Kolumne

Gegentribüne: Nach FCSG-Absage wegen Corona-Virus: Der Sonderfall Schweiz ist auch im Fussball angekommen – eine Meinung gegen den Mainstream

Unser Land ist ja stolz darauf, mitten auf dem europäischen Festland eine Insel zu bilden. Am Wochenende habe ich den Sonderfall Schweiz auch im Fussball entdeckt. Es fanden keine Spiele statt. Da bin ich kurzentschlossen nach Augsburg ausgewichen.

Fredi Kurth
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Die Stadien in der Schweiz blieben dieses Wochenende leer. Die Spiele wurden wegen des Corona-Virus und dem daraus hervorgehenden Verbot von Grossveranstaltungen verschoben.

Die Stadien in der Schweiz blieben dieses Wochenende leer. Die Spiele wurden wegen des Corona-Virus und dem daraus hervorgehenden Verbot von Grossveranstaltungen verschoben.

Bild: Gian Ehrenzeller / KEYSTONE (St.Gallen, 18. Mai 2016)

So gründlich waren nicht einmal die Italiener, nämlich flächendeckend Fussballspiele der höchsten Liga ohne Zuschauer austragen zu lassen, geschweige denn abzusagen. Auch in der Serie A fanden Partien vor grossen Zuschauermengen statt. Nur in der Schweiz und sonst nirgendwo in Europa las sich der Spielplan für das Wochenende so: «Verschoben, verschoben, verschoben, verschoben, verschoben.»

Viele Schweizer beim Schweizer Bundesliga-Spiel

Fredi Kurth, unser Gegentribünen-Autor.

Fredi Kurth, unser Gegentribünen-Autor.

Bild: Urs Bucher

Also ab nach Augsburg. Dort trafen sich 29'000 Zuschauer zum Bundesligaspiel mit der grössten Schweizer Beteiligung, sowohl beim Spiel selber (drei Akteure bei Augsburg, vier bei Mönchengladbach) als auch auf den Zuschauerrängen. Überall hörte ich Schweizerdeutsch.

Schwierig zu ermessen, wie viele Zuschauer mit dem Corona-Virus schon angesteckt waren und wie viele nach dem Spiel. «Genau, so musst du es machen, 20 Sekunden Hände waschen», sagte ein WC-Besucher zum andern und löste Erheiterung aus. Dabei ist die Lage doch so ernst. Bei der Rückkehr am Schweizer Zoll habe ich mich dann gewundert, dass sich niemand erkundigte, ob ich an einer Grossveranstaltung teilgenommen habe, und mich in Quarantäne versetzte.

ZDF: «Wir entscheiden von Fall zu Fall»

Leider ist es nicht bloss ein Sonderfall Fussball, sondern ein auf die Freizeitindustrie ausgedehnter Sonderfall. Wenn China hustet, zeigt die Schweiz Paniksymptome. Schon am Freitagmittag verkündete der Nachrichtensprecher im ZDF, leicht überrascht wie mir schien, dass die Schweiz alle Grossveranstaltungen abgesagt habe. Und beruhigte dann:

«Bei uns wird von Fall zu Fall entschieden.»

Von Fall zu Fall statt Sonderfall. Wahrscheinlich dachte sich der Bundesrat, er gehe mit dem guten Beispiel voran, und die Welt werde nachfolgen. Doch davon kann keine Rede sein.

Was lese ich sonst noch: «Das Virus wird uns alle befallen.» Bei genauem Lesen sind es 50 bis 70 Prozent. Anscheinend hat es das Virus aber nicht so eilig. Im Kanton St.Gallen ist, Stand Sonntag, 1. März, noch kein Angesteckter, keine Angesteckte, eruiert worden. Fast schon beleidigend diese Auslassung.

Annähernd die Hälfte wieder geheilt

Ich bin mir bewusst, dass ich hier gegen den sich helvetisch ausbreitenden Mainstream anschreibe. Natürlich sind Empfehlungen und Einschränkungen notwendig. Aber im Falle des Veranstaltungsverbots hat der Bundesrat übers Ziel hinausgeschossen. So darf man auch schon einmal Zahlen erwähnen, welche die täglichen Wasserstandsmeldungen mit jedem einzelnen Fall (jetzt auch einer in Australien, ui,ui,ui) in Relation setzen.

In Deutschland erreichte die Zahl der an der normalen, saisonalen Grippe erkrankten Menschen vor einer Woche 80'000. Das entspricht ungefähr jener Menge, die bisher weltweit am harmloseren Corona-Virus erkrankt ist. Etwa 35'000 dieser Corona-Erkrankten – das wird hierzulande auch nicht erwähnt – sind inzwischen geheilt und weilen purlimunter unter uns. In China sterben täglich gemäss WHO 821 Menschen im Strassenverkehr. Durch den Corona-Virus waren es seit dem ersten Todesfall am 11. Januar 56 pro Tag.

Heute wird in Altach gespielt – mit den Fans

Zurück zum Fussball: Diesen Sonntag hätte man auch ein Fussballspiel der österreichischen Bundesliga besuchen können, einen Torhüter-Auskick von der Schweizer Grenze entfernt, in Altach. Doch es wurde verschoben, aber nicht wegen Corona, sondern weil Gegner Red Bull Salzburg erst am Freitag ein ebenfalls verschobenes Spiel in der Europa-League austragen musste. Die beiden begegnen sich nun heute Abend. Salzburg ist Österreichs Serienmeister, Altach spielt voraussichtlich mit dem ehemaligen St.Galler Alain Wiss. Vielleicht schaue ich vorbei, unbelastet von Corona-Ängsten und Verhältnisblödsinn.

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