Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Kolumne

Gegentribüne: Mit dem FC St.Gallen in 15 Tagen schon fast eine Saison erlebt

Matchwinner Stjepan Kukuruzovic, der noch keine Minute gespielt hatte, war vor dem Match in St.Gallen wahrscheinlich kein Thema in der Teamsitzung des FC Thun. Und Peter Zeidler hätte weitere Pfeile im Köcher: Von den elf neuen Spielern warten vier bisher auf Einsätze.
Fredi Kurth
Kolumnist Fredi Kurth auf der Gegentribühne. (Bild: Ralph Ribi)

Kolumnist Fredi Kurth auf der Gegentribühne. (Bild: Ralph Ribi)

Eine Kollegin von mir trat eines Tages den Zeugen Jehovas bei. Als ich sie nach den Beweggründen fragte, antwortete sie:

«Ich wollte schon immer wissen, was die Wahrheit ist.»

Die Wahrheit, ein grosses Wort. Im Grunde suchen auch Fussballfreunde stets nach der Wahrheit. Nur dass ihnen das etwas mehr Mühe bereitet als jemandem, der einer strikten religiösen Gemeinschaft anheimfällt. Das gilt nicht zuletzt für die Anhänger des FC St.Gallen, die mitten in den Sommerferien auf eine Achterbahn geschickt wurden. Nachfolgend eine kleine Replik auf 15 schwindelerregende Tage.

Schockstarre, Jubel, Zuversicht

Bereits der schwungvolle Auftritt in Basel lässt den Puls der grün-weissen Herzen in die Höhe schnellen. Wer den ehemaligen Serienmeister bezwingt, der könne gegen alle bestehen, so das allgemeine Motto. Gewiss, gegen Basel ist den St.Gallern schon oft eine Überraschung geglückt. Aber nun steht ein wahrer Fachmann an der Seitenlinie, einer, den sie in Sion wie einen Messias verehren. Da wird jetzt auch im Kybunpark der Höhenflug beginnen.

Rasch noch im Heimspiel gegen Sarpsborg eine gute Grundlage in der Europa-League-Qualifikation schaffen, dann geht es munter gegen Sion weiter. Doch gegen die Norweger herrscht schon nach fünf Minuten Schockstarre: Platzverweis nach Notbremse für Abwehrchef Milan Vilotic und mit dem nachfolgenden Freistoss dem Gegner das wichtige Auswärtstor zugestanden. Der Traum von Europa ist früh geplatzt, denken viele. St.Gallen jedoch wendete das Blatt und feierte mit den Fans, als ob schon der Europa-League-Final gewonnen wäre.

Der nächste Irrtum

Sion kann kommen und spielt wie St.Gallen. Frech nach vorne, forsch in den Zweikämpfen. Doch Zeidlers Leute sind es, die sich mit Chancen in Szene setzen. Sion entscheidet den Match mit zwei Freistössen. Macht nüüt. Das System funktioniert ja. Also auf in den hohen Norden. Wer schon in Unterzahl gegen Sarpsborg besteht, der wird wohl auch bei ausgeglichenem Spielerbestand im Rückspiel bestehen. Der nächste Irrtum. Auch diese Wahrheit ist irgendwo auf dem Flug nach Oslo über Bord gegangen.

Sarpsborg stürzt St.Gallen von einer Verlegenheit in die andere, fünf zu null das Chancenverhältnis zur Pause. Der Kunstrasen? Ich dachte, der würde dem schnellen Kurzpassspiel der St.Galler entgegenkommen. Weit gefehlt. Sportchef Alain Sutter hat mehrere Erklärungen. Vielleicht die entscheidende: das kleinformatige Spielfeld. Nur: Haben wir nicht gedacht, dass sich das nun technisch beschlagene St.Galler Mittelfeld auch durch enge Räume schlängeln würde?

Thun wird schwer – aber erst am Schluss

Vor dem Match gegen Thun ist das Selbstvertrauen schon wieder in den Keller gerutscht. Gegen die Kämpfer aus dem Berner Oberland würde es sehr schwierig werden, ist zu vernehmen. Die spielen ähnlich wie Sarpsborg oder Sion. Die nächste Fehleinschätzung. Trotz der physischen und psychischen Last des kurzen Gastspiels auf europäischer Ebene wirken die St.Galler wesentlich frischer als die Thuner, die sich eine Woche lang auf die Aufgabe vorbereiten konnten.

