WM14
Deutscher Zittersieg: «Mir ist völlig wurscht wie, wir sind unter den letzten Acht»

Deutschland schrammt haarscharf an einer Blamage vorbei und schlägt Algerien erst nach Verlängerung mit 2:1. In ersten Interviews nach dem Spiel zeigen sich die Deutschen genervt.

Merken
Drucken
Teilen
André Schürrle erlöst Deutschland in der zweiten Minute der Verlängerung
30 Bilder
Das deutsche Team erleichtert nach dem Spiel
Deutschland steht im Viertelfinal
Die Algerier, im Bild Feghouli, haben ein grossartiges Spiel gezeigt!
Die Algerier forderten den Deutschen alles ab Doch das nützt nichts, die Spieler sind kaum zu trösten
Der Ärger bei den Algeriern über eine grosse verpasste Chance
Algerien erzielt in der letzten Minute noch den Anschlusstreffer
Özil erhöht zum 2:0
Özil nach dem 2:0-Treffer
André Schürrle bringt Deutschland in der zweiten Minute der Verlängerung in Führung
Joker Schürrler kam nach der Pause für Götze und rettet Deutschland
Deutschland und Algerien geht in die Verlängerung
Müller scheitert in der Schlussphase mit zwei Grosschancen
Deutschland muss in die Verlängerung
Mustafi zog sich eine muskuläre Verletzung zu und musste durch Khedira ersetzt werden
Mustafi muss mit der Bahre abtransportiert werden
Thomas Müller scheitert in der 80. Minute gleich zwei Mal mit Grosschancen
Slimani scheitert an Neuer, der einen Ausflug riskiert
Slimani fordert immer wieder die deutsche Abwehr
Khedira nur auf der Bank, kann aber trotzdem lachen
Das Team der Algerier
Die DFB-Elf zu Beginn des Spiels
Deutschland-Algerien, Achtelfinal: Die Bilder zum Spiel

André Schürrle erlöst Deutschland in der zweiten Minute der Verlängerung

Keystone

Deutschland hat in den WM-Achtelfinals mit Müh und Not eine Blamage verhindert. Das Team von Joachim Löw setzte sich in Porto Alegre gegen ein aufopferungsvoll kämpfendes Algerien erst in der Verlängerung 2:1 durch und trifft nun in den Viertelfinals auf Frankreich.

«Mir ist völlig wurscht, wie - wir sind unter letzten Acht, und nur das zählt», sagte Per Mertesacker nach dem Spiel genervt über die kritischen Fragen der Journalisten. «Was wollen Sie? So kurz nach dem Spiel kann ich die ganze Fragerei nicht verstehen. Wir sind weiter, wir sind happy. Unter den letzten 16 gibt es keine Karnevalstruppen mehr, die haben uns nichts geschenkt.»

Tatsächlich haben die Algerier die Deutschen fast zu Clowns gemacht und für eine Sensation gesorgt.

Knapp 92 Minuten dauerte es, bis André Schürrle den algerischen Abwehrriegel erstmals knacken und den überragenden afrikanischen Torhüter Rais Mbolhi überwinden konnte.

Der Flügel des FC Chelsea lenkte einen Querpass von Thomas Müller mit dem Absatz ins Tor zum 1:0 für den haushohen Favoriten, dem bei garstigen Bedingungen und bei nur 15 Grad in Porto Alegre vom krassen Aussenseiter alles abverlangt wurde.

Mesut Özil entschied mit dem 2:0 kurz vor Schluss die Partie endgültig, der Anschlusstreffer von Abdelmoumene Djabou in der Nachspielzeit kam zu spät.

Löw: Sieg der Willenskraft

Bundestrainer Jogi Löw mag vorerst keine Kritik üben, sondern ist froh, überhaupt gewonnen zu haben: «Nach so einem Spiel muss man erst einmal durchschnaufen. Das war am Ende ein Sieg der Willenskraft. Soll ich mich ärgern, dass wir die nächste Runde erreicht haben? Ich freue mich über den Einzug in die nächste Runde, was denn sonst.»

Die neben Brasilien vor der WM als Topfavoriten gehandelten Deutschen hatten sich 120 Minuten lang gegen den unbequemen Aussenseiter enorm schwer getan.

Nachdem sie in der ersten halben Stunde unsicher und uninspiriert aufgetreten waren, begannen sie erst kurz vor der Pause die Spielkontrolle langsam an sich zu reissen. Die erste gute Torchance vergab Mario Götze, als er nach einem Weitschuss von Toni Kroos mit dem Abpraller an Mbolhi scheiterte.

