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FUSSBALL: Zwischen den Extremen

Besiktas Istanbul geht heute als Aussenseiter in den Champions-League-Achtelfinal gegen Bayern München. Aber für die Spieler des Clubs gibt es in der Türkei nicht nur sportliche Herausforderungen.
Carsten Meyer

Carsten Meyer

Der 10. Dezember 2016 war eigentlich ein ganz normaler Arbeitstag im Leben des Fussballprofis Andreas Beck. Gerade hatte der ­heutige Stuttgarter ein Meisterschaftsspiel mit Besiktas Istanbul gewonnen, 2:1 gegen Bursaspor. Und eine Stunde nach dem Abpfiff machte er sich auf den Heimweg, so wie immer. Beck wohnte in Istanbul nicht weit vom ­Stadion entfernt, mit dem Auto war er in 15 bis 20 Minuten zu Hause.

Dort angekommen, stellte er sich an sein Wohnzimmerfenster im elften Stock, blickte über den Bosporus – und zuckte urplötzlich zusammen. Zwei Bomben waren explodiert, kurz darauf hörte er die Sirenen von Feuerwehr, Polizei und Krankenwagen. 38 Menschen starben unweit des Stadions – an einer Stelle, an der Beck noch eine halbe Stunde zuvor vorbeigefahren war. «Schreckliche Momente», sagt er noch heute, «das schüttelst du nicht einfach aus den Kleidern.» Genauso wenig wie den Anschlag in der Silvesternacht drei Wochen später, als in einem Club ein Amokläufer 39 Gäste erschoss. Beck kannte das beliebte In-­Lokal am Ufer des Bosporus gut. Knapp sieben Monate zuvor ­hatte er dort mit seinen Kollegen die erste Meisterschaft nach sieben Jahren ausgiebig gefeiert.

Anhänger marschieren gegen Erdogan

Spieler sprechen ja immer gerne davon, dass sie Fussballer seien und mit Politik nichts am Hut ­hätten. In den meisten Fällen mag das stimmen. Aber in Istanbul lassen sich die Dinge nicht so ­genau trennen. Da sind zum ­einen die Anschläge. Da sind jedoch auch die Diskussionen um die generelle Ausrichtung eines Landes, das auf zwei Kontinenten liegt. Und das ein zuweilen seltsam anmutendes Demokratieverständnis offenbart.

Wer sich mit Besiktas Istanbul beschäftigt, sollte sich mit solchen Dingen auseinandersetzen. Denn die Anhänger des Clubs zählen nicht nur zu den leidenschaftlichsten weltweit – sondern auch zu den politischsten. Für Carsi, die grösste Anhängergruppierung, spielen soziale und gesellschaftliche Themen eine wichtige Rolle. Bei den Protesten 2013 im Gezi-Park marschierten Mit­glieder der Vereinigung in der ­ersten Reihe und galten als ein Schwungrad der Widerstands­bewegung gegen die Regierung um Präsident Recep Tayyip ­Erdogan.

Es kann also sehr unruhig sein in der Metropole. Mario ­Gomez war das alles zu gefährlich, er verliess Besiktas 2016 nach nur einem Jahr unter Hinweis auf die Sicherheitslage. Beck blieb, bis er im Sommer vergangenen Jahres nach Stuttgart wechselte. «Ich laufe nicht mit Scheuklappen durch die Gegend», sagt er, «aber ich hatte trotzdem nie wirklich Angst.» Es gibt ja auch die ganz andere Seite des Lebens als Fussballer in Istanbul. Die facettenreiche Stadt, der üppige Lohn bei den grossen Clubs. Das topmoderne Trainingszentrum von Besiktas sucht seinesgleichen. Und die Fans zeichnet eine bedingungslose Liebe zu ihrem Club aus. «Bei ­Erfolgen tragen sie dich auf ­Händen», sagt Beck, der es wissen muss. In ­seinen zwei Jahren bei Besiktas ­wurde er zweimal Meister. Wenn er die typischen Touristenorte der Stadt besuchen wollte, setzte er sich eine grosse Sonnenbrille auf und zog die Mütze tief ins Gesicht. Sonst wäre er nicht weit gekommen.

Mit Oropax in das Stadion

Experten besuchen die Heimspiele Besiktas nur mit Oropax. Ein Presslufthammer kommt auf 100 Dezibel, ein startender Düsenjet in 25 Metern Ent­fernung auf 125. Ein Heimspiel von Besiktas kann lauter sein. Als Leipzig im September in der Champions League zu Gast war, sah man, wie sich Stürmer Timo Werner in dem Hexenkessel die Ohren zuhielt, später wurde er ausgewechselt. Auf diese Wirkung hoffen die Türken auch im Achtelfinal gegen die Bayern.

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