Gegenständliches wirkt abstrakt

Die Malerei des Kreuzlingers Philippe Mahler gibt sich unspektakulär und verlangt dem Betrachter doch einiges ab durch ihre hervorgehobenen Details und bestimmte, ihr unverwechselbar eigene Öffnungen in Räume und Emotionen hinein.

Joachim Schwitzler
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Charakteristisch für Philippe Mahler: Die mehrfache Unterteilung in der Vertikalen wie in «Hyères les Salins». (Bild: Joachim Schwitzler)

Charakteristisch für Philippe Mahler: Die mehrfache Unterteilung in der Vertikalen wie in «Hyères les Salins». (Bild: Joachim Schwitzler)

KREUZLINGEN. Die liebevolle, die heitere Schlichtheit in Philippe Mahlers Bildern gastiert nur oberflächlich, entpuppt sich als zu komplex, um lediglich mit einem Absatz bedacht zu werden.

In der neuen Sonderausstellung «Blick-Wechsel» zeigt das Museum Rosenegg neue Arbeiten des Künstlers Philippe Mahler. Im Zentrum der rund 30 Werke stehen die Bilder, die er während eines halbjährigen Studienaufenthalts im Südwesten Frankreichs geschaffen hat, genauer in und um Toulouse.

Thurgau und südliche Farben

So ist beispielsweise die typische Backsteinarchitektur, die der Stadt ihren Namen verlieh – la ville rose – gleich in einer ganzen Werkreihe gegenwärtig. Dazu das besondere Licht des Südens und das synergetische Zusammenspiel von Sonne, Sand, Wind und Meer. Da steigen Sehnsüchte auf. Des weiteren zu sehen sind Werke aus den letzten zwei bis fünf Jahren, die im Thurgau entstanden sind. Mit letzteren setzt Mahler in einem separaten Raum im Erdgeschoss bewusst einen Kontrapunkt zur eindrücklichen Farbigkeit der oberen Räume. Der komprimierte Blick etwa auf zwei grosse «Wasserfälle» notiert die Vertikale, hebt das Gesetz der Schwerkraft hervor, das Unabänderliche – das Im-Fluss-Sein. Werden und Vergehen zugleich und ewig in einer Sekunde. Kaum ein irdisches Element charakterisiert das augenscheinlicher als Wasser. Insgesamt wirkt das Nebeneinander in diesem Raum leise, beinahe meditativ.

Eine seiner wichtigsten Arbeiten, nicht nur in dieser Ausstellung, ist sein «Pandora» genanntes Werk. Darin zitiert Philippe Mahler gleich mehrfach. Zum einen die Büchse der Pandora aus der griechischen Mythologie. Dann verweisen kleine Details auf andere Arbeiten von ihm. So gleich zweimal auf die Werkgruppe «Le philosophe»: eine dunkelrote Jacke über einem Stuhl, ein türkisblauer Behang an einem Haken. Verschiedene, dreifach vorkommende Elemente (Bistrotische, Fenster, Textiles) unterstreichen den dreifach geteilten Binnenraum des grossen Querformats und laden es zusätzlich symbolisch auf (in den Zahlen 3 und 9). Durch die Fenster ist im Hintergrund eine lichte, sanfte Uferlandschaft sichtbar, ein möglicher Hinweis auf eine sehr frühe, klassische Arbeit von ihm über die Bodenseelandschaft im Thurgau. – Doch Vorsicht, der Schein mag trügen. Bei näherer Betrachtung von «Pandora» kann es sich statt um eine zusammenhängende Räumlichkeit genauso gut um drei Raumsegmente handeln, die der Künstler in seiner Freiheit lediglich zusammengefügt hat. Und die Landschaft im Hintergrund, sie findet nicht wirklich statt, sondern ist bloss Sujet eines Gemäldes im Gemälde.

Verdichtete Raumbilder

Die mehrfache Unterteilung des Raums in seiner Vertikalen – häufig dreimalig, so auch in «Hyères les Salins», «Côte d'Azur», «Gruissan» und «Spielplatz» – ist für eine Reihe von Mahlers Bildern ein charakteristisches Kompositionsmerkmal.

In seinem Werk sind es besonders diese kompositorischen, atmosphärisch verdichteten Raumbilder, die den Betrachter einer Befindlichkeit in der Schwebe aussetzen, einem Zwischenbereich zwischen Innen und Aussen, zwischen Verkapselung und Öffnung, zwischen Stillstand und Sehnsucht. Und vielleicht am Ende gar zwischen Wirklichkeit und Metawirklichkeit?

Philippe Mahler: Blick-Wechsel, Museum Rosenegg, Kreuzlingen. Mi 17–19, Fr–So 14–17 Uhr; Führung 28.3., 18 Uhr; bis 15.4.

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