Nationalteam

Entwicklungsprozess wird wieder aufgenommen

Das Schweizer Nationalteam startet diese Woche ins Länderspieljahr 2020. Mit dem Nations-League-Spiel am Donnerstag in der Ukraine beginnt die Annäherung an die EM-Endrunde im nächsten Sommer.

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Vladimir Petkovic startet mit der Schweizer Nationalmannschaft in der Ukraine ins Länderspieljahr

Vladimir Petkovic startet mit der Schweizer Nationalmannschaft in der Ukraine ins Länderspieljahr

KEYSTONE/ALESSANDRO DELLA VALLE

Gibraltar war am Montagmittag weit weg. Als das Nationalteam in Basel erstmals in diesem von Corona geprägten Jahr zusammenkam, lag der 19. November 2019, der Morgen nach dem 6:1-Sieg, der die Qualifikation für die EM-Endrunde bedeutete, über neun Monate zurück. Seither ruhte der Betrieb der Nationalmannschaft.

Trainer Vladimir Petkovic und Nationalmannschaftsdirektor Pierluigi Tami standen zwar regelmässig im Kontakt mit den Spielern, und einmal haben sie in einem digitalen Video-Raum einen Song eingespielt. Doch das Nationalteam schwebte irgendwo im luftleeren Raum, denn viele Internationale waren in den letzten Monaten vor allem mit sich selbst beschäftigt. Sieben Spieler im Kader haben seit dem letzten Einsatz mit der Schweiz den Klub gewechselt, vier davon Land und Liga, einer von ihnen, Ricardo Rodriguez, sogar zwei Mal. Petkovic sagte deshalb: "Wir müssen uns nun wieder an die Kultur in der Nationalmannschaft erinnern."

Nur gegen Top-Teams

Nun wird der Betrieb wieder hochgefahren. Die Spiele in der Nations League am Donnerstag auswärts in Lwiw gegen die Ukraine und am Sonntag in Basel gegen Deutschland markieren den Auftakt in einen herausfordernden Herbst mit den Rückspielen gegen diese Gegner und zwei Duellen mit Spanien sowie den Testspielen gegen den WM-Finalisten Kroatien und gegen die Weltnummer 1 Belgien. Ausser der Ukraine sind das alles Top-10-Nationen Europas. "Es ist für unsere Entwicklung gut, dass wir uns mit ihnen messen können", sagte Tami.

Sechs der acht Spiele, je zweimal gegen die Ukraine, Deutschland und Spanien, sind Partien der Nations League, also Pflichtspiele. Gleichwohl sieht Petkovic den gesamten Herbst vor allem als erste Phase der Vorbereitung auf die EM-Endrunde im nächsten Sommer. Petkovic: "Nach der WM in Russland habe ich versucht, einen neuen Trend zu entwickeln. Wir haben nun eine junge Mannschaft und auf diesem Weg wollen wir weitergehen. Im Hinblick auf die EM wollen wir gegen starke Gegner nicht nur mithalten, sondern auch besser sein als sie."

Petkovic hat nicht vergessen, dass seit der WM 2018 die Bilanz gegen Mannschaft in der Gewichtsklasse der Gegner von diesem Herbst nicht gut ist. Gegen Belgien, England, Portugal und Dänemark hat die Schweiz zwischen September 2018 und Oktober 2019 fünf von sieben Spielen verloren und nur eines gewonnen. Dies darf im Hinblick auf die EM 2021 nicht vergessen, wer das erfolgreiche Gesamtbild vor Augen hat, nämlich die als Gruppensieger abgeschlossene EM-Qualifikation und die Teilnahme am Finalturnier der letzten Nations League.

Weitere Experimente sind nötig

Gewiss, die Richtung der SFV-Auswahl stimmt. Die Mannschaft welche am Dienstag in die Ukraine reist, weist ein Durchschnittsalter von 25,5 Jahren auf. Damit liegt der Schnitt fast drei Jahre unter demjenigen der Startformation im ersten WM-Spiel 2018 gegen Brasilien. Doch gradlinig ist der Weg bis jetzt nicht verlaufen. Denis Zakaria und Nico Elvedi haben sich in den Spielen der EM-Qualifikation zwar als neue Stammkräfte bewährt. Ein Kevin Mbabu, Remo Freuler oder Edimilson Fernandes aber haben weniger Einfluss nehmen können, als man dies von ihnen vielleicht erhofft hatte.

Ausserdem haben einzelne Leistungsträger zu oft gefehlt. Haris Seferovic hat 2019 die Hälfte der Spiele verpasst. Bei Breel Embolo wartet man im Nationalteam weiterhin auf den Durchbruch; er war seit der WM in Russland bei vier von acht Zusammenzügen wegen Verletzungen abwesend. Und dann ist da Xherdan Shaqiri. In der EM-Qualifikation hat er keine Minute gespielt, letztmals stand er im Juni 2019 im SFV-Kader.

Für die Zeit nach dem personellen Umbruch, der mit dem Rücktritt von Stephan Lichtsteiner nun abgeschlossenen ist, hatte Petkovic Shaqiri auf und neben dem Platz eine zentrale Rolle zugedacht. In den letzten 18 Monaten hat Shaqiri aber nicht einmal eine Nebenrolle gespielt. Wenn Petkovic vor der Reise nach Lwiw davon spricht "nicht zu viele Experimente" machen zu wollen, wird dieser Wunsch fürs Erste nicht erfüllt. Gegen die Ukraine und Deutschland fehlt nicht nur Shaqiri, sondern auch Fabian Schär, Denis Zakaria, Admir Mehmedi, Remo Freuler und Edimilson Fernandes. Und damit ist klar: Der Prozess der Entwicklung schreitet voran, aber er bleibt kompliziert.