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GELDMASCHINE: Goldesel auf Rädern

An der Tour de France rollt auch der Rubel mit: Das grösste Radrennen der Welt beruht auf einem sehr speziellen Geschäftsmodell, über das die private Organisatorin ASO gerne Stillschweigen bewahrt.
Stefan Brändle, Paris
Strassendekoration in Düsseldorf, wo die lukrative Tour de France am Samstag begann. (Bild: Daniel Karmann/AP)

Strassendekoration in Düsseldorf, wo die lukrative Tour de France am Samstag begann. (Bild: Daniel Karmann/AP)

Stefan Brändle, Paris

«Le Tour», wie Radler kurz sagen, ist ein einzigartiges Sportevent: Zwölf Millionen Zaungäste verfolgen es jedes Jahr vom Strassenrand aus, dazu kommen eine Milliarde Zuschauer weltweit am Bildschirm. Einzigartig ist aber auch das Geschäftsmodell. Organisiert wird das mythische Radrennen nicht etwa von einem nationalen Sportverband, sondern seit 1947 von einem privaten Anbieter, der sich nicht gerne in die Karten schauen lässt. «Amaury Sport Organisation» (ASO) gehört zum Familienkonzern Amaury, der von der Witwe Marie-Odile Amaury (77) geführt wird und unter anderem die Sportzeitung «L’Equipe» herausgibt. Weder ASO noch Amaury publizieren Zahlen. Der Umsatz der Tour de France wurde bei der 100. Ausgabe 2013 auf 150 Millionen Euro geschätzt und dürfte heute klar darüber liegen.

Preisgelder sind vergleichsweise klein

ASO organisiert auch andere Radrennen in China und Katar, oder in Frankreich die legendäre Kopfsteinpflaster-Tortur Paris–Roubaix. Drei Viertel des ASO-Umsatzes entfallen aber auf die Tour de France. Deren Gewinnmarge wird auf 15 Prozent geschätzt. Denn bei den Amaurys schaut man aufs Geld. Sie zahlen insgesamt nur 2,3 Millionen Euro an Preisgeldern – 500000 Euro für den Tourgewinner 2017, 11000 Euro für Etappensieger und tausend Euro für die Letzten, die das Ziel am 23. Juli erreichen. Das sind Brosamen im Vergleich zu den 36 Millionen Euro, die zum Beispiel das Pariser Tennisturnier Roland-Garros an Preisgeldern auszahlt. ASO hält dagegen, dass die Tour-Fahrer von ihren Teams entlöhnt würden.

Ausserdem geniessen die Profiradler im Vorbeifahren ja schon die schönsten Postkartenbilder von Frankreich, könnte man zynischerweise anfügen. Damit läge man nicht einmal ganz falsch: Der Tourismus ist ein gewichtiges, ja das gewichtigste Argument der Tour-Veranstalter. Da an einem Radrennen kein Eintritt verlangt wird, müssen sie sich anderweitig schadlos halten. Am meisten verdient ASO mit den Fernsehrechten. 190 TV-Sender in aller Welt bringen Bilder von der Tour, 60 bei Direktsendungen. Und bei den stundenlangen Übertragungen mit Luftbildern von der Côte d’Azur über die Alpenpässe bis in die Bretagne interessieren sich die Zuschauer, wie Studien ergeben haben, nur zweitrangig für das sportliche Geschehen. «Wenn man die TV-Zuschauer befragt, warum sie die Tour verfolgen, nennen sie als Erstes die schönen Landschaften und dann erst den Rennwettbewerb», meint Gilles Dumas vom Marketingunternehmen Sportlab. Deshalb zieht ASO 60 Prozent der Einnahmen aus den Fernsehrechten.

Den Rest bilden die Beiträge der Sponsoren (30 Prozent) und der Etappenorte (10 Prozent). Die Sponsoren erhalten millimetergenau kalkulierte Rechte und Ansprüche. Dazu gehört ein genau bestimmter Platz in der zwölf Kilometer langen Karawane aus 170 Fahrzeugen, die den Radfahrern vorausgeht. 18 Millionen Gegenstände werden der Menge während einer Tour zugeworfen – Wimpel und Gutscheine, Mützen und Schlüsselanhänger. Alles nach präzisem ASO-Drehbuch.

Wie ein langer Reisefilm mit Produktplatzierung

Einzelne Werber und Sponsoren waren in ausgesprochenen Dopingjahren zwar versucht, von der kommerziellen Karawane abzuspringen. Die meisten sind geblieben oder zurückgekommen. Die sportlichen Negativschlagzeilen wiegen weniger als der Werbevorteil. Am Fernsehen betrachtet, ist die Tour de France ein mehrstündiger Reisefilm für ein Millionenpublikum. Mit einer Produktplatzierung, deren Dosierung mindestens so gekonnt ist wie das Doping.

Die Etappenorte müssen ihrerseits rund 100000 Euro an Grundgebühren hinblättern. Selbst Stammgäste wie Alpe d’Huez zahlen dreimal mehr, wenn die Tour wegen ihnen einen Umweg macht. Da der Zielort Paris mit den Champs-Elysées fix ist, zahlt der Ausgangspunkt umso mehr. Düsseldorf soll in diesem Jahr laut «Kölner Stadtanzeiger» 4,5 Millionen Euro hingeblättert haben.

Klagen sind nicht zu hören. Bei jeder Ausgabe bewerben sich über hundert Orte, um Start oder – noch besser – Ziel einer Etappe der beliebten Tour de France zu werden. Nur jeder vierte Kandidat wird berücksichtigt. Alle wissen: Der Imagegewinn und der Werbeeffekt eines auch nur mehrstündigen Halts sind gross; und dazu kommt die Übernachtung von 4000 Rennfahrern, Begleitern, Sponsoren und Medienleuten und mehr. Deshalb meinte ein Vertreter des Klosterfelsens Mont Saint-Michel in der Normandie, Teil der Jubiläumsrundfahrt des Jahres 2013: «Man kann sich nur schwer ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis vorstellen.»

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