Fussball

Axel Thoma: «Kesselflicker? Das kann man so sehen»

Sportchef Axel Thoma sieht den grossen Umbruch bei den Grasshoppers im nächsten Sommer als Chance. Es gibt viele offene Baustellen beim GC-Klub, welche man bis dann aber noch anpacken muss.

François Schmid-Bechtel
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Ob Axel Thoma diese Sorgenfalten schon vor seinem Amt als Sportchef bei GC gehabt hat?

Ob Axel Thoma diese Sorgenfalten schon vor seinem Amt als Sportchef bei GC gehabt hat?

Keystone

Wie hat sich Ihr Leben verändert, seit Sie von Wil zu GC gewechselt sind?
Axel Thoma: Ich habe zehn Kilometer weniger Arbeitsweg. Und ich habe etwas weniger Zeit für die Familie. Seit das Transferfenster geschlossen ist, hat die Arbeitsbelastung allerdings wieder etwas abgenommen.

Also müssen Sie jetzt stressfrei, aber ohnmächtig auf den Ligaerhalt hoffen?
Den sportlichen Stress spüre ich natürlich auch. Denn es geht darum, dass wir jeden Tag um das sportliche Überleben kämpfen müssen. Ich spüre allerdings keine Ohnmacht. Ich kann jederzeit unterstützend mitwirken. Ich unterstütze den Staff, schaue, dass die Mannschaft funktioniert.

Ist GC ein Abstiegskandidat?
Die Tabelle sagt Ja. Aber wenn ich das Potenzial unserer Mannschaft anschaue, ist GC kein Abstiegskandidat.

Der Unterschied zum FC Aarau beschränkt sich doch auf Stürmer Munas Dabbur.
Das ist zu einfach.

Was gibt Ihnen Mut in der aktuellen Situation?
Im Spiel gegen den FC St. Gallen konnten wir individuellen und kollektiven Fortschritt in Punkte umwandeln, wobei die Handschrift von Cheftrainer Pierluigi Tami von Spiel zu Spiel deutlicher zu erkennen ist. Wir sind inmitten eines Veränderungsprozesses und spüren einen Positivtrend. Diese Entwicklung stimmt mich positiv.

Und das reicht, um die Klasse zu halten?
Dafür arbeiten wir Woche für Woche sehr hart.

Wie konnte es so weit kommen, dass aus GC ein Klub geworden ist, der sich nach hinten orientieren muss?
Das ist eine komplexe Sache. Ausserdem kenne ich die Vergangenheit nicht im vollen Umfang. Ich sehe Verträge, ich sehe die Korrespondenz und kann mir nur so ein Bild machen. Ich denke, dass man sich auch intern hat blenden lassen und nach aussen der Marke GC hat gerecht werden wollen. Man hat sich übernommen, woraus finanzielle und sportliche Probleme entstanden sind.

GC bewegt sich seit Jahren im Wellental. Wie kann man GC stabilisieren?
Es braucht in erster Linie personelle Kontinuität und Geduld. Der Grasshopper Club Zürich muss nun bereit sein, die geschaffenen Strukturen greifen zu lassen und mit Geduld und Beharrlichkeit den eingeschlagenen Weg weiterzuverfolgen.

Auf welcher Stufe?
Auf jeder Stufe des Unternehmens. Ideen, egal, von wem sie kommen, sollen Zeit haben zu greifen.

Das ist doch bei GC mit den vielen Owners blosses Wunschdenken.
Das sehe ich ganz anders. Die Owners machen viele gute Dinge. Wenn es sie nicht gäbe, müssten wir gar nicht mehr über GC reden. Natürlich: Wenn einer so viel Geld bezahlt, kann es ihm doch nicht egal sein, was im Klub vorgeht. Es liegt an uns – Präsident Anliker, Geschäftsführer Huber und mir – die Owners stets mit ins Boot zu nehmen. Sie vielleicht auch mal um Rat zu fragen. GC ist ein ganzheitliches Team.

Wo kann man GC positionieren?
GC muss dort positioniert werden, wo es die finanziellen und sportlichen Mittel realistisch erlauben. Wir müssen lernen, mit den Mitteln zu arbeiten, die uns zur Verfügung stehen. Dazu gehört gutes Management, eine Mannschaft, die dem Budget des Klubs entspricht und eine nachhaltige Finanzierung, GC ist eine äusserst wertvolle Marke im Schweizer Fussball. Schritt für Schritt werden wir den Klub wieder an die erfolgreiche Zeit heranführen. Dies braucht aber Zeit und Geduld.

Mein Eindruck: Bis jetzt waren Sie bei GC nicht der grosse Visionär, sondern der Kesselflicker.
Das war bisher vielleicht so. Doch man kann nicht einfach den Reset-Knopf drücken und auf Anfang schalten. Aber ich konnte wenigstens in jene Richtung korrigieren, wie es meinen Vorstellungen vom GC der mittelfristigen Zukunft entspricht.

Was sind denn Ihre Vorstellungen?
GC soll intern geeint, finanziell gesund und sportlich attraktiv sein. Und es soll gut und vernünftig gewirtschaftet werden. GC darf nicht wie bisher jedes Jahr finanzielle Löcher aufreissen. Und es soll auch nicht jedes Jahr das Tafelsilber verscherbelt werden müssen, um die finanziellen Löcher zu stopfen. Beim FC Wil war der finanzielle Rahmen noch enger. Aber auch dort ist es mir gelungen, mit innovativen Ideen eine konkurrenzfähige Mannschaft zusammenzustellen.

