Giger entzückt die Massen

Samuel Giger gewinnt das Bergschwingfest auf der Schwägalp. Vor 15450 Zuschauern bezwingt der 20-jährige Thurgauer im Schlussgang Daniel Bösch mit seiner Spezialwaffe Kurz. Gigers grösste Stärke ist aber eine andere.

Ives Bruggmann, Schwägalp
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Samuel Giger (links) bezwingt im Schlussgang Vorjahressieger Daniel Bösch. (Bild: Bilder: Urs Bucher)

Samuel Giger (links) bezwingt im Schlussgang Vorjahressieger Daniel Bösch. (Bild: Bilder: Urs Bucher)

15450 Zuschauer auf der Schwägalp blicken gebannt auf die zwei Schlussgangteilnehmer. Der letzte Kampf des Tages nimmt das Publikum nochmals so richtig mit. Zuerst der Überraschungsangriff Daniel Böschs, Samuel Giger dreht sich im letzten Moment auf die Seite und befreit sich am Boden über die Brücke aus der Umklammerung. Applaus für den 20-Jährigen. Nach dem holprigen Start steigert sich Giger von Minute zu Minute, bis er in der neunten Bösch mit einem Kurzzug erwischt. Typisch für Giger: Wenn es drauf ankommt, packt er die Chance. Es ist diese mentale Stärke, die ihn derzeit zum besten Schwinger macht. Und zum beliebtesten, wie sich kurz nach dem Sieg zeigt. Denn die Lautstärke in der Arena erreicht zu diesem Zeitpunkt den Höhepunkt.

Schwingerkönig Jörg Abderhalden ist beeindruckt von Gigers Leistung: «Besonders was er in den letzten beiden Gängen gegen die Schwergewichte Christian Stucki und Daniel Bösch gezeigt hat, ist oberste Liga.» Im fünften Durchgang gegen Stucki ist der Thur­gauer ebenfalls zuerst in Rücklage. Nach mehreren Angriffen des Berners ist es dann aber Giger, der zusetzen kann und gewinnt. «Seine grösste Stärke ist sein Siegeswille», sagt Manuel Strupler, Technischer Leiter der Thurgauer Schwinger. «Er will unbedingt gewinnen und kann deshalb all seine Kräfte mobilisieren.» Zudem sei Giger ein Wettkampftyp, der die Herausforderungen nicht scheue, sondern sie regelrecht suche. «Er hat sich vor dem Schwingfest extrem auf die Vergleiche mit den starken Gästen gefreut und war topmotiviert», sagt Strupler.

Gigers Gänge sind Höhepunkte

So angriffig Giger auf dem Schwingplatz ist, so zurückhaltend präsentiert er sich daneben. Er steht nicht gerne im Mittelpunkt. Im Training will Giger keine Sonderbehandlung und legt viel Wert auf den Zusammenhalt innerhalb des Teams. Es sind auch diese Eigenschaften, die Giger zum Liebling der Massen machen – zumindest auf der Schwägalp. Am meisten aber begeistert der Mann aus Ottoberg mit seinen kraftvollen, explosiven Auftritten im Sägemehl. Seine sechs Gänge gehören alle zu den schwingerischen Höhepunkten des Kranzfests auf der Schwägalp. Im ersten Gang stellt er mit dem Innerschweizer Joel Wicki. Trotz des Unentschiedens wissen die beiden jungen Topfavoriten die Kampfrichter und das Publikum zu überzeugen. Beide Schwinger schenken sich bereits beim Griffefassen nichts. So versuchen sie zwar mehrmals anzugreifen, keiner lässt sich jedoch überraschen, und die zwei schnellkräftigen Athleten neutralisieren sich. Zur Belohnung gibt es die Note neun und viel Applaus. In den folgenden Gängen gegen Simon Röthlisberger und Benji von Ah erfüllt Giger die Pflicht. Gegen den Berner Christian Gerber setzt er gar zur Kür an. In spektakulärer Manier überdreht der Thurgauer den bis dato Ranglistenersten am Boden – das erste Mal wird es so richtig laut in der Arena. Giger fehlt damit nur noch ein Sieg bis zur Schlussgangteilnahme.

Keine Niederlage an Kranzfesten

Mit seinem zweiten Schwägalpsieg schliesst Giger die Kranzfestsaison ohne Niederlage, dafür mit sechs Tagessiegen bei sechs Teilnahmen ab. Neben dem Hauptakteur des Tages überzeugt aus Ostschweizer Sicht vor allem der St. Galler Bösch. Er verliert zwar im Anschwingen gegen Stucki, sichert sich aber mit vier Erfolgen in Serie die Teilnahme im reinen Nordostschweizer Schlussgang, wo er Giger mit seiner offensiven Schwingweise vor allem zu Beginn beinahe überrumpelt.

Von den Gästen hinterlässt der Innerschweizer Wicki den stärksten Eindruck. Zwei Jahre nach seinem Beinbruch belegt er an selber Stätte den zweiten Rang – ohne Niederlage. Selbst Giger fand kein Rezept gegen den Entlebucher. «Er kann noch vielseitiger werden», nennt Schwingerkönig Abderhalden den wohl einzigen Schwachpunkt Gigers. Auch er kann sich also noch verbessern.