Super-Joker

6 Tore in 81 Minuten – darum lässt Trainer Lucien Favre Stürmer Pablo Alcácer trotzdem nicht von Beginn an ran

Nach seinen zwei Toren beim 4:2-Sieg gegen Leverkusen vor einer Woche hat Borussia Dortmunds Neuzugang Paco Alcácer beim Spektakel-4:3 gegen Augsburg am vergangenen Samstag nun gar dreimal getroffen. Sechs Tore hat der 1,76-Meter kleine Stürmer in 81 Minuten (drei Joker-Einsätze) nun schon erzielt – alle 13,5 Minuten zappelt der Ball im Netz.

Philipp Reich
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Er trifft und trifft und trifft – Paco Alcácer fühlt sich in Dortmund offenbar pudelwohl.

Er trifft und trifft und trifft – Paco Alcácer fühlt sich in Dortmund offenbar pudelwohl.

Keystone

«Einen Stürmer mit einer solchen Torquote hat die Bundesliga noch nie gesehen!», jubelt die «Bild»-Zeitung und rechnet vor: Wenn er immer durchspielen würde, käme er Ende Saison auf 186 Tore. Doch schon jetzt führt Alcácer die Torjägerliste an.

Favre gibt Alcacer Zeit

Trainer Lucien Favre kommt aus dem Schwärmen fast nicht mehr raus: «Paco ist ein sehr, sehr guter Spieler. Er spürt den Fussball einfach und bewegt sich gut. Ausserdem ist er sehr geschickt vor dem Tor. Ein sehr, sehr, sehr guter Transfer.» Und Manager Michael Zorc weiss: «Das ist alles andere als Zufall. Paco hat eine unglaubliche Schusstechnik. Der Ball fliegt wie ein Stein runter.»

   

  

SRF

Aber warum spielt ein Mann mit einer solchen Torquote nicht ständig durch? Favre dazu: «Paco hat am Mittwoch in der Champions League 90 Minuten gespielt, zuvor hatte er seit drei Jahren kein ganzes Spiel mehr bestritten. Deshalb ist es nicht möglich, ihn ständig von Beginn an zu bringen. Aber er ist immer bereit, 30 bis 35 Minuten zu spielen.»

Stimmt nicht ganz, Alcácer spielte in den letzten beiden Saisons in Barcleona neunmal über 90 Minute. Aber Favre will sein neues Stürmerjuwel halt behutsam an die Mannschaft heranführen. Und das hat sich bisher ausbezahlt.

Alcácer stellt 55-jährigen Rekord ein:

Nur die dritte Geige in Barcelona

Der BVB holte den kombinationsstarken Mittelstürmer, der als bodenständig und frei von Starallüren gilt, erst kurz vor Transferschluss leihweise vom FC Barcelona. Dort stand der 25-jährige Familienvater stets im Schatten von Lionel Messi und Luis Suarez und erhielt kaum eine Chance, sich zu beweisen. Zwei Millionen Euro überwies der BVB für ein Jahr nach Katalonien, hat aber eine Kaufoption. Für 22 Millionen Euro könnte Alcácer am Ende der Saison fix nach Dortmund wechseln.

Bei Barcelona stand Pablo Alcácer oft im Schatten der beiden Top-Stürmer Lionel Messi und Luis Suarez.   

Bei Barcelona stand Pablo Alcácer oft im Schatten der beiden Top-Stürmer Lionel Messi und Luis Suarez.   

Keystone

Genau das kann sich der flinke Spanier auch vorstellen. Nach dem Augsburg-Spiel sagte er: «Ich fühle mich sehr wohl in Dortmund. Ich kann mir auch vorstellen, über das Jahr hinaus bei Borussia Dortmund zu bleiben. Tore sind mir wichtig, aber wichtiger ist die Freude innerhalb der Mannschaft.» Mit Ehefrau Beatriz Viana und der einjährigen Tochter Martina hat er ein Haus im Dortmunder Umland bezogen und nimmt auch Deutschunterricht.

Schicksalsschlag und Basel-Zauber

Jetzt geht es für ihn erstmals seit zweieinhalb Jahren wieder zur spanischen Nationalmannschaft. Zurück zu den Wurzeln! In der U19-Auswahl ging sein Stern einst auf, 2011 und 2012 wurde er mit der «Rojita» jeweils Europameister. Im Januar 2012 gab Alcácer schliesslich sein LaLiga-Debüt für Valencia – nur ein halbes Jahr, nachdem sein Vater mit 44 Jahren bei einem Spiel des Sohnes einen Herzinfarkt erlitt und noch im Stadion verstarb.

«Das traf mich hart, ich war erst 18. Sein Tod kam wie aus dem Nichts. Ich konnte mich nicht einmal mehr verabschieden», sagte Alcácer einst über den Schicksalsschlag. «Aber der Tod meines Vaters gab mir die Kraft, weiterzukämpfen und die Dinge anders zu sehen.»

Bei Valencia machte sich Alcácer bald einen Namen. In 124 Spielen für die «Murciélagos» (Fledermäuse) erzielte der Rechtsfuss 43 Tore. Sein bestes Spiel lieferte er ausgerechnet gegen einen Schweizer Klub ab. Dank seinem Hattrick beim 5:0 im Rückspiel schaffte Valencia 2014 im Europa-League-Viertelfinal gegen den FC Basel nach dem 0:3 im Hinspiel noch die Wende.

Von Vergötterung bis zum «Judas»

Wenig später wurde Alcácer erstmals für die Nationalmannschaft aufgeboten, 2016 war er mit fünf Toren in der Qualifikation für die EM in Frankreich Spaniens bester Torschütze. Bei Valencia trug er mittlerweile die Captainbinde und wurde von den Fans vergöttert. Dann folgte der Absturz: Am letzten Tag des Sommer-Transferfensters 2016 unterschrieb er aus heiterem Himmel beim FC Barcelona. Valencias Anhänger gingen auf die Barrikaden, beschimpften ihn als «Judas».

Bleibt für Dortmund zu hoffen, dass Alcácer die Chance zu schätzen weiss, die ihm der BVB nun gegeben hat. Wenn er so weiter trifft, wird ihn Barcelona im Sommer ziemlich sicher zurück haben wollen. Und die englischen Klubs werden Schlange stehen.