Genie mit Bodenhaftung

Die Reaktion war typisch für Magnus Carlsen. «So schnell wie möglich vergessen» wolle er das Spiel gegen Sergei Karjakin.

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Die Reaktion war typisch für Magnus Carlsen. «So schnell wie möglich vergessen» wolle er das Spiel gegen Sergei Karjakin. Carlsen hatte am Kings Tournament in Ungarn gerade ein Unentschieden gegen den Russen erreicht und war damit wieder die Nummer eins im internationalen Profischach. Zufrieden war er trotzdem nicht. Was zählt, ist das Spiel. Und das ist schlecht gelaufen. Weder habe er etwas aus seinem Startvorteil gemacht, noch aus den Chancen, die sich während des Spiels ergeben hätten, schreibt der 20jährige Norweger in seinem Blog.

Jüngster Schachgrossmeister

Carlsen ist ambitioniert, hochbegabt und nie zufrieden. Als knapp Zweijähriger legte er 50teilige Puzzles, mit zweieinhalb konnte er alle gängigen Automarken aufsagen und mit fünf wusste er sämtliche Länder der Welt mit Hauptstädten und Einwohnern auswendig. Als er fünfeinhalb war, brachte ihn sein Vater zum Schach. Das Interesse erwachte aber erst drei Jahre später. «Ich habe mir ein Brett genommen und Partien rekapituliert, die mein Vater mir damals gezeigt hatte. Warum wurde dieser und jener Zug gemacht? Es war faszinierend. Nach einigen Monaten habe ich dann begonnen, Fachbücher zu lesen», sagte er in einem Interview mit dem «Spiegel».

Mit 13 Jahren wurde Carlsen weltweit jüngster Schachgrossmeister und erreichte gegen die damalige Nummer eins, Garri Kasparow, ein Remis. Mittlerweile kann er vom Schach leben und das nicht schlecht. Carlsens Einnahmen werden auf 300 000 Dollar pro Jahr geschätzt, in der Welt des Profischachs eine enorm hohe Summe. Während der Grossteil seiner Konkurrenten von Start- und Preisgeldern und privaten Zuwendungen leben muss, hat Carlsen gleich mehrere Sponsoren. Einer davon ist das holländische Modelabel G-Star, für das er seit 2010 als Model vor der Kamera steht.

Carlsen achtet darauf, dass er zwischen zwei Turnieren immer nach Hause zu seinen Eltern und seinen Schwestern nach Oslo fahren und ein normales Leben führen kann, abseits vom Kult um die 64 Felder. «Schach darf keine Obsession werden. Sonst besteht die Gefahr, dass man in eine Parallelwelt abrutscht, dass man den Bezug zur Realität verliert, sich verirrt im unendlichen Kosmos des Spiels.» Noch vor 20 Jahren war es undenkbar, dass ein junger Norweger die Schachwelt dominiert. Die Szene war damals beherrscht von Spielern, die vom Drill der einstigen sowjetischen Schachschule geprägt waren.

Gewinnt auch an schlechten Tagen

Ab dem 18. Juli spielt Carlsen am International Chess Festival in Biel. Für das Turnier ist Carlsens Verpflichtung ein Coup: Erstmals in der 44jährigen Geschichte des Festivals steht damit eine aktuelle Nummer eins auf der Startliste. Für Carlsen bedeutet Biel eine Rückkehr zu den frühen Glanzpunkten seiner Karriere. Als 14-Jähriger bestritt er in Biel 2005 sein erstes Grossmeisterturnier auf höchstem Niveau, 2007 gewann er das Jubiläumsturnier zur 40. Auflage des Festivals. Dass der Norweger das Turnier gewinnen wird, steht für seine Fans so gut wie fest. Für Carlsen ist das noch keine Garantie, dass er gut gespielt hat. Er siegt auch an schlechten Tagen. (ar)

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