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Gnadenloses Karussell im Frauentennis: Allein Bencic hatte 2018 drei Trainer

Spitzentrainer geniessen im Frauentennis nur eine kurze Halbwertszeit. Sie begeben sich in eine perfide Abhängigkeit und sind für die Spielerinnen verzichtbar geworden. Sprechen will kaum einer.
Simon Häring, Melbourne
Belinda Bencic am diesjährigen Hopman Cup. (Bild: EPA/TONY MCDONOUGH, Perth, 1. Januar 2019)

Belinda Bencic am diesjährigen Hopman Cup. (Bild: EPA/TONY MCDONOUGH, Perth, 1. Januar 2019)

Wer sich auf eine Fahrt mit diesem Karussell einlässt, muss damit rechnen, eher früher als später wieder davon abgeworfen zu werden. Allein Belinda Bencic zählte 2018 drei verschiedene Trainer: Erst den Waliser Iain Hughes, dann den Slowaken Vladimir Platenik, seit Herbst sitzt wieder Vater Ivan auf dem Schleudersitz (siehe Kasten). Allen Verbindungen ist eines gemein: Sie begannen mit Euphorie und endeten mit Ernüchterung. Trainer begeben sich im Tennis in eine perfide Abhängigkeit. Sie sind einerseits Chefs, andererseits Angestellte der Spielerinnen, die ihren Lohn zahlen. Wer am längeren Hebel sitzt, versteht sich von selbst. Viele Trainer scheuten daher davor zurück, ihre Meinung ungefiltert an die Spielerin weiterzugeben, sagt der Franzose Sam Sumyk, der derzeit Garbine Muguruza betreut und auch schon bei Viktoria Azarenka und Genie Bouchard auf der Lohnliste stand. Man kann sie verstehen. Denn es geht dabei um Existenzen.

Verträge sind in diesem Geschäft eher die Ausnahme. Die Trainer sind den Launen der Spielerin fast schutzlos ausgeliefert. Wo kein Vertrag, da auch kein Anspruch auf Lohnfortzahlung im Falle einer Trennung oder einer Verletzung. Ein Kenner der Szene sagt zwar, die Bedingungen hätten sich verbessert, weil solche Dinge inzwischen oft zwischen den Trainern und dem Management direkt ausgehandelt würden. Ein viel grösseres Problem stellten aber die Einflüsterer und alte Seilschaften dar. Eltern, Freund, Physiotherapeut, Sponsor, Coiffeur – jeder redet mit, möchte seinen Einfluss geltend machen.

Es steht zu viel auf dem Spiel

Timea Bacsinszky hat sich von einem tyrannischen Vater emanzipiert und nach einer Pause die Zügel in die eigenen Hände genommen. Doch geht es um die Trainerfrage, bewegt auch sie sich lieber im Vagen. Nachdem sich die Westschweizerin im Sommer von Dimitri Zavialoff getrennt hat, der inzwischen Johanna Konta betreut, begleitet sie mit Erfan Djahangiri ein Iraner, der schon einmal ihr Trainer war, ehe sie sich 2012 von ihm trennte.

Für den Franzosen Stéphane Robert, der in Melbourne ebenfalls an ihrer Seite ist, wollte sie keine Stellenbeschreibung abgeben, sagte nur: «Nennen Sie es, wie Sie wollen. Ich sage: Er ist Teil meines Teams.» Taktische Belange bespreche sie aber mit Djahangiri.

Sprechen will kaum einer. Ivan Bencic nicht. Stéphane Robert nicht. Nicht einmal Ivan Ljubicic. Seit drei Jahren begleitet er Roger Federer. Bis heute hat er kein einziges Interview gegeben. Es steht zu viel auf dem Spiel. Mit ein Grund dürfte die Preisgeldexplosion sein. Sie erlaubt es, den Besten eine grosse Entourage um sich zu scharen. Für sie verringert das die Abhängigkeit von einer Person, die früher meist der Trainer war. Für viele ist er verzichtbar geworden.

Ex-Profi Rainer Schüttler beobachtet als neuer Coach die Spielerin Angelique Kerber. (Bild: Rick Rycroft/AP (Sydney, 10. Januar 2019))

Ex-Profi Rainer Schüttler beobachtet als neuer Coach die Spielerin Angelique Kerber. (Bild: Rick Rycroft/AP (Sydney, 10. Januar 2019))

Schmutzige Wäsche bei Kerber

Nicht für Simona Halep, die Nummer 1 der Welt. Ihr langjähriger Trainer Darren Cahill gab seinen Posten auf, weil er mehr Zeit mit seiner Familie verbringen wollte. Halep sagt: «Auf diesem Niveau kannst du nicht langfristig ohne Trainer arbeiten.» Cahill spielt in der Königsklasse der Trainer, die eher als eine Art gut bezahlter Berater für eine begrenzte Zeit fungieren.

