Generation «Maybe» spricht Klartext

FRAUENFELD. Wir 20- bis 30-Jährigen gelten als Generation ohne Eigenschaften. Wir sind zwar gut ausgebildet, aber ohne Plan, ohne Mut, ohne Biss. mostindia fragte nach und erhielt von den angeblich Unentschlossenen überraschend konkrete Antworten.

Johanna Schick / Stephanie Martina
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Frauenfeld TG - Stimmungsbild vor dem Dreiegg in Frauenfeld - Was denkt unsere Generation ueber unsere Generation. Bild: Nana do Carmo / TZ 23.08.2013 (Bild: Nana do Carmo)

Frauenfeld TG - Stimmungsbild vor dem Dreiegg in Frauenfeld - Was denkt unsere Generation ueber unsere Generation. Bild: Nana do Carmo / TZ 23.08.2013 (Bild: Nana do Carmo)

Betrunken oder nüchtern? Betrunken. Zug oder Auto? Auto. Also nüchtern. Oder doch lieber mit dem Zug? Welche Verbindung? 20.47 oder 21.17? Viertel vor neun. Treffpunkt? Am Bahnhof oder vor der Bar? Bahnhof. Oder doch mit dem Auto?

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Wir, die 20- bis 30-Jährigen, tun uns schwer, Entscheidungen zu treffen. Bereits die simpelsten Fragen bereiten uns Kopfzerbrechen, wie etwa die Planung eines Abends. Erst nach unzähligen Whatsapp-Nachrichten ist eine Entscheidung gefallen: Wir nehmen also das Auto, trinken nichts und treffen uns um neun Uhr vor dem Frauenfelder Dreiegg. Unser Plan: Wir möchten uns mit 20- bis 30-Jährigen über unsere Generation unterhalten, darüber, dass wir uns angeblich weigern, erwachsen zu werden, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen.

Wir, die sogenannte Generation «Maybe», haben uns im Entweder-oder verrannt. Wörter wie «irgendwas», «irgendwo» und «irgendwann» verwenden wir ständig. Wir sind gerne planlos, möchten uns nicht festlegen, und ans Erwachsensein wollen wir erst gar nicht denken. «Es passiert von alleine, dass man irgendwann erwachsen wird, aber man muss versuchen, nicht erwachsen zu sein», sagt der Frauenfelder Moritz Bolli (29) mit einem Glas Bier in der Hand. Dem pflichtet Claudio Graf (23) aus Müllheim bei: «Ich habe es überhaupt nicht eilig, erwachsen zu werden. Wer will denn schon ein langweiliges Leben führen? Ich hoffe, es gelingt mir für immer auf irgendeine Weise, Kind zu bleiben.»

Wir erlebten die Sorglosigkeit der 80er- und 90er-Jahre. Sich durchzusetzen, eine Weile durchzubeissen, sind nicht gerade die Fähigkeiten, die wir in unserer Kindheit entwickelt haben. Unseren Befragten fallen noch weitere Defizite ein: Die 21jährige Julia Haueis aus Erlen ist überzeugt: «Unserer Generation fehlt der Glaube, nicht nur an Gott, sondern auch an uns selbst.» Jérôme Blaser (26) aus Sonterswil findet, dass es uns an Respekt gegenüber unseren Mitmenschen mangelt. Und am nötigen Biss. «Wir sollten doch alles dafür tun, das Beste aus unserem Leben zu machen, selbst wenn es nicht einfach ist.» Auch etwas mehr Zufriedenheit und Dankbarkeit wären ab und zu angebracht, findet Moritz: «Wir erfinden immer wieder Probleme, weil wir keine haben.»

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Ein neues Zigi-Päckli? Marlboro oder Parisienne? Marlboro. Dazu Alkohol? Ja! Wodka-Cola oder Bier? Weisswein. Selber bezahlen oder auf eine Einladung warten? Selber zahlen. Drinnen oder draussen sitzen? Draussen, es ist noch Sommer. Sofort weiterarbeiten oder erst mal eine Pause einlegen? Weiterarbeiten, die nächsten Leute befragen.

Doch nur weil wir als Generation ohne Eigenschaften gelten, bedeutet das nicht, dass wir über keine Fähigkeiten verfügen. Wir sind nur häufig zu faul, von ihnen Gebrauch zu machen. «Ich bin faul, wenn Arbeiten anstehen, die keinen Spass machen», sagt Sacha Osterwalder (21) aus Frauenfeld. Dem stimmt sein Freund Stefan Steiner (22) zu: «Wir sind verwöhnter als alle Generationen vor uns. Wir können es uns leisten, im Hier und Jetzt zu leben, und brauchen nicht an morgen zu denken.»

Deshalb werden wir gerne als Generation bezeichnet, die vor allem auf Vergnügen aus ist und ohne Mass konsumiert. Wir wollen überall dabei sein, Spass haben und nichts verpassen. Dennoch wissen wir, dass wir mehr leisten müssen als alle zuvor, um mit der Konkurrenz Schritt halten zu können. Denn der Leistungsdruck ist enorm. Deshalb gehen wir an die Kanti, schliessen unsere Berufslehre mit BMS ab, besuchen Fachhochschulen und Unis. Die Auswahl ist gross und wird immer grösser. Weil alles möglich ist, sind alle überfordert. «Mich interessiert so vieles, dass ich mich kaum entscheiden kann», sagt Alisha Buck (20) aus Aadorf. Simon Hofmann (20) aus Ettenhausen glaubt den Grund dafür zu kennen: «Wir sind heute extrem offen und interessiert an Neuem.» Umso erstaunlicher ist es, dass viele Befragten von einer Familie und einem Haus im Grünen träumen. Sie setzen auf traditionelle Werte und versuchen sie zu erhalten, so zum Beispiel Pascal Scholz (23) aus Pfyn: «Es gibt im Leben nichts Sinnvolleres als eine Familie zu gründen.»

Wir sind eine Generation ohne Aufgabe, vieles haben andere für uns erledigt. Die Frauen haben ihr Stimmrecht erhalten und Homosexuelle dürfen ihre Liebe offen ausleben. Bleibt für uns nur noch eines übrig: mithalten. «Wir leben in einer schnelllebigen Zeit, die uns zwingt, vieles in kurzer Zeit zu lernen. Aber irgendwie kriegen wir es doch immer hin, das zeichnet uns aus», findet der Weinfelder Phillipp Ziegler (25).

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Fragen wir noch weiter oder haben wir genug Material? Es reicht. Sofort nach Hause oder noch bleiben? Bleiben! Pizza oder Feierabendbier? Beides. Auf den letzten oder den ersten Zug? Den letzten. Und das Auto? Holen wir morgen. Oder irgendwann.

Manchmal faul: Sacha, Stefan. (Bilder: Johanna Schick)

Manchmal faul: Sacha, Stefan. (Bilder: Johanna Schick)

Julia: «Uns fehlt der Glaube.»

Julia: «Uns fehlt der Glaube.»

Unter Druck: Claudio und Pascal.

Unter Druck: Claudio und Pascal.

Zu viele Interessen: Simon, Alisha.

Zu viele Interessen: Simon, Alisha.

Moritz will nicht erwachsen sein.

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