Geld verdienen oder Geld bringen? Tom Lüthi ist an einem entscheidenden Punkt seiner Karriere angelangt

Tom Lüthi kann nicht mehr siegen. Welchen Preis muss er für die Verlängerung der Karriere bezahlen?

Klaus Zaugg
Drucken
Teilen
Tom Lüthi fährt hier vor Augusto Fernandez

Tom Lüthi fährt hier vor Augusto Fernandez

Bild: Gareth Harford / Freshfocus

Ein paar Monate haben alles verändert. Im Februar dominiert Tom Lüthi die Vorsaisontests nach Belieben. Er gilt als Titelanwärter. Und sein Freund und Manager Daniel Epp steht vor einem ruhigen Sommer: Die Vertragsverlängerung beim Team des deutschen Batterie-Her­stellers Dynavolt ist nur eine Formsache. «Wir sind uns mündlich einig», sagt Epp zu diesem Zeitpunkt. Man werde wohl im August die entsprechenden Verträge unterzeichnen. Eine der wenigen offenen Fragen: eine Verlängerung um ein oder zwei Jahre?

Doch Lüthis Situation hat sich seit dem Frühjahr dramatisch verändert. Im Februar hatten Lüthi und sein Manager eine formidable Ausgangslage. Jetzt nicht mehr. In den drei letzten Rennen ist zwar eine leistungsmässige Stabilisierung gelungen (5., 7. und 6. Rang). Aber um Sieg und Podest konnte der Emmentaler diese Saison noch nie fahren, und den Titelkampf hat er als 10. mit 67 Punkten Rückstand auf den WM-Leader schon verloren.

Tom Lüthi.

Tom Lüthi.

Bild: Keystone

Die Besten kassieren bis zu einer Million pro Saison

In der Moto2-WM gibt es zwei Kategorien von Piloten: solche, die bezahlt werden, und solche, die bezahlen müssen. Höchstens zehn oder zwölf der 30 Vertragsfahrer werden von ihren Teams ordentlich bezahlt. Weil sie so gut sind, dass sie Siege und Ruhm garantieren. Die Besten kassieren mit Grundlohn, Prämien und persönlichen Werbeflächen, die sie auf Helm, Kombi und Verschalung vermarkten dürfen, bis zu einer Million pro Saison. Bis und mit 2020 gehört Tom Lüthi zu dieser privilegierten Kaste. Die anderen sind «Bezahl­fahrer». Sie müssen Geld in die Teamkasse bringen, um fahren zu dürfen.

Die Einkaufssumme beträgt 300000 bis 600000 Franken. Das Team stellt dafür die ge­samte Infrastruktur (Maschine, Techniker) und ein paar Werbeflächen zur Verfügung. Mit etwas Glück kann der Manager für seinen Piloten bei persönlichen Sponsoren mehr Geld heraus­holen, als er in die Teamkasse einzahlen muss. Das war bei Dominique Aegerter für diese Saison nicht mehr möglich. Deshalb hat er seinen Fix-Platz im GP-Zirkus nach 13 Jahren aufgegeben.

Nun ist Tom Lüthi nach der enttäuschenden ersten Saisonphase an einem entscheidenden Punkt seiner Karriere angelangt. Der neue Vertrag mit seinem Team steht noch nicht. Daniel Epp reagiert leicht gereizt auf entsprechende Fragen: «Wir sind in intensiven Verhandlungen. Bis Ende September sollten wir einen Entscheid haben.» Wo­rüber wird verhandelt? «Es geht um Details.» Um welche Details? «Dazu gebe ich keine Auskunft.»

Nun, es geht ums Geld. Tom Lüthi ist von der Erfahrung und dem Charisma her immer noch ein Fahrer, der bezahlt wird. Aber er ist es nicht mehr von den Resultaten her. Doch gibt es Alternativen, falls es zu keiner Einigung kommt? Die Frage geht an Daniel Epp: Sehen Sie sich nach anderen Teams um? «Ich bin ständig mit verschiedensten Teams in Kontakt. Aber nicht intensiver als sonst. Die Pflege dieser Kontakte gehört zum Geschäft.» Gäbe es Alternativen? «Dazu kann ich nichts sagen.» Nun, es gibt sicher Alternativen. Aber nur bei Teams, die Geld verlangen.

Lüthi ist am 6. September 34 geworden. Er ist nach wie vor hoch motiviert und topfit. Sein Optimismus ist unerschütterlich. Sein Talent und sein Kampfgeist stehen nicht zur Debatte. «Ich werde den Kopf nicht hängen lassen. Wir werden weiter­kämpfen.» Um in der Super­bike-WM oder auf den Batterie-Töffs und als Test- und Ersatzpilot ein «Gnadenbrot» zu verzehren, ist er immer noch viel zu gut. Er kann seine Karriere fortsetzen. Die Frage ist allerdings: als bezahlter Fahrer oder als Bezahlfahrer? Geld verdienen oder Geld in die Teamkasse bringen?