Auch nach der Pause der regulären Spielzeit wehrte sich der Aussenseiter mit aller Macht gegen einen Verlusttreffer, allen voran Mbolhi. Der 28-jährige Torhüter von CSKA Sofia parierte den Abschlussversuch Schürrles (48.), den Kopfball von Shkodran Mustafi (49.), den Schuss von Philipp Lahm (55.) und den Kopfball von Müller (80.) mirakulös.

Die Fennecs (Wüstenfüchse) verdienten sich in ihrem ersten WM-Achtelfinal mit ihrem Kampfgeist und bedingungslosen Einsatz allen Respekt.

Sie waren gegen den haushohen Favoriten von Beginn an frech aufgetreten, verteidigten sich geschickt und bereiteten dem dreifachen Weltmeister mit schnell vorgetragenen Gegenangriffen immer wieder Schwierigkeiten.

Vor allem Islam Slimani deckte die Schwächen in der deutschen Defensive auf und stellte die Innenverteidiger Per Mertesacker und Jerôme Boateng, der den kranken Mats Hummels im Zentrum ersetzte, mit seiner Schnelligkeit immer wieder vor Probleme.

Viermal musste Manuel Neuer ausserhalb des Strafraums in höchster Not retten. In der 39. Minute bekundete der Bayern-Keeper Glück, als Boateng den Schuss von Mostefa unhaltbar ablenkte, der Ball aber knapp neben dem Pfosten vorbeiging.

Sofiane Feghouli und Slimani hatten Mitte der zweiten Halbzeit innerhalb von 60 Sekunden jeweils die Chance zum Führungstreffer und zur möglichen Sensation. Löw musste neben dem erkrankten Hummels, der im Teamhotel geblieben war, auch auf den verletzten Lukas Podolski verzichten.

Im defensiven Mittelfeld setzte er erneut auf Bastian Schweinsteiger, der bereits im letzten Gruppenspiel gegen die USA Khedira verdrängt hatte. Den fünfköpfigen Bayern-Block in der Offensive komplettierte auf der linken Seite Götze, der ins Team zurückkehrte, nach einem schwachen Auftritt nach der Pause aber Schürrle Platz machen musste.

Algeriens Trainer Halilhodzic hatte im Vergleich zu den beiden erfolgreichen Partien gegen Südkorea (4:2) und Russland (1:1) fünf (!) Änderungen in der Startformation vorgenommen.

Nun gegen Frankreich

Der Sieg nach Verlängerung war Deutschlands erster Erfolg überhaupt in einem Länderspiel gegen die Nordafrikaner. Neben der Pleite an der WM 1982 in Gijon hatten die Deutschen auch 1964 das bisher einzige Testspiel gegen Algerien in Algier verloren. Seit der Einführung der K.o.-Phase 1986 in Mexiko überstand Deutschland immer die Achtelfinals.

Im Viertelfinal kommt es nun am Freitag im Maracanã in Rio de Janeiro zum prestigeträchtigen rein europäischen Duell gegen Frankreich. Dreimal standen sich die beiden ehemaligen Weltmeister an einer WM-Endrunde bisher gegenüber, 1958 setzte sich Frankreich im Spiel um Platz 3 durch, 1982 und 1986 jeweils im Halbfinal siegte Deutschland.

Für Algerien wiederholte sich trotz einer leidenschaftlichen und grandiosen Leistung die Geschichte nicht. Vor 32 Jahren hatten die Algerier an ihrer ersten WM-Teilnahme den damaligen Europameister in Gijon sensationell 2:1 besiegt. Rabah Madjer und Lakhdar Belloumi, die algerischen Torschützen von damals, gingen in die algerische Fussball-Geschichte ein.

Später schieden die Nordafrikaner trotz zwei Siegen nach der Vorrunde aus, weil sich Deutschland und Österreich in der "Schande von Gijon" auf ein 1:0 einigten und damit auf Kosten Algeriens den Einzug in die Zwischenrunde schafften.

Deutschland - Algerien 2:1 n.V. (0:0, 0:0)

Beira-Rio, Porto Alegre. - 43'063 Zuschauer. - SR Ricci (Br). - Tore: 92. Schürrle 1:0. 119. Özil 2:0. 121. Djabou 2:1.

Deutschland: Neuer; Mustafi (69. Khedira), Mertesacker, Boateng, Höwedes; Lahm; Schweinsteiger (109. Kramer), Kroos; Özil, Müller, Götze (46. Schürrle).

Algerien: Mbolhi; Mandi, Belkalem, Halliche (97. Bouguerra), Ghoulam; Mostefa, Lacen; Feghouli, Taider (78. Brahimi), Soudani (100. Djabou); Slimani.

Bemerkungen: Deutschland ohne Hummels (krank) und Podolski (verletzt). 17. Kopfball-Tor von Slimani wegen Offside aberkannt. 68. Mustafi verletzt ausgeschieden. - Verwarnungen: 42. Halliche (Foul). 107. Lahm (Foul).