Man hat Sie nicht als Kesselflicker geholt, sondern als Sportchef, der Nachhaltigkeit garantiert. Deshalb die Frage: Wie befriedigend ist es momentan für Sie bei GC?
Bis jetzt musste ich mich eher mit Symptom- statt mit Ursachenbekämpfung auseinandersetzen. Aber ich sehe heute, dass GC mit jeder kleinen Baustelle, die wir beheben, besser wird. Das stimmt mich zuversichtlich. Doch wie gesagt, wir brauchen Zeit und Geduld.

Ihr Plan ist es, das Tafelsilber nicht mehr zu verkaufen. Nur: Wie will GC ohne Transfererlöse über die Runden kommen?
Mir geht es darum, dass wir nicht mehr gezwungen sein sollen, das Tafelsilber zu veräussern, nur um den Verein zu retten. Klar, wenn ein Bundesligist fünf, sechs Millionen für einen unserer Spieler bietet, müssen wir diesen Deal eingehen.

Hat GC heute überhaupt noch Tafelsilber?
Wenn man einen Wald rodet, muss man wieder Setzlinge setzen. Da gibt es Verbesserungspotenzial.

Ich hätte erwartet, Sie würden Dabbur als Tafelsilber nennen.
Munas Dabbur ist ein sehr wertvoller Spieler.

Dabbur ist begehrt. Dazu laufen Ende Saison zwölf Verträge aus. Sie blicken einem schwierigen Sommer entgegen.
Ich bin mir dieser bevorstehenden Herausforderung bewusst.

Das ist ja fast schon wie bei Ihrem früheren Arbeitgeber Wil.
Vorsicht! In Wil ist es vor meiner Zeit noch nie vorgekommen, dass beim Trainingsauftakt mehr als acht Spieler auf dem Platz gestanden sind. Aber zurück zu GC: Ich sehe den grossen Umbruch im Sommer als Chance.

Aber die Chance, mit Spielern wie Lang, Abrashi oder Gülen zu verlängern, ist gleich null.
Ich weiss es nicht. Denn ich weiss nicht, was im Hintergrund läuft. Wenn ein Spieler einen auslaufenden Vertrag hat, muss mich der interessierte Verein nicht kontaktieren.

Sind es krasse Management-Fehler, wenn Spieler ablösefrei wechseln können, die bei GC den Sprung zum Nationalspieler geschafft haben?
Vielleicht hat es sich GC nicht leisten können, mit diesen Spielern zu verlängern. Denn eine Vertragsverlängerung geht nur übers Geld. Wie viel Ablöse hat Bayern für Lewandowski bezahlt?

Nichts.
Sehen Sie? Ich muss davon ausgehen, dass uns die Spieler mit auslaufenden Verträgen verlassen werden. Ich gehe aber auch davon aus, dass ich gleichwertigen Ersatz finden werde. Wenn wir den einen oder anderen Spieler doch noch halten können, umso besser.

Sie haben aus dem FC Wil ein Versuchslabor gemacht. Als ich Sie mal dort besucht habe, war Ex-FCZ-Stürmer Emra Tahirovic im Training, aber mit geschätzten 110 Kilo. Und Sie sagten: «Entweder er packt es nochmals oder nicht.»
Ich wollte einen, der dicker ist als ich (lacht).

Können Sie sich solche Experimente bei GC auch leisten?
Warum nicht?

Für den Moment wirkt GC tatsächlich als Experimentierfeld. Sie reaktivieren Lüthi. Sie holen mit Vadocz einen Spieler, der zuletzt in Indien gespielt hat.
Ich denke die Mischung machts aus. Wir haben nebst «exotischen» Transfers mit Benjamin Lüthi, Gregory Wüthrich und Matteo Fedele auch bekannte Gesichter aus der Schweiz verpflichtet.

Nur: Bei Wüthrich hat GC keine Kaufoption. Man entwickelt quasi Spieler der Konkurrenz. Das kann für GC kein adäquater Weg sein.
Die Verpflichtung von Wüthrich macht für uns dann Sinn, wenn er uns in dieser Saison helfen kann.

Sie sehen bei GC die gleichen Experimentiermöglichkeiten wie bei Wil?
Nein, das nicht. Aber ein Experiment pro Saison erlaube ich mir. Wir können nicht die Philosophie des FC Basel oder des FC Bayern München kopieren. Nein, wir müssen unseren eigenen Weg finden. Wir müssen im eigenen Haus produzieren. Und das bedingt, dass man auch mal ein Experiment wagt.

Pierluigi Tami ist ein bedauernswerter Trainer. Er kommt neu zu GC mit der Vorstellung, Vero Salatic zu seiner zentralen Figur zu machen. Doch Salatic hat GC vor dem Rückrundenstart verlassen.
Ich hätte Vero Salatic gerne behalten, weil er ein wichtiger Spieler war. Aber am Schluss war er nicht mehr tragbar. Hätten wir Salatic nicht transferiert, wäre der Schaden grösser gewesen als der Nutzen. Das hat auch Tami so gesehen.

Was lernen Sie aus der Affäre Salatic?
Man muss Anzeichen erkennen und so schnell wie möglich dagegen wirken, damit man nicht gegen die Wand fährt.
Aus Ihren Worten hört man: Den Fall Salatic hätte man ohne Kollateralschaden lösen können?
Absolut. Aber nicht nur mit zwei, drei Massnahmen.