Ex-FCB-Spieler Benjamin Huggel hilft Profisportlern nach dem Karriereende

Beni Huggel hat das Start-up Athletes Network mitgegründet. Er hilft Sportlern bei der Jobsuche nach der Karriere.

Renato Schatz
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Viele Profisportlerinnen und -sportler müssen sich nach dem Karriereende neu orientieren.

Viele Profisportlerinnen und -sportler müssen sich nach dem Karriereende neu orientieren.

Bild: Getty

«An athlete dies twice» schrieb Silke Nowitzki im April 2019 auf Twitter als ihr Bruder Dirk, der erfolgreichste europäische Basketballer aller Zeiten, seine Karriere beendete. Ein Athlet stirbt zweimal. Einmal mit der allerletzten Sirene, dem finalen Schlusspfiff oder Zieleinlauf. Und einmal als Mensch. Der ehemalige Fussballprofi Beni Huggel sagt:

«Ich habe mich als Sportler definiert, das war meine Identität»
Benjamin Huggel hat sein eigenes Unternehmen gegründet.

Benjamin Huggel hat sein eigenes Unternehmen gegründet.

Bild: Roland Schmid

Der 42-Jährige ist 2012 zurückgetreten. Welt- und Europameisterschaft, Champions League, Bundesliga, Schweizer Meister. Die grosse Bühne, Scheinwerferlicht. Bis der Sportler starb. Und dann?

Giuseppe Mazzarelli, 47, war ebenfalls Schweizer Fussballnationalspieler. Er sagt: «Da ist eine Leere. Vielleicht wie bei einem Süchtigen, der auf Entzug ist.» Ohne Hilfe würde das kaum einer hinkriegen. Diese Hilfe bietet nun Huggel an. Er ist Mitgründer von Athletes Network. Einem Start-up, das ehemalige und aktuelle Spitzensportler beim Übertritt in die Erwerbstätigkeit unterstützen soll. Ebenfalls zum Team gehören Eishockeyspieler Severin Blindenbacher und Skifahrer Niels Hintermann. Sie sind seltener im Zürcher Büro. Training, Match oder Rennen, noch immer die grosse Bühne. Neben HR-Experte Dave Heiniger arbeitet auch Pascal Thrier, ehemaliger Fussballer in St.Gallen und Aarau, für Athletes Network.

Huggel war und wurde gefragt

Huggel hat ein bisschen gefunden, wonach er nicht suchte. Er sagt: «Ich bin neugierig und will für immer Suchender bleiben.» Suchen und finden, fragen und sagen. Actio und reactio. Selbstverständlich, vermeintlich. «Während meiner Sportlerkarriere habe ich das Fragen verlernt.» Huggel war und wurde gefragt. Vom Physiotherapeuten und vom Materialwart, vom Trainer und vom Journalisten. Fragen und sagen. Irgendwann ging das Fragezeichen verloren. Ausrufezeichen. Athletes Network soll dafür sorgen, dass sich Athleten früher fragen. Huggel: «Das übergeordnete Ziel ist es, ein Bewusstsein für die Zeit nach der Profikarriere zu schaffen.» Mazzarelli sagt: «Es ist ein Tabuthema.» Vielen sei das unangenehm. Gibt es Athleten, die Angst haben, wieder Mensch zu sein? Gerade Fussballer kennen nicht viel anderes als den Fussball. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, gegen die Vergänglichkeit des Körpers. Man schreibt von Freistosskünstlern, Kreativspielern, Zauberern. Irgendwie sind viele Sportler auch Künstler, Kreative, Zauberer. «Ein Pass wie ein Gemälde», sagen die Kommentatoren. Dieses Gefühl für Raum und Zeit und Ball. Nur: Wer als Künstler arbeitet, praktiziert oftmals bis ins hohe Alter. Sportlerinnen und Sportler, die über 30 sind, sind alt. Und dann?

Huggel sagt: «Viele fragen sich: Was kommt jetzt noch in meinem Leben? Das hatte ich auch. Ich musste akzeptieren, dass ich den gleichen Kick wahrscheinlich nicht mehr finde.» Aber etwas anderes.

Auch die Unternehmen profitieren

Athletes Network will Sportler und Unternehmen zusammenbringen. Daraus sollen Einblicke entstehen, vielleicht auch Stellen. Später wird das Start-up auch Beratungen anbieten. Doch was hat ein Unternehmen davon, wenn es einen ehemaligen Spitzenathleten einstellt?

Gemäss einer Studie der Hochschule Luzern, gaben 88 Prozent der rund 350 befragten ehemaligen oder aktiven Sportler an, sich vorstellen zu können, in einem anderen Bereich dieselbe Leidenschaft entwickeln zu können. Der Ehrgeiz eint diesen Berufsstand. Huggel: «Sportler können viel besser mit Niederlagen umgehen als andere.» Sie seien zielgerichteter und pragmatischer während einer «Competition». Huggel sagt nicht «Wettkampf». Und spricht «Transition» Englisch aus. Er war viel unterwegs. Früher machte er eine Lehre als Landschaftsgärtner, nach der Karriere einen BWL-Lehrgang. Er trainierte den Nachwuchs in Basel und Luzern und die erste Mannschaft der Black Stars. Er sitzt im Verwaltungsrat der Praxisklinik Rennbahn in Muttenz und im Büro von Athletes Network. Und er ist Experte beim Schweizer Fernsehen. Kameras, die grosse Bühne. Huggel ist noch immer ein Suchender. Jetzt hilft er Sportlern beim Finden. Mazzarelli sagt: «Ich hätte mir das zu meiner Zeit gewünscht.»

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