WM 2018
37 Stunden lang und 2500 Kilometer weit: Völkerverständigung im Sotschi-Express

Die 37-stündige Bahnfahrt von Sankt Petersburg über 2500 Kilometer in den Süden Russland ist der Hammer. Und dies, obwohl die Zufgfahrt zu Beginn einem Albtraum ähnelt...

Markus Brütsch, Sotschi
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Die Zugführerin kennt kein Pardon: Nur wer eine Fan-ID und ein Matchticket vorweist, fährt mit in den Süden ans Schwarze Meer.

Die Zugführerin kennt kein Pardon: Nur wer eine Fan-ID und ein Matchticket vorweist, fährt mit in den Süden ans Schwarze Meer.

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Es ist ein Albtraum. Kaum hat sich der Zug in Bewegung gesetzt, beginnt es im engen Viererabteil zu stinken. Nikita, Shawn und Ansuman essen Kebabs, die alles enthalten, was die Luft verpestet. Noch 37 Stunden bis Sotschi...
Die russische Bahn führt die Fans bei dieser WM gratis an die Spielorte. Bedingung: Fan-ID und Matchticket. Unser Trip führt von Sankt Petersburg im hohen Norden über 2500 Kilometer nach Sotschi im tiefen Süden Russlands. Es erstaunt, wie viele Fussballanhänger diese Monsterfahrt auf sich nehmen. Es spielen ja nicht Brasilien oder Spanien, sondern Australien und Peru.

«Wir freuen uns vor allem auch aufs Schwarze Meer und wollen Party machen», sagt Nikita. Er, Shawn und Ansu sind Freunde und teilen sich mit mir den Schlag mit den vier Pritschen. Die drei sind während eines Monats in Russland unterwegs und ich merke schnell: «Diese Jungs sind – Kebab hin oder her - schwer in Ordnung. «Als ich meine Brasilianer gegen Costa Rica live spielen sah, war das der grösste Tag in meinem Leben», sagt Shawn.

Drei Kumpels aus Russland und Kanada: Ansu, Shawn und Nikita (v.l.)   

Drei Kumpels aus Russland und Kanada: Ansu, Shawn und Nikita (v.l.)   

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Traum vom Fifa-Schiedsrichter

Er ist wie die anderen 30-jährig und kommt aus Victoria in Kanada, nahe Vancouver. «Das ist meine erste grosse Reise», sagt Shawn, der beruflich Küchen ausliefert und Fussballschiedsrichter ist. «Ja, ich bin Halbprofi und leite an einem Wochenende manchmal sechs Spiele. Mein Traum und Ziel ist es, Fifa-Schiedsrichter zu werden.»
Shawn, der kein Russisch spricht, ist froh, Nikita und Ansu dabei zu haben. Ersteren hat er vor elf Jahren in seinem Fussballklub kennen gelernt, nachdem Nikita mit seiner Mutter nach Kanada ausgewandert war. «Ich wuchs in Moskau zusammen mit Ansu auf», sagt Nikita, der zu Hause Klimaanlagen verkauft. Ansus Vater stammt aus Guinea, die Mutter kommt aus Kasan. «Früher wurde ich wegen meiner Hautfarbe oft angefeindet. Aber der Rassismus ist in Russland fast verschwunden», sagt Ansu. «Ich fühle mich als Russe und habe als Boxtrainer einen fantastischen Job.»

Die ersten Stunden vergehen im Nu. Bald erreichen wir die Stadt Tver. Es ist der erste von nur vier Stopps auf der ganzen Route. Exakt eine Minute dauert für meine neuen Freunde die Gelegenheit, auf dem Bahnsteig eine Zigarette zu rauchen. Der nächste Halt: in 21 Stunden(!) in Rostow am Don.

Gespräche über Gott, die Welt und Putin

Die erste Nacht geht schnell vorüber. Nikita hat einen «Jameson Irish Whiskey» aus seinem Rollkoffer gezaubert. Bei Gesprächen über Gott, die Welt und Putin sinkt der Pegel in der Flasche, und als diese leer ist, fällt das Einschlafen nicht mehr schwer.

Khaleel   

Khaleel   

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Um acht aber bin ich wach und brauche einen Kaffee. Im Bordrestaurant treffe ich Khaleel. Der 65-jährige Australier ist zusammen mit seinem Sohn in Sankt Petersburg gewesen, um die Brasilianer zu sehen. «Doch jetzt ist er auf der Heimreise. Es ist crazy: mein Sohn braucht weniger lang, um nach Brisbane zu gelangen, als ich bis nach Sotschi», sagt Khaleel. «Ich habe halt den Zug gewählt, weil ich die Landschaft sehen will.»

