«Gross ist ein Garant für Erfolg»

Der Sportchef des FC Zürich, Fredy Bickel, gehört zu den erfahrensten Funktionären im Schweizer Fussball. Vor dem Saisonstart sagt er, wer um den Titel und gegen den Abstieg spielt und erklärt, weshalb er bei Xamax kein gutes Gefühl hat.

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Sportchef Fredy Bickel gewann mit dem FC Zürich bereits drei Meistertitel und zählt seinen Club auch in der bevorstehenden Saison zum Kreis der Favoriten. (Bild: ky/Alessandro Della Bella)

Sportchef Fredy Bickel gewann mit dem FC Zürich bereits drei Meistertitel und zählt seinen Club auch in der bevorstehenden Saison zum Kreis der Favoriten. (Bild: ky/Alessandro Della Bella)

Herr Bickel, wie lange haben Sie sich darüber geärgert, dass der FC Zürich nur Zweiter wurde?

Fredy Bickel: Weniger lange als andere. Bereits nach dem 2:2 in St. Gallen und dem unnötigen Unentschieden gegen Basel hatte ich das Gefühl, dass wir zu viele Matchbälle vergeben haben.

Wird der FC Zürich auch in der am Samstag beginnenden Saison eine so grosse Rolle spielen wie in der vergangenen Saison?

Bickel: Ja, ich denke schon. Aber ich gehe davon aus, dass die kommende Saison sehr ausgeglichen sein wird und vier bis fünf Teams um den Titel spielen werden.

Welche Teams?

Bickel: Sicher Basel und die Young Boys. Zudem traue ich auch Sion oder Luzern einiges zu. Und natürlich uns.

Basel ist immer Favorit. Reicht denn in Bern alleine Christian Gross, um tatsächlich um den Titel mitspielen zu können?

Bickel: Die Young Boys hatten bereits in der vergangenen Saison eine gute Mannschaft und haben diese nochmals kräftig verstärkt. Ob das für das Teamgefüge gut oder schlecht ist, wird man sehen. Sicher ist: Christian Gross ist ein Garant für Erfolg. Ich traue ihm zu, dass er die Berner zum Titel führt.

Im Vergleich zu den Young Boys waren Sie bis jetzt äusserst passiv.

Bickel: Das stimmt, bis jetzt haben wir drei Nachwuchsspieler in die erste Mannschaft integriert, zudem ist Milan Gajic zurückgekommen. Es macht schlicht keinen Sinn, dass wir grosse Transfers tätigen, weil wir bereits eine gute Mannschaft haben und wir bis jetzt keine namhaften Abgänge zu verzeichnen haben.

Und wenn der Club die Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb nicht schafft?

Bickel: Dann könnte es eventuell Abgänge geben und wir müssten vielleicht aktiv werden.

Sie haben gesagt, dass die Liga ausgeglichener sein wird als in den vergangenen Jahren. Ausgeglichen besser oder schlechter?

Bickel: Dazu muss ich etwas Grundsätzliches sagen: Der Schweizer Fussball ist auf einem guten Weg – nicht nur wegen der Erfolge der Nachwuchsteams. Das Niveau der Liga wurde in den vergangenen Jahren kontinuierlich besser. Wenn nun so viele Teams um Titel mitspielen können, spricht das für unsere Liga.

Was sind die Gründe für die Verbesserung der Super League?

Bickel: Zum einen hat die gute Infrastruktur viel damit zu tun. Hinzu kommt aber vor allem die Ausbildung der Jugend, die in vielen Vereinen besser geworden ist. Zudem wird auch auf die jungen Spieler gesetzt. Und mir gefällt, dass es in den Medien kritisch beobachtet wird, wenn die Jungen früh ins Ausland wechseln.

Trotz guter Entwicklung stehen hinter einigen Clubs Fragezeichen. Beginnen wir bei Xamax.

Bickel: Ich verfolge die Entwicklung in Neuenburg mit keinem guten Gefühl. Es wirft ein falsches Bild auf den Schweizer Fussball – auch was die angeblichen Lohnzahlungen an die Neuzugänge betrifft. Nur, eines steht fest: Erfolg lässt sich nicht kaufen. Xamax wird daher nicht sofort die Spitzenclubs überholen und davonziehen.

Befürchten Sie, dass die Tschetschenen die Lust an Xamax schnell verlieren und die Meisterschaft mit neun Teams zu Ende gespielt werden muss?

Bickel: Nein, das glaube ich nicht. Ich kann mir aber schon vorstellen, dass sie so schnell wieder aussteigen wie sie gekommen sind. Xamax ist in der Region aber zu stark verankert, man würde den Verein nicht fallenlassen.

Das nächste Fragezeichen steht hinter Servette und seinem reichen iranischen Präsidenten Majid Pishyar.

Bickel: Bei Servette sehe ich eher eine Strategie dahinter als bei Xamax, das macht mir daher den sichereren Eindruck. Von Servette erwarte ich auch sportlich mehr, der Club hat sich gut verstärkt.

Auch Sion hat mit Christian Constantin einen streitbaren Präsidenten.

Bickel: Sion ist spielerisch sehr stark und zählt für mich daher zu den Favoriten. Aber um wirklich erfolgreich zu sein, muss der Verein endlich Konstanz erreichen – und zwar auf der Führungsebene.

Ein viertes Fragezeichen steht hinter Luzern. Geht das gut, wenn der eine Bruder den anderen trainiert?

Bickel: Ich kenne die ganze Familie Yakin gut und kann mir vorstellen, dass das klappt. Ich bin überzeugt, dass Murat seinen Bruder wie kein anderer zu Höchstleistungen antreiben kann. Aber: In Luzern sind die Erwartungen und das Budget hoch. Daher kann es in beide Richtungen gehen. Wichtig ist ein guter Start.

Wobei ein guter Start für alle Vereine von grosser Bedeutung ist, wenn die Meisterschaft derart umkämpft werden könnte.

Bickel: Das stimmt. Jedes der genannten fünf Teams rechnet sich Chancen auf einen Platz im Europacup oder gar auf den Titel aus. Da könnte der eine oder andere Präsident nervös werden, wenn bereits der Start misslingt.

Noch ein Blick auf die vermeintlich schwächeren Teams. Wer wird gegen den Abstieg kämpfen?

Bickel: Da rechne ich vor allem mit Lausanne. Dort wurde die Mannschaft nach dem Aufstieg vielleicht zu stark verändert.

Würde Lausanne wieder absteigen, hätte es in der Liga wenige Westschweizer Teams. Gehen Ihnen mit den Romands Zuschauer verloren?

Bickel: Das glaube ich nicht. Zudem ist es attraktiv, dass mit Servette eine Traditionsmannschaft zurückgekehrt ist. Auch Lausanne hat Tradition. Aber sicher ist es schade, dass St. Gallen mit seinen Zuschauern nicht mehr in der Super League ist.

Dann hoffen Sie also auf den direkten Wiederaufstieg St. Gallens?

Bickel: Mit diesem Stadion und diesem Zuspruch in der ganzen Ostschweiz gehört der FC St. Gallen in die Super League.

Interview: Markus Zahnd, Zürich