sie das Momentum auch in der Verlängerung nicht mehr hergaben, wurde am Ende die Ehre des MVP einmal mehr Brady zuteil, zum insgesamt vierten Mal nach 2002, 2004 und 2015.

Auch für New Englands Headcoach Bill Belichick be­deutete der fünfte gemeinsame Super-Bowl-Triumph mit Brady den langersehnten Eintrag in die Rekordbücher. Er überholte damit Chuck Noll, der die Pittsburgh Steelers Ende der 1970er-Jahre zu vier Titeln geführt hatte. Brady und Belichick behaupten damit die Vorherrschaft in der NFL eindrücklich.

Matt Ryan droht das Verlierer-Image

Drei Viertel lang sah es so aus, als könnte Atlanta eine neue Dynastie begründen. Die junge, talentierte Mannschaft war schnell, athletisch und liess sich die fehlende Finalerfahrung nicht anmerken. «Dann ging uns der Sprit aus», so Trainer Dan Quinn. Am Ende verlor der 31-jährige Quarterback Ryan ein Spiel, das er nie hätte verlieren dürfen, obwohl er statistisch ebenso gut spielte wie Brady. Der Verdacht liegt nahe, dass Ryan von Atlantas Offen­sivkoordinator Kyle Shanahan schlecht beraten wurde. Ein einfaches Field Goal schien jedenfalls nie eine Option gewesen zu sein, um das Spiel zu entscheiden. Anstatt in den Olymp aufzusteigen, kämpft der Quarterback nun gegen das Verlierer-Image. Trotzdem haben die Falcons das Potenzial, um schon bald wieder in den Super Bowl vorzustossen.