Nun breitet Khaleel sein Leben vor mir aus. «Ich komme aus einer christlichen Gemeinde im Norden des Irak, verliess aber 1995 das Land. Aus ökonomischen Gründen, nicht wegen Saddam Hussein», erzählt Khaleel. Unter ihm sei das Land sicherer und weniger korrupt gewesen als heute. «Ich habe dann in England studiert und bin danach mit der Familie nach Brisbane gezogen, wo ich heute an der Universität IT lehre.» Seine Schwester lebe weiter im Irak. Khaleel wird traurig, als er über den Tod seiner Frau spricht, die 51-jährig an Krebs verstorben sei. Dann verabschiedet er sich. Er müsse noch für die Uni arbeiten. Dabei haben wir ja noch gar nicht über Fussball geredet ...

Wie ein Film

Es ist elf Uhr. Noch 23 Stunden bis Sotschi. Meine Abteilkollegen schlafen noch immer. Draussen fliegt wie in einem Film Russland vorbei: viel Wald, manchmal eine Strasse und bisweilen ein Dorf, oft versteckt hinter Bäumen. Der Zug rast nicht, ist kein echter Express und manchmal ruckelt er gar aufreizend langsam dahin. Einmal kreuzt uns ein Güterzug so lange, dass man denkt, er müsse 1000 Wagen haben.

Weil ich nicht schlafen will, gehe ich zurück in den Speisewagen. Inzwischen ist er gut besucht. Svetlana trägt einen Badge um den Hals: Dolmetscherin. «Ich spreche Deutsch, weil ich einen Schweizer Freund hatte», sagt die 38-Jährige. «Von Beruf aber bin ich Schauspielerin. Ich habe schon in mehr als 40 Filmen mitgespielt.» Sie reist nun schon zum zweiten Mal im Fan-Zug nach Sotschi und zurück nach Sankt Petersburg. «Ich mache das gerne, weil ich so mit vielen Leuten reden kann.»

Svetlana   

Svetlana   

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Kein Plan von der WM - das W-LAN funktioniert nicht

Es ist Nachmittag, und es sind noch 19 Stunden bis an Schwarze Meer. Jetzt erscheinen auch die Langschläfer Shawn, Nikita und Ansu im Bordrestaurant. Wir trinken Bier und Nikita schneidet Salami und Käse auf. Von der WM kriegen wir nichts mit, weil das angekündigte WLAN nicht funktioniert.

Doch das ist egal. Shawn erzählt, wie er am Samstag mit der Polizei Bekanntschaft gemacht habe. «Ich habe mit einem Girl geflirtet, und ein eifersüchtiger Platzhirsch wollte mir an die Gurgel. Die Polizei beförderte mich dann in ihren Kastenwagen, um mich zu schützen.» Ansu, der Boxtrainer, berichtet, dass er ein ganzes Jahr lang keine Ferien gehabt und an sechs Tagen in der Woche gearbeitet habe. «Aber ich will nicht klagen. Mir geht es gut. Ich verdiene 10 000 Dollar im Monat. Das ist auch für Moskauer Verhältnisse okay.»

Rossija! Rossija!

Es wird Abend. Wir sind nahe an der Grenze. Dort, wo der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine schwelt. Die Landschaft hat sich verändert. Sie ist weniger grün, die Ebenen sind endlos, und manchmal sieht man Bergehalden aus Kohle. Die Jungs sehnen Rostow herbei. «Ich werde in 17 Minuten sechs Zigaretten paffen», sagt Shawn. Plötzlich wird es laut: Drei Russen, die zuvor ordentlich Wodka gebechert haben, halten eine riesige Russland-Fahne in die Höhe: «Rossija! Rossija!»

Elmer Soto   

Elmer Soto   

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Dann kommen die Peruaner. Sie wollen Stärke demonstrieren und erscheinen zu zehnt. Alle tragen das weisse Leibchen mit dem schrägen roten Streifen über der Brust. Elmer Soto (47) sagt, er komme aus Chiclayo im Norden des Landes. Von dort, wo man die besten Meeresfrüchte esse. «Das ist meine erste WM. Es ist unglaublich: 70 000 Peruaner begleiten das Team!» Sie meinen 7000? «70 000! In Saransk sassen 40 000 im Stadion, 30 000 in der Stadt vor dem TV. Ich schwöre es!»

In Rostow stürzen die Jungs aus dem Zug. Sie rauchen. Shawn schafft nur fünf Zigaretten; immerhin. Noch 10 Stunden bis Buffalo. Ich schlafe gut – bis die Zugführerin um 8 Uhr die Leintücher einsammelt. Bald sehen wir das Schwarze Meer und Urlauber, die darin schwimmen. Bevor wir uns zu verabschieden beginnen, warnt mich Ansu: «Pass auf, Kumpel. Sotschi kann gefährlich sein. Die Kaukasier sind aggressiv.»
Pünktlich um 9.55 Uhr fahren wir in Sotschi ein. Die 37-stündige Zugfahrt liegt hinter uns. Sie war grossartig.

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