YB-Sportchef Christoph Spycher: «Ich bin nicht da, um zu jammern»

Er hat die Meistermannschaft gebaut, jetzt muss er den Trainer ersetzen – Christoph Spycher über seine Pläne. Trotz dem Titel sieht der Sportchef die Young Boys finanziell nach wie vor hinter dem FC Basel.

Etienne Wuillemin
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Als «Kaiser von Bern» wird Christoph Spycher bezeichnet. Er lebt lieber die Arbeit im Team.

Als «Kaiser von Bern» wird Christoph Spycher bezeichnet. Er lebt lieber die Arbeit im Team.

Keystone

Christoph Spycher, YB hat den ersten Meistertitel seit 32 Jahren gewonnen, diese Woche aber seinen Trainer verloren. Worüber reden wir zuerst?

Christoph Spycher: Da lasse ich Ihnen freie Wahl.

Konnten Sie schon realisieren, was der Meistertitel für Bern bedeutet?

Realisieren schon. Das wurde relativ schnell offensichtlich, bereits in den Sekunden nach dem definitiven Erringen des Titels. Aber all diese Erlebnisse sacken zu lassen und zu geniessen – nein, das konnte ich definitiv nicht. Es war eine schöne Nacht des Feierns. Aber dann ging der Alltag gleich weiter.

Sie waren also nicht dabei, als das Team zwei Genuss-Tage in Barcelona einlegte?

Nein. Ich hatte Termine, die anstanden. Das ist dann eben der Unterschied, wenn man nicht mehr Spieler ist. Wie auch das Feiern an sich anders ist. Diese Erfahrung musste ich auch machen. Es ist unglaublich schön – aber man ist in anderer Funktion unterwegs und nicht an vorderster Front dabei.

Zur Person

Christoph Spycher ist seit September 2016 Sportchef der Young Boys. Zuvor spielte der Linksverteidiger in seiner Profi-Karriere bei Luzern, GC, Eintracht Frankfurt und YB. Spycher ist zudem 47-facher Nationalspieler. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne.

Und nicht mehr der, der in die Jubeltraube springt.

Nein, nein, nein! (lacht). In der Garderobe rumrennen mit der Champagner-Flasche, diese Zeiten sind vorbei. Beim Jubeln halte ich mich etwas zurück, wie es sich gehört.

Nun hat YB in dieser Woche Trainer Adi Hütter an Eintracht Frankfurt verloren. Was gibt Ihnen die Überzeugung, dass YB unabhängig vom Meistertrainer erfolgreich bleibt?

Wir sind als Verein sehr gut aufgestellt. Vom Verwaltungsrat über die Geschäftsleitung hin zur sportlichen Führung über den Staff zur Mannschaft. Da ist viel Qualität vorhanden. Die Art und Weise, wie wir arbeiten, in dieser Konstellation – eine solche Ausgangslage würden sich sehr viele Trainer wünschen.

Wie muss der neue Trainer sein?

Ich möchte nicht zu detailliert antworten. Aber: Wir suchen nicht den Klon von Adi Hütter. Gewisse Dinge sind gegeben. Die Weiterentwicklung der Spieler ist wichtig. Wir möchten jemanden, der zu uns passt. Der auch lebt, wie wir arbeiten. Einer, der meint, er könne alles alleine machen, passt wohl eher weniger. Wir werden einen Trainer verpflichten, der Stärken und Schwächen hat wie wir alle. Und dann überlegen, wie seine Stärken am besten zur Geltung kommen – und wie wir seine Schwächen kompensieren können.

Seit wann ahnten Sie, dass Hütter YB verlassen wird?

Wir haben schon immer offen miteinander diskutiert. Auch als wir den Vertrag im Herbst verlängert hatten. Schon damals gab es Interesse an ihm aus der Bundesliga. Logisch, dass mit dem Erfolg die Wahrscheinlichkeit stieg, dass für ihn dieser Karriere-Schritt möglich wurde. Ich war immer auf dem Laufenden. Und folglich nicht überrascht.