Ein anderer aus dieser Kategorie ist Wim Fissette. Der Belgier machte jüngst etwas, das sich sonst kein Trainer traut. Er wusch schmutzige Wäsche, indem er über die Gründe sprach, die zur Trennung von Angelique Kerber geführt hatten. Er sagte: «Beim Finanziellen lagen wir zu weit auseinander.» Dass Fissette in der Zeit der Ungewissheit andere Angebote sondierte, taxierte Kerber als Vertrauensbruch. Inzwischen betreut er wieder Viktoria Azarenka. Das Beispiel Fissette zeigt die Mechanismen in diesem Geschäft auf: So schnell die Prügelknaben vom Trainerkarussell abgeworfen werden, so schnell springen sie wieder irgendwo auf.

Belinda Bencic: Zurück in die Zukunft

Obschon sie beim 1:6, 4:6 in der dritten Runde gegen die Tschechin Petra Kvitova (WTA 6) ohne Chance blieb, fand Belinda Bencic (Bild) viele Gründe, mit Optimismus in die Zukunft zu schauen. Schliesslich sah sie nach der dritten Niederlage im dritten Duell mit der zweifachen Wimbledon-Siegerin wenig Anlass, sich Vorwürfe zu machen. «Ich glaube nicht, dass ich viel falsch gemacht habe», resümierte die 21-Jährige. Sie reise mit einem positiven Gefühl aus Melbourne ab.

Anfang Jahr hatte Bencic mit Roger Federer erneut den Hopman Cup gewonnen und in der Woche darauf in Hobart die Halbfinals erreicht. Sie verbessert sich damit in der Weltrangliste wieder unter die Top 50. Bencic sieht sich damit auch in ihren Entscheidungen bestätigt, die sie im Herbst getroffen hatte. Weil sie gemerkt habe, dass sie nicht zusammenpassen würden, «weil er meine Schläge umstellen wollte und so auch meine Stärken verloren gingen», hatte sie sich nach nur einem halben Jahr von Trainer Vladimir Platenik getrennt. Seit Oktober bekleidet ihr Vater Ivan dieses Amt wieder.

Mit ihm erreichte sie in Luxemburg auf Anhieb den Final. Es habe «Klick» gemacht, wie Bencic sagt. Es soll keine Übergangslösung sein. Sie sei nicht auf der Suche nach einem neuen Trainer. Mit ihrem Vater möchte sie zurück in die Zukunft. Dahin zurück, wo sie mit 19 Jahren schon einmal war, als sie die Nummer 7 der Welt war und als Hoffnungsträgerin im Frauentennis galt. Über ihren Vater sagt sie: «Er kennt mich und das Tennis, das ich spiele, am besten. Mein Stil ist eben sehr eigen, etwas speziell.» Ivan Bencic war von Kindsbeinen an und bis 2017 ihr Trainer. Vor zwei Jahren war Bencic ohne ihn nach Melbourne gereist. Die Abnabelung sei wichtig gewesen: «Wir haben uns beide weiterentwickelt», sagt die Schweizerin. Einer, der die Rückkehr begrüsst, ist Tennisexperte Heinz Günthardt: «Sie wollte zurück zu den Routinen, von denen sie weiss, dass sie Erfolg gebracht haben.» Darum mache dieser Schritt durchaus Sinn.

Bencic kommt auch zugute, dass sie seit über einem halben Jahr frei von Verletzungssorgen ist. Sie sei heute so fit wie noch nie, sagte sie vor dem Turnier. Und man sieht ihr das auch an. Das hat im Wesentlichen mit einer anderen Rochade in ihrem Umfeld zu tun: Martin Hromkovic – er spielte in der Slowakei, Tschechien, Deutschland und Österreich in unteren Ligen Fussball – ist ihr Konditionstrainer und auch ihr Freund. Bencic spricht von einer idealen Situation: «Martin will privat und sportlich das Beste für mich.» Oft genug musste Bencic nach Verletzungen einen Neustart wagen. Das mag erklären, dass sie ihre Ziele schwammig formuliert.

Ihr Potenzial ist hingegen unbestritten. Roger Federer sagte über sie: «Belinda gehört nicht in die Region um Position 50, das weiss sie selber auch.» Wichtig sei für sie nun ein stabiles Umfeld und dass sie ohne Verletzungen bleibe. Die Voraussetzungen scheinen günstig. Im Februar bestreitet Bencic ein Turnier in St. Petersburg. Angesichts der bereits langen Karriere, welche die Ostschweizerin hat, vergisst man schnell, dass sie am 10. März erst ihren 22. Geburtstag feiern wird. Ihr bleibt noch viel Zeit, um Spuren auf der Tour zu hinterlassen.

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