Fussballer, Häftling, Twitter-Philosoph

Am vergangenen Wochenende unterlagen die Queens Park Rangers in der Premier League dem Team von Chelsea 0:1. Im hitzigen Londoner Derby behielt Joey Barton, Captain der Rangers, einen kühlen Kopf – eine Seltenheit beim englischen «Enfant terrible».

Sergio Dudli
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FUSSBALL. Es lief bereits die 88. Minute in der ausverkauften Loftus Road im Westen Londons, als Cesc Fabregas den Siegestreffer für Chelsea erzielte. Es war die einzige gute Torchance für das Team von Trainer José Mourinho. Nach dem Schlusspfiff trottete der Mann mit der Nummer acht im blauweiss gestreiften Trikot der Queens Park Rangers vom Platz – das Shirt war gezeichnet vom harten und umkämpften Spiel. Der Mann in diesem Trikot heisst Joey Barton. Er gilt seit Jahren als «Enfant terrible» des englischen Fussballs.

Dass Barton das Spiel erst nach dem Abpfiff des Schiedsrichters verlässt, und nicht schon zuvor, ist anhand der Brisanz der Partie beinahe eine Überraschung. Bereits neunmal musste Barton in seiner Karriere wegen einer roten Karte schon vorzeitig unter die Dusche. In dieser Saison steht Barton bei neun gelben und einer roten Karte. Den Platzverweis erhielt er, weil er einem Gegenspieler dorthin schlug, wo es einen Mann besonders schmerzt.

77 Tage im Gefängnis

Dies ist nur eines von vielen Kapiteln in der Karriere von Barton. In einem von Drogen und Gewalt beherrschten Vorort von Manchester aufgewachsen, prägte dieses Leben seine Spielweise. Der 32-Jährige ist kein Techniker, sondern ein Arbeiter. Seine Herkunft kann Barton nicht immer verbergen, hat sich selten unter Kontrolle – auf und neben dem Platz. So drückte Barton schon eine Zigarre im Auge eines Nachwuchsspielers aus oder verprügelte Mitspieler und gegnerische Anhänger.

Der negative Höhepunkt folgte 2008. Barton musste für 77 Tage ins Gefängnis, da eine Videokamera aufgezeichnet hatte, wie er im Dezember 2007 einen Mann mit 20 Schlägen verprügelte. «Der grösste Fehler meines Lebens», sagte Barton.

Beliebter als Roger Federer

Heute ist Barton reifer geworden – zumindest etwas. Der 32-Jährige ist mittlerweile Vater eines Sohnes und liefert sich nun lieber verbale Auseinandersetzungen. Dafür bevorzugt Barton das soziale Netzwerk Twitter. Er hat fast drei Millionen Follower und damit mehr als Roger Federer. Hier betätigt er sich täglich als Hobby-Philosoph. Bei seinem Gastspiel in Marseille 2012/2013 bezeichnete er Thiago Silva vom Rivalen Paris St-Germain über das Netzwerk als «übergewichtigen Ladyboy». Zwei Spiele Sperre brachte ihm diese Aussage ein. Wie bereits erwähnt – Barton ist nur ein wenig reifer geworden.

Einer der letzten seiner Art

Dass Barton trotz all seiner Eskapaden Captain einer Premier-League-Mannschaft ist, erstaunt viele. Aber Barton ist ein Spielertyp, der immer seltener wird. Mark van Bommel, Gennaro Gattuso oder Carlos Varela – sie waren keine grossen Fussballer, dafür umso grössere Kämpfer. Sie wurden von den Gegnern gehasst, von den eignen Anhängern verehrt und gefeiert.

Genau so ein Spieler ist Barton. Und im Abstiegskampf der englischen Topliga geht es hart zu und her. Eigentlich genau das Richtige für den Captain der Queens Park Rangers – sofern er sich unter Kontrolle hat.

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