FC Basel

Die Resultatkrise beim FC Basel hat viel mit fehlendem Mut zum Risiko zu tun

Wicky ist in Rücklage. Der junge, unverbrauchte Trainer aus den eigenen Reihen, bietet das Spektakel-Feuerwerk, welches von ihm erhofft wurde nicht. Die Billanz mit drei Niederlagen in acht Partien ist eine mehr als in der gesamten letzten Meisterschaft.

François Schmid-Bechtel
Drucken
Teilen
FCB-Trainer Raphael Wicky hat Probleme in seinem Job – aber die Probleme hören nicht bei seiner Person auf.

FCB-Trainer Raphael Wicky hat Probleme in seinem Job – aber die Probleme hören nicht bei seiner Person auf.

Freshfocus

Raphael Wicky (40) ist ein properer Mann. Da stimmt irgendwie alles. Erst mal sieht er gut aus. Aber nicht zu gut, was ihn unerreichbar erscheinen liesse. Er spricht gut, aber nicht zu gut, um abgehoben zu wirken. Er gibt sich selbstbewusst, aber nicht so sehr, dass er arrogant rüberkommt. Und als Spieler war er immer wichtig für die Mannschaft, aber nicht so sehr, dass er im Mittelpunkt gestanden wäre. Man könnte auch sagen: Raphael Wicky ist der personifizierte gut helvetische Kompromiss.

Trainer aus den eigenen Reihen

Aber Wicky, unser aller Liebling, weil er partout nie abheben wollte, hat ernsthafte Probleme. Was wurde der FC Basel für seinen Mut gelobt, auf einen Trainer aus den eigenen Reihen zu setzen. Schliesslich sieht man am Beispiel von Hoffenheims Julian Nagelsmann (30), welch wunderbare Geschichte ein eigener, junger und unverbrauchter Trainer schreiben kann. Und man erwartete, dass Wicky nach dem schemenhaften Fussball à la Urs Fischer den FCB in eine Spektakelmaschine verwandelt. Quasi Feuerwerk in der Endlosschlaufe. Aber Wicky ist in Rücklage. Drei Niederlagen nach nur acht Partien ist eine mehr als in der gesamten letzten Meisterschaft.

Wicky hat also Probleme in seinem neuen Job. Aber die Probleme beim FC Basel hören nicht beim Trainer auf. Auch wenn die Personalie Wicky und die angestrebte Verjüngungs- und Identifikationskur der Mannschaft auf eine mutige Strategie schliessen lässt, ist eher das Gegenteil der Fall. Mutig ist der neue FCB nur in einem Punkt: Er hat den Mut, auf Risiken zu verzichten. Man könnte auch sagen: Der FCB zieht den sicheren Querpass dem riskanten Steilpass vor.

Wicky hat den Mut, auf Risiken zu verzichten. epa06198647 Basel's head coach Raphael Wicky leads a training session at the Old Trafford Stadium, in Manchester, Britain, 11 September 2017. FC Basel 1893 will face Manchester United in the UEFA Champions League group A soccer match on 12 September 2017. EPA/ANTHONY ANEX

Wicky hat den Mut, auf Risiken zu verzichten. epa06198647 Basel's head coach Raphael Wicky leads a training session at the Old Trafford Stadium, in Manchester, Britain, 11 September 2017. FC Basel 1893 will face Manchester United in the UEFA Champions League group A soccer match on 12 September 2017. EPA/ANTHONY ANEX

ANTHONY ANEX

Als junger Spieler galt Wicky als Wunderknabe. Mit 16 in der ersten Mannschaft des FC Sion. Mit 19 im Nationalteam. Mit 20 der Wechsel in die Bundesliga zu Werder Bremen. Ein Emporkömmling. Aber bodenständig trotz allem. Auch wenn sein Spiel zu dieser Zeit nicht nur erstaunlich abgeklärt, sondern auch dynamisch und fantasievoll ist. Man kann sich den jungen Wicky gut als Chefstratege der Schweizer Nationalmannschaft für die nächsten zehn Jahre vorstellen. Es kommt anders.

Der Teamplayer

In Deutschland spezialisiert sich der Walliser bald als Teamplayer und Arbeiter. Die braucht es in jeder Mannschaft. Sie sind wichtig für die Balance und die Organisation im Team. Aber das sind meist auch die Spieler, die weder ganz vorne noch ganz hinten, also dort, wo im Fussball entscheidendes passiert, Verantwortung übernehmen müssen. Von einem wie Wicky erwartet man weder Tore, Assists noch Kabinettstückchen, sondern saubere Arbeit. Allein das bietet die Möglichkeit zur Diskretion.

