GIRO D'ITALIA: Der Giro, der nicht stattfand

Am Rande der gestrigen Etappe liegt das Dorf Tualis. Hier bereitete man sich 2011 auf eine Etappe vor, benannte sogar den Dorfplatz in Piazza Giro d'Italia um – doch der Giro kam nicht. Die Etappe wurde verkürzt. Die Geschichte einer Enttäuschung.

Tom Mustroph
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Enttäuschte Bewohner des kleinen Dorfes Tualis. «Verräter» steht auf dem Plakat. Sie meinen die Organisatoren des Giro d’Italia. (Bild: Imago)

Enttäuschte Bewohner des kleinen Dorfes Tualis. «Verräter» steht auf dem Plakat. Sie meinen die Organisatoren des Giro d’Italia. (Bild: Imago)

Tom Mustroph

Die Baumstümpfe am Strassenrand tragen noch eine blassrote Färbung. Auch einige Schilder mit Entfernungsangaben und Anzeige des Anstiegs des Monte Crostis sind noch zu finden. Die rosa Farbe ist blasser geworden, gut, aber sie hat die sechs Jahre in Wind und Wetter verhältnismässig gut überstanden. Frisch wie am Tag der Installation prangt hingegen das Logo des Giro d’Italia an dem Schild.

Vor sechs Jahren sollte der Giro am 100-Seelen-Ort Tualis vorbeiführen, den Monte Crostis erklimmen und zum legendären Monte Zoncolan führen. Die Anwohner waren schwer begeistert von der Idee. Der Dorfplatz war schon im Februar mit grossem Tamtam in Piazza Giro d’Italia umbenannt worden. Eine Skulptur in Form eines Velos steht mitten auf dem Platz und eine Gedenkplakette wurde eingelassen.

Jetzt steht das Denkmal für ein Ereignis, das gar nicht stattfand. Denn die Abfahrt vom nahen Monte Crostis wurde urplötzlich für zu gefährlich erachtet und die Etappe verkürzt.

Kurzfristige Absage am Vorabend

Erst am Abend vor dem Start der 14. Etappe des Giro 2011 traf im Ort die Nachricht über die Streckenänderung ein. «Es war ein Schock für uns. Wochenlang hatten wir gearbeitet, die Strasse sichergemacht. Bäume wurden gefällt. Sogar der grosse TV-Monitor war schon auf dem Berg errichtet», erinnert sich Beatrice. Die Bäuerin aus Tualis gab mit anderen Frauen aus dem Ort gerade das Essen für die Arbeiter und das Sicherheitspersonal an der Strecke aus. Den ganzen Tag hatten sie gekocht, und sich vor allem auf den nächsten Tag vorbereitet. Den grossen Tag, an dem der Giro in diese verlassene Gegend kommen sollte.

«Es war wie ein Schlag in die Magengrube. Wir waren fassungslos. Und wir waren empört», erzählt Beatrice. Hintergrund war ein Protest einiger Teams. Ihnen war vor allem die Abfahrt zu gefährlich. Die Strasse war so schmal, dass die Begleitautos nicht erlaubt waren und die Versorgung mit Ersatzrädern nur über neutrale Motorräder erfolgen sollte. Einer der Protagonisten des Protests war damals Alberto Contador. Einer, dem es gar nicht passte, war Vincenzo Nibali. Der Sizilianer hatte Rückstand im Klassement. Und an diesem erstmals befahrenen Berg wollte er attackieren. «Es wäre wirklich eine andere Etappe gewesen mit dieser famosen Abfahrt», sagte Nibali damals.

Ein Toter in einer Abfahrt

Ob die Abfahrt tatsächlich so gefährlich ist, darüber gehen die Aussagen auseinander. «Es ist nicht gefährlich. Alle, die mit dem Rad darüber fahren, schwärmen nur wie schön es ist», sagt Beatrice. Auch der ehemalige Profi Davide Cassani beschrieb bei einer Video-Erkundungsfahrt dieser Giro-Etappe die Abfahrt als «eine der schwersten, die ich jemals gefahren bin.» Es ist also etwas dran an der Gefährlichkeit des Parcours. Nicht vergessen darf man auch, dass im gleichen Giro der Profi Wouter Weylandt tödlich verunglückte, auf einer Abfahrt!

In Tualis und Comeglians will man das aber nicht gelten lassen. Am besten fasst den Gemütszustand der Bevölkerung ein Plakat an der Hauswand eines Schönheitssalons zusammen. Wetterfest ist dort die Vergrösserung des Titelbilds einer Velosportzeitung angebracht, deren Titel lautet: «Wir sind den Monte Crostis gefahren». Zu sehen sind auch die blauen Fangnetze, die am Strassenrand installiert wurden, um die Fahrer zu schützen wie man es sonst im alpinen Skisport praktiziert. Die Abfahrt vom Monte Crostis hätte ein neues Kapitel im Prozess der Extremisierung des Radsports aufschlagen können.

Die Frauen legten sich auf die Strasse

Das Kapitel wurde nicht geschrieben. Was die Menschen vor Ort am meisten ärgert, ist, dass die Nachricht der Absage erst am Abend vor der Etappe kam. «14 Tage zuvor kamen die Leute vom Giro und haben alles für gut befunden. Sogar ein neuer Strassenbelag wurde auf dem Berg verlegt», erzählt Beatrice. Und noch jetzt schwingt Zorn in ihrer Stimme mit. Sie erzählt, wie damals die Piazza Giro d’Italia mit schwarzen Tüchern verhängt wurde und Trauerflor an allen Fassaden prangte. «Einen Monat lang haben wir alles schwarz gelassen», sagt Beatrice. In ihrer damaligen Empörung gingen die Bewohner noch einen Schritt weiter. «Wir beschlossen, am nächsten Tag den Giro zu stoppen. Wir blockierten die Strasse. Wir Frauen legten uns quer über die Strasse. Wir hätten sie nicht durchgelassen, obwohl mehr Polizei da war als Zuschauer.»

Die Passage der lange gesperrten Strecke

Dann aber verlegte die Giro-Leitung die Etappe ein weiteres Mal, liess die Zone des Protests umfahren. «Sie haben dafür eine Strasse, die sechs Monate lang aus Sicherheitsgründen gesperrt war, für den Giro über Nacht freigegeben. Nur für den Giro macht man so etwas. Auch jetzt, für den aktuellen Giro, haben sie für den Giro eine Strasse geöffnet, die wir wochenlang nicht befahren durften», sagt Beatrice und winkt ab. Sie sei mit dem Giro fertig, schliesst sie.

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