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Schlüsselspieler der YB-Meistermannschaft könnten mutmasslich ins Ausland wechseln. Sie heissen: Assalé, Nuhu, Mbabu, Sanogo, Sow und Fassnacht. Das Ziel von Sportchef Spycher ist es, den Umbruch sanft zu gestalten.

Die Arbeit, die Sie selbst leisten, wird auch mit Interesse verfolgt. Werden Sie auch von Bundesliga-Klubs umgarnt?

Auf diese Frage möchte ich nicht gross eingehen. Ich fühle mich sehr wohl in Bern. Wenn ich am Morgen ins Stadion fahre, tue ich das gerne. Ich darf mit tollen Leuten zusammenarbeiten. Ich sagte ja schon immer, dass ich es als Privileg empfinde, für «meinen» Verein arbeiten zu dürfen. Das bleibt auch so. Aber ich habe aufgehört, Pläne zu machen über mehrere Jahre. Das geht im Fussball nicht. Wenn wir diesen Weg mit YB weitergehen können, dann freue ich mich auf die nächsten Jahre. Aber was einmal kommt, wer weiss das schon? Ich weiss auch nicht, ob ich noch 15 Jahre Sportchef sein möchte. Heute bin ich glücklich. Aber wenn ich das plötzlich nicht mehr bin, suche ich einen anderen Weg.

Welche unangenehmen Seiten des Daseins als Sportchef erleben Sie?

Die Aufgaben sind spannend und vielseitig. Aber auch intensiv, mit einer unglaublichen Intensität und Dynamik. Und es ist nicht immer ganz einfach, die verschiedenen Ebenen der Kurz-, Mittel- und Langfristigkeit zu verbinden.

Leidet manchmal das Privatleben?

Mein Privatleben ist top. Aber logisch, dass ich, bevor ich mich dafür entschieden habe, lange mit meiner Frau sprach. Wenn du so einen Job machen willst und deine Frau das nicht mitträgt, hast du schon verloren, bevor es angefangen hat. Sie macht das fantastisch, wie sie all die unvorhergesehenen Dinge mitträgt. Glauben Sie mir: Es ist alles andere als einfach, ein Privatleben zu organisieren mit einem Sportchef als Mann. Häufig wird einfach alles anders als geplant. Toll ist, dass auch unsere Kinder affin sind für YB und den Fussball. Manchmal kommen sie an die Heimspiele oder ich kann sie mitnehmen ans Abschlusstraining, wenn ich das verfolgen möchte. Das vereinfacht vieles. Denn ich glaube, alle wissen, wie gross der Stellenwert der Familie für mich ist.

Wussten Sie schon als Spieler, dass Sie einmal Sportchef werden möchten?

Eigentlich nicht. Ich war teilweise etwas zu reflektiert. Überlegte fast krampfhaft, was ich nach der Karriere tun möchte. Ich hatte eine Phase, da dachte ich: Ich muss alles planen, damit ich mit 35 aufhören und am nächsten Tag ins Büro gehen kann. Ich war hin- und hergerissen. Mal dachte ich: Ich muss weg vom Fussball. Dann doch wieder nicht. Je länger meine Karriere dauerte, wurde mir etwas klar.

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Jahre ist es her, seit YB letztmals das Double gewann. Am Sonntag, 27. Mai, bietet sich den Bernern im Cup-Final die Chance, den Triumph endlich zu wiederholen.

Erzählen Sie!

Ich merkte, dass ich mir erst Zeit nehmen und in Ruhe überlegen muss, in welche Richtung es gehen soll. Eine gewisse Vorbereitung ist sicher gut, aber ich denke, es ist schwierig, noch während dem Fussballspielen zu merken, was man später will. Nach einer dreimonatigen Auszeit merkte ich: Ja, mein Weg im Fussball ist noch nicht zu Ende.

Schon als Spieler waren Sie bekannt dafür, Ausländern bei der Integration zu helfen. Wie sehr profitieren Sie nun davon?