So habe ich mir die meisten Spiele der St.Galler in der neuen Saison vorgestellt. Und zwar aufgrund der ersten Halbzeit im Test gegen Brighton, als das Premier League Team in starker Besetzung nicht irgendwie schwächelte und St.Gallen das Umschaltspiel aus der Abwehr heraus bereits bravourös beherrschte. In der zweiten Halbzeit empfahl sich damals einer aus dem B-Team mit guten Abschlüssen: Stjepan Kukuruzovic. Doch was plant Zeidler eigentlich mit Slimen Kchouk, Kekuta Manneh, Axel Bakayoko und Nias Hefti, den Zugängen, die bisher ohne Einsätze geblieben sind?

St.Gallen mit elf Feldspielern

Gegen Thun gelingt den St.Gallern der Tanz auf dem Vulkan über weite Strecken, ehe sie beinahe selber in den Abgrund stürzen. Kukuruzovic und Majeed Ashimeru sind die herausragenden Leute in einem starken Kollektiv. Einer gefällt mir ebenfalls, Torhüter Dejan Stojanovic. Nicht dass er viel zu halten hatte, aber er ist der elfte Feldspieler und bereinigt manche Situation in bester Libero-Manier. Auch Vilotic bedankt sich bei ihm, als einer seiner Rückpässe unterwegs beinahe vertrocknet wäre.

Welche Wahrheit als nächstes?

So fragen wir uns, welche Wahrheit die St.Galler in einer Woche im Verfolgerduell beim FC Zürich enthüllen werden. Was wir so vermuten: Jetzt können sie erst einmal durchatmen, neu auftanken und auch die nach der Niederlage in Bern ernüchterten Zürcher in Schwierigkeiten bringen. Oder kommt eine andere Wahrheit zu tragen, dass sich der Ex-FC-St.Gallen mit Pa Madou, Adrian Winter und Roberto Rodriguez wieder besonders anstrengt?

Was jetzt schon sicher erscheint: Aufregend wird’s.

Aufgefallen

Ashimeru übrigens erinnert an einen Gastspieler von Red Bull Salzburg, der 2016 ebenfalls in unserer Region „parkiert“ wurde: Dimitri Oberlin gefiel bei Altach so sehr, dass ihn die Salzburger schon zur Winterpause wieder zurückholten. Ich hoffe, man hat sich beim FC St. Gallen gegen solche Machenschaft abgesichert. Immerhin hat die Klubleitung, möglicherweise zu einem Freundschaftstarif von 700 000 Euro, bereits Jasper van der Werff an die Salzburger abgeben. Der 19jährige Innenverteidiger debütierte übrigens am Wochenende mit der zweiten Mannschaft in der 2. Liga beim 4:0 gegen Vorwärts Steyr.

Das schwache Abschneiden der Schweizer in Europa wird beklagt. Neu in diesem Klub ist nun auch der FC Basel. Eines scheint mir unzutreffend zu sein: Die Schweizer Vertreter würden unter ihrem Wert abschneiden. Sie sind kaum oder überhaupt nicht besser als die Konkurrenz. Lassen wir Basel und Young Boys ausser Betracht, hat von den andern Teams zuletzt der FC Sion vor drei Jahren gegen bekannte Mannschaften auf sich aufmerksam gemacht, unter anderem mit zwei Unentschieden gegen Liverpool sowie mit Sieg und Remis gegen Bordeaux. Im Achtelfinal bedeutete Sporting Braga Endstation. Alle andern, ob Lugano, Zürich, Grasshoppers oder später auch Sion und Luzern, scheiterten schon gegen Aussenseiter oder spätestens gegen Spitzenteams der zweiten Kategorie wie Fenerbahce Istanbul (GC mit total 0:5) oder gegen Villareal.

Eine mögliche Ursache: Die Schweizer Vereine verlieren ihre besten Talente immer früher an Mannschaften im Ausland, und was an ausländischen Spielern auf dem Transfermarkt angeboten wird, vermag die Lücken nicht zu schliessen. Kleine Differenzen können Schwächere heutzutage mit taktischer Raffinesse und physischer Präsenz wettmachen. Siehe Sarpsborg. (th)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.