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Fussballsalat in New York

Gleichzeitig mit der Fussball-EM in Europa findet in den USA die 100. Copa America statt. An der US-Ostküste heisst das: Livefussball von neun Uhr morgens bis Mitternacht. Und: Ein Leibchendurcheinander auf den Strassen.
Roman Elsener/New York
Pizzeriabesitzer Rocco «Rocky» Labianca: Bei ihm läuft derzeit von morgens bis abends Fussball – live aus den USA und Frankreich.

Pizzeriabesitzer Rocco «Rocky» Labianca: Bei ihm läuft derzeit von morgens bis abends Fussball – live aus den USA und Frankreich.

FUSSBALL. Seit 36 Jahren führt Rocco «Rocky» Labianca die kleine Pizzeria Minitalia im New Yorker Stadtteil Queens. Der Sohn italienischer Einwanderer wurde hier geboren und spricht das Italoamerikanisch, das man aus den klassischen Mafiafilmen kennt. An der Wand seines Geschäfts Fotos, ein junger Rocky mit dem Schauspieler John Turturro. Ein Poster der italienischen Nationalmannschaft, die vor zehn Jahren Weltmeister wurde, und ein Flachbildschirm, der rasengrün flimmert.

Selten ist dem Fussballfan die Arbeit so leicht gefallen wie in diesen Wochen: Wenn er um 9.30 Uhr morgens seinen Ofen vorheizt, den Teig anrührt und dann den Laden öffnet, kann er dank der sechs Stunden Zeitverschiebung bereits das erste Spiel der EM aus Frankreich mitverfolgen. Über den Tag verstreut folgen dann die nächsten Partien aus Europa, abends die Spiele der Copa America. Und wenn Rocky um 22 Uhr sein Lokal schliesst und nach Hause geht, kann er sich dort noch das letzte Spiel der Copa ansehen – aus Kalifornien, wiederum dank der Zeitverschiebung von 22 Uhr bis fast Mitternacht New Yorker Zeit.

«Euro ist langweiliger»

«Ich habe vor der Europameisterschaft keine grossen Hoffnungen ins italienische Team gesetzt, der Auftakt hat mich aber überzeugt – die Azzurri können es weit bringen», freut sich der Pizzaiolo. Nicht überzeugt hat ihn dagegen bis jetzt die Qualität des Fussballs an der EM. «Was südamerikanische Teams wie Chile und Argentinien mit Spielern wie Sanchez, Vidal oder Messi bieten, lässt sich mit dem zwar disziplinierten, aber langweiligen Fussball der Euro kaum vergleichen!»

Draussen vor seinem Laden auf der Fresh Pond Road spazieren Menschen aller Arten und Formen vorbei. Queens weist die grösste ethnische Vielfalt in New York auf, 168 Sprachen werden hier gesprochen, die Bevölkerung stammt aus über 120 Ländern. Nicht alle sind im Fussballfieber, wohl aber die Italiener, Iren, Deutschen und Polen, deren Vorfahren die Gegend geprägt haben. Ebenso die Ecuadorianer, Mexikaner, Kolumbianer und Peruaner, die hier viele Landsleute finden. Ein farbiger Leibchensalat herrscht auf den Strassen, es fehlen einzig die sonst so prominenten brasilianischen – das enttäuschende Team ist bereits aus dem amerikanischen Turnier ausgeschieden, man will jetzt dafür an Olympia gewinnen.

Die Copa gehört nun Mexico, da besteht für Ephraim Gonzales aus Brooklyn keine Frage. Der 18jährige Sohn mexikanischer Eltern spielt jeden Tag Fussball, wenn es die Schulaufgaben zulassen und er seinem Vater nicht in dessen mexikanischem Restaurant aushelfen muss. Auch Ephraim hatte vor dem Turnier Zweifel an seiner Mannschaft, vor dem Viertelfinal gegen Chile gibt sich der Junge aus Brooklyn, der Mexiko nur aus Ferien mit den Eltern kennt, aber zuversichtlich: «Mit etwas Glück besiegen wir Chile, gewinnen den Pokal und zeigen es Donald Trump und seinesgleichen», lacht der junge Fussballer, der sich auf seine zweite Chance zur Bewerbung für eine Regionalauswahl vorbereitet. Das erste Mal fiel er durch: «Ich war so nervös, ich hatte Bauchweh.»

Bar ist schon am Morgen voll

«Mayhem in the AM», nennt Chris Keller, deutsch-amerikanischer Mitbesitzer der besten Fussballbar in Williamsburg, dem «Banter», diese Wochen, in denen sich Euro und Copa kreuzen, frei übersetzt vielleicht «Morgenstund hat Bier im Mund». Der stämmige Mann übernimmt es dann selbst, morgens um neun Uhr seinem Pub vorzustehen, die «Full to Capacity»-Tafel vor die Tür zu hängen und auch harten englischen oder walisischen Fans klarzumachen, dass der Laden schon voll ist. Kaum sind die Engländer abgezogen, drängen sich Nordiren und Ukrainer um die Plätze, die sich das Spiel ihrer Teams zur Mittagszeit ansehen wollen. «Das war vor fünf Jahren, als wir das Banter eröffneten, keineswegs so – da kamen vereinzelte Gruppen in die Bar, weil einer von ihnen ein Fussballfan war», sagt Keller.

Nachmittags um 15 Uhr tauscht Chris den Türjob mit seinem irischen Teilhaber Conor Carolan, denn jetzt steht Germany am Start. Dass Deutschland gewinnen wird, ist für Chris klar, «da brauch' ich gar nicht Lineker zu zitieren», schmunzelt er. Sollten am Ende die Deutschen den Titel für einmal nicht erringen, ist man sich an der US-Ostküste, wo man auch ohne internationale Turniere Barnetta, Lampard, Pirlo und Villa live sehen kann, einig: Fussball gewinnt, ob nun Kroatien gegen Argentinien ausgleicht, Hazard nicht an Corona vorbeikommt oder Mehmedi den Ball um Romero ins Tor schiebt.

Europa verliert beim Töggele

Im Banter gibt es danach noch eine Partie am Töggelikasten, für jene, die immer noch nicht genug haben. Das Spiel heisst hier «Foosball» und statt der gewohnten Elf hängen 13 Spieler an den Stangen. Das entscheidende Spiel verlieren Deutschland und die Schweiz gegen die USA und Mexiko.

Pizzeria Minitalia: Die Italiener machen in Queens, New York, fast acht Prozent der Bevölkerung aus. (Bilder: Roman Elsener)

Pizzeria Minitalia: Die Italiener machen in Queens, New York, fast acht Prozent der Bevölkerung aus. (Bilder: Roman Elsener)

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