Das war sicher so. Ich hatte nie das Gefühl, der beste Techniker zu sein oder über Talent ohne Ende zu verfügen. Aber ich hatte eine gute Mentalität und Leadership. Ich erkannte, wie ich mit einem Mitspieler umgehen muss, damit dieser seine beste Leistung abrufen konnte. Ich darf sagen, dass ich mit meiner Art und Weise von Führung meine Mitspieler besser gemacht habe. Und sicher half auch, dass ich schon damals enorm gern mit Menschen zusammen war.

Welche Werte gewichten Sie als Sportchef besonders?

Ehrlichkeit ist ein grosser Punkt. Ich sagte allen: Ihr werdet von mir immer die Wahrheit hören. Es hat mich als Spieler immer aufgeregt, wenn ein Kollege oder ich etwas hörten – und danach kam etwas kreuzanderes raus. Ich wusste, dass es unangenehme Situationen geben wird. Ich musste einigen Spielern, die ich menschlich mag, sagen: «Schau, der Weg bei YB geht für dich nicht weiter.» Das ist nicht einfach, aber ich muss auf der rationalen Ebene Entscheide fällen. Zudem erwarte ich von mir und von allen Mitarbeitern einen unglaublichen Hunger. Ich erwarte von mir ständig vollen Einsatz und dass ich mich immer wieder reflektiere. Ich möchte mit niemandem zusammenarbeiten, der stets in der Komfortzone bleibt und sagt, so geht es jetzt 15 Jahre weiter.

Ihre Führung erinnert in gewisser Weise an die frühere Führung des FC Basel um Bernhard Heusler und Georg Heitz. Sehen Sie Parallelen?

Das ist für mich schwierig zu beurteilen. Heusler und Heitz haben den Schweizer Fussball – nicht nur den FCB! – über lange Jahre geprägt. Es ist vermessen, jetzt zu sagen, wir würden ähnlich arbeiten. Dafür habe ich auch zu wenig reingesehen. Aber ich will auch keine Kopie sein. Und unser Weg bei YB wird ohnehin ein anderer sein als jener des FCB. Dafür sind die Voraussetzungen schlicht ganz anders.

Was ist anders?

Der FCB hat über die Jahre dann auch einige Male direkt die Qualifikation für die Champions League geschafft. Und er hat eine Infrastruktur mit Trainingsplätzen, von der wir nur träumen können. Er ist nach wie vor ganz klar der finanzstärkste Verein. Das haben sich die Basler in 15 Jahren aufgebaut. Und davon ist YB noch immer weit entfernt. Ich bin nicht hier, um zu jammern. Wir haben auch Mittel zur Verfügung, um erfolgreich zu sein.

Schlussfrage: Wie verfolgen Sie die WM?

Zum Teil zu Hause. Ich gehe davon aus, dass eine turbulente Zeit auf uns zukommt. Ich werde auf jeden Fall nicht nach Russland reisen. Weil es nicht der Markt ist, in dem wir aktiv sind.

Es ist gut möglich, dass kein YB-Spieler im Schweizer Kader stehen wird. Können Sie das verstehen nach dieser Saison?

Grundsätzlich gilt: Es wäre anmassend, aus meiner Position Vladimir Petkovic zu sagen, was er verändern muss oder wen er an die WM mitnehmen muss. Er hat Erfolg – die Qualifikation war sehr gut, die Barrage auch. Und deshalb bin ich überzeugt, dass er die richtigen Entscheide fällen wird.

Aber?

Es gibt immer zwei Seiten. Einerseits das Team-Gefüge. Andererseits gilt es abzuwägen, ob es Sinn machen könnte, einem jungen Spieler Turniererfahrung zu ermöglichen. Einem Zakaria oder einem Elvedi hat die EM vor zwei Jahren extrem gut getan. Subjektiv aus YB-Sicht hätte ich nichts dagegen, wenn der eine oder andere Junge mitgehen dürfte. Und ich sage auch klar: Das wäre verdient. Aber nochmals: Es wäre nicht fair, einen solchen Entscheid zu fordern.

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