Luganos Marco Aratore vor dem Spiel gegen St. Gallen: «Warum sollen wir nicht eine Serie hinlegen wie die St.Galler?»

Marco Aratore startet mit den Tessinern bei seinem früheren Arbeitgeber St.Gallen in die zweite Saisonhälfte – und hat grosse Ambitionen.

Peter M. Birrer
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Marco Aratore spielte vier Jahre für St. Gallen. «Es war eine wunderschöne Zeit», sagt er.

Marco Aratore spielte vier Jahre für St. Gallen. «Es war eine wunderschöne Zeit», sagt er.

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Der Präsident schlägt nicht sonderlich forsche Töne an. Das Ziel? «Der Ligaerhalt steht über allem», sagt Angelo Renzetti und verweist rasch darauf, dass der sechstplatzierte FC Lugano in der Winterpause Substanz verloren hat. Carlinhos Junior wollte weg, ihn lockte das Geld nach Japan, «und es ist halt leider so», sagt Renzetti: «Was bringt es, einem Spieler den Transfer zu verweigern, wenn er keine Lust mehr hat, hier zu bleiben?» Renzetti ist der Chef der Tessiner, noch immer ist er das, obwohl er das Pensionsalter erreicht hat und sich seit geraumer Zeit zurückziehen möchte. Aber dafür müsste er jemanden finden, der ihm den Club abkauft. Solange sich keine sinnvolle Lösung ergibt, macht er weiter, weil er sagt: «So etwas schmeisst man nicht einfach sorglos weg. Ich liebe den Verein.»

Wenn er davon spricht, dass Luganos Zukunft in der Super League unbedingt gesichert werden müsse, zählt Renzetti auch auf Spieler wie Marco Aratore. Der 28-Jährige gehörte in der ersten Hälfte der Saison zu den Fleissigsten: Er brachte es in drei Wettbewerben auf 25 Einsätze, 20-mal war er von Anfang an dabei und erzielte fünf Treffer. «Seine Professionalität ist lobenswert», sagt der Präsident und fügt mit einem Schmunzeln an: «Mit seiner seriösen Arbeitsweise entspricht er unserem Bild des Deutschschweizers.»

Er fühlt sich wohl im Tessin

Dabei weiss er nicht, wie lange Aratore überhaupt noch im Süden des Landes spielen wird. Der italienisch-schweizerische Doppelbürger ist vom russischen Club Ural Ekaterinburg ausgeliehen, und wie es im Sommer weitergeht, darüber wird erst noch verhandelt. «Es ist alles offen», sagt Aratore, «grundsätzlich fühle ich mich mit meiner Frau und den Kindern überaus wohl im Tessin. Aber es ist derzeit nicht abschätzbar, ob es für mich in Lugano weitergehen wird.» Als Aratore vor etwas mehr als zehn Jahren aus dem Nachwuchs des FC Basel zu den Profis aufstieg, gehörte er zum Kader, das 2010 das Double gewann. Als Meister fühlt er sich nicht, weil es in jener Saison nicht zu einem Einsatz reichte. Aber Cupsieger, das ist er schon: In den ersten zwei Runden spielte er durch und trug sogar einen Treffer bei.

Der Durchbruch auf höchster nationaler Stufe glückte ihm aber in der Fremde: in St.Gallen. Via Thun, Aarau und Winterthur fand er in die Ostschweiz, ab Sommer 2014 blieb er für vier Jahre da. «Es war eine wunderschöne Zeit», sagt er und bezieht sich nicht nur auf das Sportliche. Er wohnte mit seiner Familie in Herisau und genoss mit ihr gerade die winterlichen Monate. «Wir verbrachten viel Zeit draussen und mochten die verschneite Landschaft», sagt er. Entstanden sind in St.Gallen auch Freundschaften innerhalb der Mannschaft. Cedric Itten und Silvan Hefti sind zwei, mit denen er einen engen Kontakt pflegt. Und wenn er über den Abschnitt beim FC St.Gallen redet, kommt er schnell auch auf die Fans zu reden: «Ihre Unterstützung ist schon beeindruckend.»

Der besondere Sonntag

Der Sohn eines Sizilianers und einer Schweizerin, die in Argentinien zur Welt kam, kehrt nun mit Lugano zum zweiten Mal in den Kybunpark zurück. Speziell wars für ihn schon im August, als er ein paar Pfiffe nicht überhören konnte, sich aber dachte: «Ich nehme sie als Anerkennung. Die Leute sind enttäuscht, dass ich nicht mehr das St.Galler Trikot trage.» Etwas Besonderes wird es für ihn auch am Sonntag wieder, wenn das Jahr 2020 nun auch wettkampfmässig eröffnet wird. Aratore hatte im Dezember noch mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, ihm machte der entzündete linke Hüftbeuger zu schaffen. In der Vorbereitung musste er das Tempo teilweise drosseln, fühlt sich aber fit genug, um dem Team eine Hilfe zu sein:

«Konditionell bin ich auf der Höhe. Es kann losgehen.»

Als der Trainer in Lugano noch Fabio Celestini hiess, übernahm Marco Aratore auf der linken Seite eine laufintensive Rolle. Er war Stürmer und Verteidiger in einem, er half oft in der Dreierabwehr aus und sollte gleichzeitig in der Offensive in Erscheinung treten. Ende Oktober übernahm Maurizio Jacobacci die Mannschaft, und der neue Coach passte die Aufgaben für Aratore an: Er soll mehr Energie in die Vorwärtsbewegung investieren können und sich weniger um klassische Verteidigungsarbeit kümmern.

Intensives Torschusstraining

Tore vorbereiten, Tore erzielen – Aaratore ist das in St.Gallen in 146 Partien 44-mal gelungen (22 Treffer, 22 Assists). Und geglückt ist ihm in dieser Saison schon das «Tor des Monats Juli»: Zum Auftakt in die Meisterschaft schoss er beim 4:0 gegen den FC Zürich das 2:0 – er bekam den Ball an der Strafraumecke und schlenzte ihn präzise in die rechte hohe Torecke. Es war ein besonders emotionaler Moment für ihn, weil bei seiner Premiere im Lugano-Dress die Familie auf der Letzigrund-­Tribüne sass. Aber ganz zufällig war diese Aktion in Zürich nicht. Oft kommt es vor, dass Aratore eine Trainingseinheit um ein paar Minuten verlängert und Abschlüsse übt.

Aratore hat die Hoffnung, dass Lugano einen ähnlichen Weg geht wie die St.Galler. Für ihn sind sie ein Beleg dafür, dass Grenzen verschoben werden können:

«Es ist vorbildlich, was sie nach einem nicht optimalen Start geleistet haben.»

Es geht um den Glauben an die eigenen Stärken, es geht darum, keine Selbstzweifel aufkommen zu lassen: «Ich bin überzeugt, dass wir den Abstand auf den vierten Platz verringern können. Und ja, warum sollen wir nicht eine Serie hinlegen wie die St.Galler?» Aratore hätte nichts dagegen, wenn am Sonntag eine Serie lanciert würde. Präsident Renzetti wünscht sich das zwar genauso, übt sich aber in Zurückhaltung: «Wenn wir einen Punkt holen, ist das für uns ein Erfolg.»