Im optimalen Fall kriegt jeder Fussballer die Rolle, die seinem Charakter entspricht. Wicky passt der Mantel des teamorientierten Fussballarbeiters wie angegossen. Gute Teamplayer, und das ist Wicky zweifellos, entwickeln ein herausragendes Sensorium für die Bedürfnisse eines Teams. Symptomatisch deshalb, dass Wicky im Nationalteam auch als integrativer Moderator gerühmt wird. «Als ich später in Deutschland, in Spanien und in der Nati spielte, sah ich mich nie als etwas Besseres», sagte er einst der NZZ.
Der Wechsel vom Spieler zum Trainer kann eine Metamorphose bewirken. Sprich: So wie ich als Spieler gespielt habe, will ich als Trainer nicht spielen. Aber der Charakter, das Wesen, das bleibt.

Cheftrainer Raphael Wicky war schon als Spieler stets Bodenständig.

Cheftrainer Raphael Wicky war schon als Spieler stets Bodenständig.

Freshfocus

Obwohl sich die Öffentlichkeit kaum ein Bild seiner Arbeit als U21-Trainer gemacht hat, galt Wicky in Basel als grosses Trainertalent, als Hoffnungsträger. Warum? Weil er sympathisch, nahbar, einer von uns ist. Aber auch, weil er keiner dieser Egomanen und Profilneurotiker ist, von denen es im Fussball wimmelt. Wicky ist einer, den man sich prima als guten Kumpel vorstellen kann. Aber ist das alles vielleicht zu anständig, zu brav, zu uneigennützig, zu normal um als FCB-Dompteur von den Raubtieren verschont zu werden?
Erfolg hat Wicky bislang nicht. Vielleicht auch, weil er mit Massimo Lombardo einen Assistenten an seiner Seite hat, der wie er selbst jung und auf diesem Level als Trainer unerfahren ist.

Andere junge Trainer, die heute gross sind, haben auf erfahrene Assistenten gesetzt. Pep Guardiola beispielsweise. Er war 37, als er von Barcelona B zu Barcelona A aufstieg. Einer seiner vier Assistenten war Johan Neeskens, 20 Jahre älter.
Der FCB hat auf vielen Ebenen innert kürzester Zeit viel Substanz verloren. Das verleitet gar, ein 0:3 in Manchester als kleinen Erfolg zu werten, was alarmierend, ja besorgniserregend ist.

Sicherheit geht vor

Die enttäuschenden Resultate können beim FCB aber nicht mit dem Mut zum Risiko erklärt werden. Denn wo besteht das Risiko bei Wicky? Schliesslich war er zuvor vier Jahre im FCB-Nachwuchs tätig. Über keinen anderen Kandidaten für die Nachfolge von Urs Fischer sollte das Bild der FCB-Führungscrew klarer sein als jenes über Wicky. Die mutigere Variante wäre ein Trainer, der keine Geschichte in Basel hat. «Mut zum Risiko» wäre einer, dessen Ego, Leistungsausweis und Anspruchshaltung allein das Stadion füllt.

Auch wird die Strategie, vermehrt auf junge und/oder in Basel verwurzelte Spieler zu setzen, häufig als mutig bezeichnet. Aber man kann es auch anders sehen. Die Transferpolitik ist – mit der Ausnahme Ricky van Wolfswinkel – von Sicherheitsdenken und 08/15-Ideen geprägt. Beispielsweise Albian Ajeti. Da will man tatsächlich einen Spieler zurückholen, der eineinhalb Jahre zuvor sportlich und charakterlich für zu wenig stark befunden wurde. Aber mit letzter Konsequenz will man Ajeti dann doch nicht verpflichten – zu teuer, zu riskant.

Albian Ajeti stand kurz vor seiner Rückkehr zum FC Basel.

Albian Ajeti stand kurz vor seiner Rückkehr zum FC Basel.

Keystone

Sicher hat der FCB das Pech, dass seine Spieler auf dem Transfermarkt nicht hoch gehandelt werden und deswegen keine natürliche Fluktuation eingesetzt hat. Denn die regelmässige Umwälzung im Team war ein wichtiger Faktor auf dem Weg zu acht Meistertiteln in Serie. Aber auch das gehört zum Anforderungsprofil einer sportlichen Leitung: Spieler gewinnbringend verkaufen zu können.

Der FCB krankt an seinem auf Sicherheit basierenden Plan. Von Vorwärtsstrategie ist nichts zu spüren. Nicht mal verwalten will man. Zur Erinnerung: 2009, am Anfang der beispiellosen Erfolgsserie unter Ex-Präsident Bernhard Heusler steht das Risiko. Thorsten Fink ersetzt Erfolgstrainer Christian Gross und um Alex Frei verpflichten zu können (Heusler: «Das war wohl unsere riskanteste Aktion»), nimmt der FCB ein Darlehen auf.